Freiwillige von Rabbis for Human Rights pflücken Oliven; Foto: Tania Krämer/DW

Nahostkonflikt
Westjordanland: Olivenernte unter dem Schutz von Rabbis

Fast jedes Jahr im Herbst sind palästinensische Bauern während der Olivenernte Übergriffen von militanten Siedlern ausgesetzt. Freiwillige der israelischen Nichtregierungsorganisation Rabbis for Human Rights versuchen die Bauern mit ihrer Präsenz zu schützen. Von Tania Krämer

Die Sonne strahlt an diesem Herbsttag auf die Olivenhaine im Tal. Der Palästinenser Bashar Sharab verteilt frischen Kaffee in Pappbechern an seine Helfer. Israelis und Palästinenser stehen auf Leitern, um an die kleinen Früchte zu kommen, andere verteilen Plastikplanen unter den Bäumen, um herabfallende Oliven aufzufangen. 

Die Israelis sind als freiwillige Helfer für die Organisation Rabbis for Human Rights, (RHR, Rabbiner für Menschenrechte) unterwegs. Die Organisation, 1988 gegründet, sieht sich als Stimme für "Gerechtigkeit mit Wurzeln in der jüdischen Tradition". Unter den Freiwilligen sind säkulare Israelis ebenso wie orthodoxe Rabbiner.

Heute verbringen sie einige Stunden im besetzten Westjordanland, um den Palästinensern für einige Stunden bei der Olivenernte zu helfen. Israel hat das Gebiet 1967 von Jordanien erobert.

"Heute ist wie ein Festtag für uns, weil die Engagierten von Rabbis for Human Rights da sind und wir hier in Sicherheit arbeiten können. Es ist nicht wichtig, ob sie arbeiten oder nicht. Dass sie gekommen sind und bei uns sind, gibt uns ein Gefühl der Sicherheit, das es hier es sonst nicht gibt," sagt Sharab, der aus dem nahegelegenen Dorf Awarta nahe der palästinensischen Stadt Nablus stammt.

Zunehmende Siedlergewalt gegen Olivenhaine in Westjordanland

 

Mitte Oktober, nach dem ersten leichten Regen, hat die Olivenernte begonnen. Das Pflücken ist Knochenarbeit. In dieser Gegend kommt hinzu, dass es auch schnell gefährlich werden kann. Vorfälle mit gewaltbereiten israelischen Siedlern nehmen gerade während der Olivenernte im Herbst zu, so Menschenrechtsorganisationen.

Palästinenserin bei der Olivenernte; Foto: Tania Krämer/DW
Eine Palästinenserin bei der Olivenernte: Olivenbäume symbolisieren für Palästinenser die enge Verbundenheit mit ihrem Land. Gleichzeitig sind sie aber auch eine wichtige wirtschaftliche Ressource. Fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche im Westjordanland ist mit Olivenbäumen bepflanzt. Laut des UN-Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten sind rund 80.000 Familien auf Olivenöl als primäre oder sekundäre Einkommensquelle angewiesen. Viele nutzen das Olivenöl auch für den Eigenbedarf - bis zur nächsten Ernte.

"Jedes Jahr wird es schlimmer seitens der Siedler, die die Ortsansässigen schikanieren," sagt Helferin Rachel Yagil. Die 77-Jährige aus Tel Aviv pflückt seit vielen Jahren Oliven an der Seite von Palästinensern. "Es ist wichtig, dass wir hier Präsenz zeigen und damit auch zeigen, dass nicht alle Israelis gewaltbereit sind."  

Sharab wirft einen Blick nach oben - und zeigt auf die Häuser der Siedlung Itamar oben auf dem Hügel. An manchen Tagen sage die Armee, es sei nicht erlaubt, ohne vorherige Absprache auf diesem Teil des Feldes zu sein, erzählt er. "Es ist nicht erlaubt hier zu sein, weil das Feld nahe an der Siedlung Itamar liegt - aber schau, wie weit wir von Itamar entfernt sind!"

Seit Beginn der Ernte hat die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din mindestens 41 Vorfälle von Siedlergewalt gegen Palästinenser dokumentiert. Darunter sind tätliche Angriffe, teilweise mit Schlägern, Steinen oder auch der Diebstahl der Olivenernte. Außerdem wurden allein in der Zeitspanne mindestens 400 Olivenbäume abgeholzt oder verbrannt, mit Folgen für Wirtschaft und Umwelt.

Jeder beschädigte Baum ist ein großer Verlust, denn die Olivenhaine symbolisieren für viele Palästinenser die enge Verbundenheit mit ihrem Land. Sie sind auch eine wichtige wirtschaftliche Ressource. Fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche im Westjordanland ist mit Olivenbäumen bepflanzt. Laut des UN-Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UN- OCHA) sind rund 80.000 Familien auf Olivenöl als primäre oder sekundäre Einkommensquelle angewiesen. Viele nutzen Olivenöl auch für den Eigenbedarf - bis zur nächsten Ernte.

"Schutzschild" für die palästinensischen Bauern

 

"Als Rabbiner für Menschenrechte verbinden wir unsere jüdischen Werte mit Menschenrechtsfragen," sagt Avi Dabush, Direktor von RHR. "Unser Fokus liegt auf der  [israelischen] Besatzung, und – so wie in diesem Fall – den Rechten der palästinensischen Bauern", sagt Dabush. "Wir versuchen dabei, optimistisch zu sein und praktisch zu denken." Präsenz bei der Olivenernte zu zeigen, beende zwar nicht die Besatzung, aber "wir hoffen, dass es an diesen Tagen zumindest weniger Gewalt gibt als sonst. "

Avi Dabush, Direktor der Nichtregierungsorganisation Rabbis for Human Rights (links); Foto: Tania Krämer/DW
Avi Dabush, Direktor von Rabbis for Human Rights, (links) im Gespräch: "Als Rabbiner für Menschenrechte verbinden wir unsere jüdischen Werte mit Menschenrechtsfragen," sagt Dabush. "Unser Fokus liegt auf der [israelischen] Besatzung, und – so wie in diesem Fall – den Rechten der palästinensischen Bauern. Wir versuchen dabei, optimistisch zu sein und praktisch zu denken." Die Präsenz der Freiwilligen bei der Olivenernte beende zwar nicht die Besatzung, aber "wir hoffen, dass es an diesen Tagen zumindest weniger Gewalt gibt als sonst."

Die Gewalt gehe dabei vor allem von extremistischen, meist jungen Siedlern aus, meist aus illegalen Siedlervorposten. Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz berief am Donnerstag eine Sondersitzung ein, um den Anstieg von Siedlergewalt zu diskutieren, berichtet die israelische Tageszeitung Ha'aretz. "Die Ohnmacht im Umgang mit dieser Gewalt, ist systematisch," schreibt Journalist Amos Harel. "Und wenig wurde bislang getan, um die Situation zu verbessern, obwohl diese schon viele Jahre andauert."

Draußen im Olivenhain erklärt RHR-Direktor Avi Dabush, dass sie im Kontakt mit der israelischen Armee seien. "Die israelische Armee (Israel Defence Forces, IDF) weiß, dass dies gefährliche Orte für die Bauern sind. Und wir versuchen, eine Art Schutzschild für die Bauern gegen diese Gewalt zu sein."

Ende Oktober wurden junge Siedler dabei gefilmt, wie sie Israelis und Palästinenser übel beschimpfen und mit Pfefferspray besprühen. Auch ein Soldat ist auf dem Handyvideo zu sehen, der danebensteht. Samir Awad, palästinensischer Koordinator von RHR, erinnert sich: "Die Siedler haben uns attackiert, vor den Augen der Soldaten, aber sie haben nicht wirklich viel gemacht", so Awad.

In einer Stellungnahme der Armee auf Anfrage der Deutschen Welle zu dem Vorfall heißt es: "Wie in dem Video zu sehen ist, waren IDF-Truppen sofort im Einsatz. Die Angaben zum Täter und der Fall wurden zur weiteren Bearbeitung an die israelische Polizei übergeben." Die israelische Armee, die das Westjordanland militärisch kontrolliert, "unternimmt große Anstrengungen, um gewalttätige Zwischenfälle in der Region Judäa und Samaria zu verhindern", so die Stellungnahme weiter.

Auch eine unberechenbare Bürokratie macht es Palästinensern schwer, auf ihren Feldern zu arbeiten, nicht nur zur Erntezeit. Vor allem in Gegenden in der Nähe von Siedlungen müssen manche Bauern den Zugang zu ihren Feldern zuvor bei der israelischen zivilmilitärischen Koordinierungsstelle (Cogat) beantragen, die das Westjordanland verwaltet. Manches Mal werde die Erlaubnis nur für wenige Tage erteilt, klagen die Bauern, oder plötzlich werde für ein Gebiet von heute auf morgen eine Erlaubnis nötig.

"Diese Bäume brauchen Aufmerksamkeit wie ein kleines Kind," sagt Samir Awad mit Blick auf das restliche Jahr. "Man muss einen Baum pflegen, die Äste beschneiden. Man muss sich um den Boden kümmern, ihn umgraben und düngen." Dies lasse sich nicht nur auf bestimmte Tage im Jahr beschränken.

Tania Krämer

© Deutsche Welle 2021

 

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