Uriya Rosenman und Sameh Zakout sind "Dugri".

Nahostkonflikt
Palästinensisch-israelischer Rap für Verständigung

"Wir haben genug von Hass und Gewalt": Als im Mai letzten Jahres die Situation zwischen der Hamas und Israel wieder eskalierte, suchten ein jüdischer und ein arabischer Israeli nach einer künstlerischen und aufrüttelnden Antwort. In ihren Clips nennen sie sich: "Dugri" - Klartext reden für eine bessere Zukunft. Von Sarah Judith Hofmann

Jaffa im Dezember 2021: Arabische Familien sitzen in den Restaurants der Altstadt, daneben junge Israelis in Hipster-Cafés. Die Atmosphäre ist entspannt. "Wir bringen uns hier nicht täglich um", sagt Sameh Zakout, der in einer kleinen Seitenstraße von Jaffa sein Studioapartment hat. "Im Alltag kommen wir gut miteinander klar." Er lacht bitter.

Dass ein Jude und ein Palästinenser aber tatsächlich am selben Tisch sitzen und offen miteinander reden, das sei die absolute Ausnahme. Genau das aber tun Sameh Zakout und Uriya Rosenman: Sie reden Klartext. So in etwa könnte man das Rap-Projekt der beiden Israelis mit unterschiedlichen Wurzeln ins Deutsche übersetzen. "Dugri" ist arabisch und bedeutet: geradeheraus.

In ihrem neuen Video, veröffentlicht im November 2021, sitzen sie auf zwei Stühlen, Rücken an Rücken, ihre Körper fest mit einem Seil aneinander gebunden.

So sehr sie sich winden und am Seil zerren, der eine kommt nicht los von dem anderen - eine Metapher auf die Situation von Israelis und Palästinensern im Nahostkonflikt. Der Refrain erinnert wohl nicht zufällig an den Slogan der "Black Lives Matter" Bewegung nach dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners George Floyd: "I can't breathe". In "Munfas", so der arabische Titel, singen die beiden jeweils in ihren Muttersprachen Arabisch und Hebräisch: "Wir können nicht atmen". Es ist ein Aufschrei und drückt die verzweifelte Hoffnung auf Wandel nach einer Eskalation der Gewalt aus.

Jaffa im Mai 2021: "Es herrschte Panik"

Im Mai waren Raketen aus Gaza erst auf Jerusalem und später auf Tel Aviv abgefeuert worden. Die israelische Luftwaffe bombardierte Gaza.

Die einst palästinensische Stadt Jaffa, die im heutigen Staat Israel zu einem Teil von Tel Aviv geworden ist, glich tagelang einem Kriegsgebiet. Zertrümmerte Autos und Geschäfte voller Glassplitter, der berühmte Flohmarkt verrammelt.

Bombenangriff auf Gaza, die israelische Antwort auf die Raketenbeschüsse der Hamas; Foto: Mohamed Abed/AFP
Ein Teufelskreis, der sich immer weiter dreht: Im Mai 2021 eskalierte der Konflikt zwischen Israel und der Hamas erneut. Die Hamas feuerte Raketen aus Gaza erst auf Jerusalem und später auf Tel Aviv. Die israelische Luftwaffe bombardierte daraufhin Gaza, wie auf dem Bild zu sehen. In dieser angespannten Situation produzierten Uriya Rosenman und Sameh Zakout ihren ersten Clip, der millionenfach geklickt wurde. In der Folge wurden die Künstler in Schulen im ganzen Land eingeladen, um ihre Rap-Texte zu diskutieren. Die junge Generation, so hoffen sie, müsse es schaffen, sich endlich aus dem Teufelskreis von Rassismus und Gewalt zu befreien.

Viele Einwohner trauten sich nicht auf die Straße, weil es immer wieder zu Angriffen von arabischen Extremisten auf Juden und von jüdischen Mobs auf Araber kam. Jaffa und viele andere gemischt arabisch-jüdische Städte in Israel standen unter Schock. "Das war eine völlig neue Dimension", erinnert sich Uriya Rosenman. "Es herrschte Panik." Der Krieg wurde nicht mehr nur zwischen der Hamas im Gazastreifen und den israelischen Streitkräften ausgetragen, er fand zwischen Israelis unterschiedlicher Herkunft statt. Und viele fragten sich, wie es soweit kommen konnte.

Ein Rap-Song erschien da wie eine Erleuchtung und eine Ohrfeige zugleich. Denn er machte klar, was viele vorher nicht wahrhaben wollten: Die unterschwellige Aggression zwischen Israelis palästinensischer und jüdischer Herkunft existierte seit Langem, es bedurfte nur eines Auslösers, um sie hervortreten zu lassen. Es war der erste Song des Rap Duos Rosenman/Zakout mit dem Titel: "Dugri".

Vorurteile und Rassismus auf beiden Seiten

Auf Hebräisch rappt Uriya: "Wo immer Araber sind, gibt es Terroranschläge. Und ihr erwartet, dass ihr in Nachtklubs reinkommt? Warum hört ihr nicht auf, unsere Frauen zu belästigen?"

Sameh erwidert auf Arabisch: "Ihr Juden habt vergessen, was es bedeutet, eine Minderheit zu sein." Und: "Ihr sagt: Ein guter Araber ist ein toter Araber."

Uriya Rosenman hatte Dutzende Menschen in ganz Israel für diese Texte nach ihren Vorurteilen gefragt, lange vor der Eskalation im Mai. Er hörte Hass und Rassismus auf beiden Seiten. Uriya betont: Nichts an den Beschimpfungen sei ausgedacht. "So klingen wir auf Familienfesten, wenn wir unter uns sind."

Im Mai 2021 kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Juden und Arabern in Jaffa; Foto: Ahmed Gharabi/AFP
Mai 2021, Jaffa unter Schock: Viele Einwohner trauten sich nicht auf die Straße, weil es immer wieder zu Angriffen von arabischen Extremisten auf Juden und von jüdischen Mobs auf Araber kam. "Das war eine völlig neue Dimension", erinnert sich Uriya Rosenman. "Es herrschte Panik." Der Krieg wurde nicht mehr nur zwischen der Hamas im Gazastreifen und den israelischen Streitkräften ausgetragen, er fand zwischen Israelis unterschiedlicher Herkunft statt. Und viele fragten sich, wie es soweit kommen konnte.

Er selbst sei ein klassischer Mainstream-Israeli gewesen, erzählt Uriya: Nach der Highschool ging er zur Armee, wurde Kampfsoldat. "Ich hatte Angst vor der arabischen Sprache", erinnert er sich. "In der Armee lernt man: Das ist die Sprache des Feindes." Von der Geschichte der Palästinenser hatte er lange Zeit keine Ahnung.

Palästinenser und Israeli

Sameh erzählte ihm von der "Nakba", der "Katastrophe", wie die Palästinenser Flucht und Vertreibung infolge der Staatsgründung Israels 1948 nennen. Und wie sie seine Familie über die ganze Welt verstreut hat - von Israel über Gaza bis in den Libanon und nach Deutschland. Sameh hat einen israelischen Pass. Doch der häufig verwendete Begriff "arabischer Israeli" gefällt ihm nicht. Das sei nicht "Dugri", meint er, nicht ehrlich, sondern beschönige den Konflikt der beiden Identitäten. Er sei Palästinenser. Und er habe einen israelischen Pass und wolle die gleichen Rechte haben wie Uriya.

Als sich die beiden zum ersten Mal trafen, trugen auch sie Vorurteile in sich. Jahrelang hatte Uriya, der aus der Bildungsarbeit kommt, bereits an einem Song über Rassismus in Israel gearbeitet, als ein Producer ihm schließlich Sameh vorstellte, den Rapper aus Jaffa. Gemeinsam mit ihm wollte Uriya den Song aufnehmen.

Er sei skeptisch gewesen, erzählt Sameh, wollte nicht eingespannt werden für ein sogenanntes "Koexistenz-Projekt", das nur zeigen soll, dass Juden und Araber doch friedlich miteinander leben könnten, während es in Wahrheit unter der Oberfläche brodelt. Er war überrascht, dass Uriya tatsächlich Klartext reden wollte. 
 

 

Hoffnung auf Wandel

Der Clip ging viral, wurde allein auf dem Nachrichtenportal der israelischen Tageszeitung Ynet eine Million Mal angesehen und auf verschiedenen Facebookseiten geteilt und ebenfalls millionenfach geklickt. Vom israelischen Newsportal Ynet bis zu CNN gaben die beiden Künstler etliche Interviews. Und wurden in der Folge in Schulen im ganzen Land eingeladen, um ihre Rap-Texte zu diskutieren. Die junge Generation, so hoffen die beiden, müsse es schaffen, sich endlich aus dem Teufelskreis von Rassismus und Gewalt zu befreien.

"Ich bin anders als Uriya", sagt Sameh. "Wir haben unterschiedliche Geschichten, sind nicht immer einer Meinung, aber wir kommen trotzdem klar." Die beiden sind nicht naiv, sie wollen nicht mit Rap den Nahostkonflikt lösen. Aber sie wollen Hoffnung machen: "Wir trafen uns als Fremde und heute sind wir beste Freunde. Wenn wir es schaffen", sagt Uriya, "können das auch andere."

Sarah Judith Hofmann

© Deutsche Welle 2022

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