Nahöstliche Musik

Mit anderen Ohren hören

Die nahöstliche Musik gilt im Westen meist als Folklore aus Tausendundeiner Nacht. Wie falsch das ist, zeigt eine Betrachtung von Tayfun Guttstadt.

Brot backen, Yogi werden, fremde Sprachen entdecken: Das Angebot an virtuellen Bildungsmöglichkeiten während der Corona-Krise ist überwältigend. Von diesem Appetit auf Neues profitiert in Deutschland auch die nahöstliche Musik, deren Bekanntheit durch die Zuwanderung der letzten Jahre ein ansehnliches Niveau erreicht hat.

Rasch haben westlich ausgebildete Geiger oder Cellisten syrische Volkslieder oder "arabische Tonleitern" erlernt, Wohnzimmerkonzerte mit der Kurzhalslaute Oud oder der Kastenzither Kanun werden über Facebook tausendfach geteilt. Das Ganze nennt sich dann "orientalische", "türkische" oder "arabische" Musik und ist fast immer volkstümlich konnotiert. Klänge "aus Tausendundeiner Nacht" eben.

Solche Marketingstrategien arbeiten – gewissermaßen in Erfüllung der alten Goetheschen Sehnsucht – mit zwei Polen: hier das kultivierte klassische Abendland, da die romantische Volkskultur des Orients. Temperamentvoll und monolithisch die Letztere, eher rational und weniger gefühlvoll die Erstere.

 

Diese Assoziationen stellen, bewusst oder nicht, eine Fortsetzung orientalistischen Denkens und einer trennscharfen Grenze zwischen "Orient" und "Okzident" dar. Dass die Welt und die Musik viel komplexer und vielfältiger sind, als dichotome Bilder es evozieren, wird dabei so geflissentlich unterschlagen und übersehen wie die reiche Musikkultur, die der Raum zwischen Balkan und Zentralasien kennt.

Musik für das geschulte Ohr

Auch im Nahen Osten existiert eine klassische Kultur – die des Hofes, der Herrschenden, der religiösen Würdenträger, der Intellektuellen und Dichter. Eine Elitenkultur, in der Komponisten und Musiker sich stets zu übertreffen suchten und in der die genaue Kenntnis der musikalischen Regeln hohes Ansehen genoss. Diese Musik sucht das geschulte Ohr.

Das Verhältnis zwischen ihr und der orientalischen Folklore (Hochzeitskapellen, Dorfbarden) ist kein anderes als das zwischen Bach oder Beethoven und mitteleuropäischer Volksmusik. Hier wie da greifen die Eliten und das Volk auf ähnliche Strukturen zurück. Behandelt werden beide höchst unterschiedlich.

 

Vergeblich suchte man nach einem "Abend der deutschen Musik", an dem Brahms’ Violinkonzert und Stücke aus Ludwig Erks Deutschem Liederhort gespielt würden. Obgleich nicht weniger merkwürdig, sind vergleichbar beliebige Kombinationen unter der Prämisse "türkische", "arabische" oder "Weltmusik" durchaus an der Tagesordnung.

Im Zeichen des Nationalismus

An dieser Vereinfachung sind die Nationalisten des Nahen Ostens nicht unschuldig. Aus den Trümmern des Osmanischen Reichs entstanden, propagierten die jungen Nationalstaaten eine Kultur, die den Volkscharakter zu schützen hatte und gleichzeitig europäisches Niveau erreichen wollte.

Oft war dies eine Mischung klassischer und folkloristischer Elemente – wie im Falle der für die Diva Kairos, Umm Kulthum, komponierten Musik. Sie wurde nun einfach als "ägyptische Musik" bezeichnet, im Zeichen des Nationalismus.

 

Ähnliches geschah in der Türkei. Der Bezug auf die Musik des einfachen Mannes zielte zudem auf die Abkehr vom Osmanischen Reich (das man als rückständig empfand) und von seiner Kultur. Auch für religiöse Kultur hatten die mit dem Ersten Weltkrieg an die Macht gekommenen Generale und Könige nicht viel übrig. Sie stelle ein Hindernis dar beim Einholen des europäischen Vorsprungs.

Musikalisch ist diese Vorstellung amüsant: Der Gigant der abendländischen Musik, Johann Sebastian Bach, komponierte fast ausschließlich religiöse Musik. Im Nahen Osten waren bestimmte Sufi-Orden über Jahrhunderte hinweg Kaderschmieden klassischer Musik.

Orientalische Projektionsfläche

Auch die eurozentrische Perspektive der Deutschen, Franzosen und Engländer trug ihren Teil zur Schieflage bei: Die Musik der außereuropäischen Völker wurde, ungeachtet aller Differenzen und unterschiedlichen Qualitäten, zur orientalistischen Projektionsfläche. Wild, sinnlich und irrational musste sie sein, mystisch, direkt aus dem Herzen sprechend. Auch Menschen mit Wurzeln im Nahen Osten waren und sind von solchen Vorstellungen nicht frei.

All diese Anschauungen verzerren die Wahrnehmung eines gewaltigen Kulturerbes. Der Unterschied zwischen osmanischer Hofmusik und anatolischen Volksgesängen ist essenziell. Aufführungspraxis, soziale Stellung, der Anspruch an Musiker und Hörer sind grundverschieden.

Eine Musik wie die klassische osmanische, die mit einem streng definierten System arbeitet, vornehmlich mit roher Emotion und Wüste zu assoziieren spricht jedenfalls nicht für einen vorurteilsfreien Blick auf die Welt. Andersherum drängt sich die Frage auf, ob es einer Musikkultur, die Beethovens Klaviersonaten hervorgebracht hat, tatsächlich an Emotionalität mangeln kann.

 

Ausschweifende Improvisationen

Die klassischen Musikstile des Nahen Ostens haben eine unerreichte Vielfalt an melodischen Geschlechtern und einen feinfühligen Umgang mit Intonation ausgebildet. Die Aufgabe der Musiker und Komponisten ist es, diese Maqam (im Persischen Dastgah) genannten Melodiegeschlechter bis ins letzte Detail hinein zu beherrschen.

Je genauer man die Charakterzüge der Maqamen kennt, desto höher das eigene Ansehen. Kennen heißt hier vor allem, den Maqam wiedergeben zu können. Daher die oft ausschweifenden Improvisationen in Aufführungen klassischer nahöstlicher Musik. Der Interpret bereitet im sogenannten Taksim – einer Solo-Improvisation, die zwingend im Maqam des folgenden Stücks erklingen muss – nicht nur die Stimmung für das folgende Stück vor, sondern zeigt auch sein musiktheoretisches Wissen. Dieses ist von größerer Bedeutung als das handwerkliche Können.

Das Hören und Wertschätzen dieser Feinheiten will geübt sein – nicht anders als in der europäischen Musik. Ohren brauchen Schulung: um Achteltöne hören zu können, komplexe Akkordumkehrungen oder die Auflösung eines harmonischen Vorhalts.

Da die europäische Musik in Skalen (Tonfolgen, von lateinisch scala = Leiter) und Tonarten denkt, tendieren Europäer dazu, auch jede auf anderen Prinzipien fußende Musik skalisch zu begreifen. Dies führt unweigerlich zu Vereinfachungen und Verfälschungen.

 

Der Maqam – eine abstrakte Melodieführung

Die osmanische Hofmusik kennt an die 600 Maqamen, was türkische Musiker bisweilen zu der gewagten These verleitet, die türkisch-osmanische Musik sei der abendländischen überlegen, da diese nur zwei Geschlechter kenne – Dur und Moll.

Ein beeindruckender Vergleich, doch leider unzutreffend. Die Maqamen sind nämlich nicht einfach Tonleitern, sondern haben weitere Charakteristika. Dies zu verstehen ist der Schlüssel zum Hören von klassischer Musik aus dem Nahen Osten. Ein Maqam gibt eine ungefähre, abstrakte Melodieführung vor. Hierzu nutzt er einen Katalog an Tongruppen, die durch Feinstintervalle und typische Bewegungen bestimmt sind, sogenannte Dschins (von griechisch génos = Art).

Viele Maqamen greifen nicht nur auf einen oder zwei, sondern auf eine Vielzahl an Dschins zurück und weisen etwa in der Oktave ein anderes Verhalten auf als im Grundregister. Start- und Endpunkt sowie ein typischer Verlauf, gegebenenfalls strikt vorgegebene Modulationen und typische Erweiterungen machen den Charakter eines Maqam aus. Ähnlichkeiten zu den altgriechischen Kirchenmodi sind unüberhörbar.

 

Ähnlich wie diese nutzen einzelne Maqamen manche Töne in exponierter Weise (in der Liturgie ist dies der Ton, auf dem der Großteil des Textes gelesen wird). Durch die Verschiebung des tonalen Zentrums dank raffinierter melodischer Kompositionen können aus demselben Tonvorrat zahlreiche Maqamen geschöpft werden, die ganz eigene Stimmungen evozieren. Diese Nuancen existieren in der Volksmusik nur in sehr abgeschwächter Form.

Warum ist es wichtig, dies zu verstehen? Ein klischeefreies Hören nahöstlicher Musik kann dem europäisch geschulten Geist neue Horizonte eröffnen.

Diese Musik in ihrem künstlerischen wie historischen Reichtum zu erfahren könnte ein bedeutender Schritt sein bei der Überwindung eines eurozentrischen Weltbildes, das unseren Blick auf Musik und Philosophie genauso verzerrt wie auf Religion, Politik, Geschichte und Ästhetik.

Die Welt mit anderen Ohren zu hören wirkt mindestens so bereichernd, wie sie mit neuen Augen zu sehen.

Tayfun Guttstadt

© Die Zeit 2020

Der Autor ist Musiker und Kulturwissenschaftler und lebt in Berlin.

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