Die post-monarchischen Staatschefs ab 1952, Gamal Abdel Nasser, Anwar El-Sadat, Hosni Mubarak und ganz besonders der derzeit amtierende Abd al-Fattah al-Sisi, heißen bei Hermann "Generäle als Pharaonen". Zitat: "Unter Sisi entwickelte sich Ägypten zu einem Polizeistaat, und dank einer Verfassungsänderung kann er mindestens bis zum Jahr 2030 im Amt bleiben."  

Naher Osten  
Abrechnung mit den Autokraten

FAZ-Redakteur Rainer Hermann erklärt in seinem Buch über "Die Achse des Scheiterns“ erfrischend klar, was in der arabischen Welt alles schiefläuft. Wolfgang Freund hat das Buch gelesen.

"Die Achse des Scheiterns" ist ein Rundumschlag von großer innerer Logik. Das Buch liefert eine ungebremste Abrechnung mit den inzwischen seit Jahrzehnten staatslenkenden inkompetenten Machthabern von Marokko bis Irak, mit Korruption, Klientelismus, uferlosem Machthunger und einem menschenverachtenden, ausbeuterischen Umgang mit der eigenen Bevölkerung. 

Und das Buch ist erfrischend. Vor allem dann, wenn man die berufliche Verankerung des Autors Rainer Hermann, Jahrgang 1956, in Betracht zieht. Mehrsprachiger (inkl. Arabisch) Islamwissenschaftler und Volkswirt, arbeitet er in der politischen Redaktion der Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ressort: Türkei und Naher Osten allgemein. FAZ-Leser sind in der Regel einen anderen Sound gewöhnt: bürgerlich ausgewogen, "sowohl als auch"-Töne, politically correct wo immer möglich - doch hier geht es geradlinig zu. 

"Generäle als Pharaonen" am Nil  

Beispiel Ägypten, dem der Autor seine ganze Aufmerksamkeit schenkt: Die post-monarchischen Staatschefs ab 1952, Gamal Abdel Nasser, Anwar El-Sadat, Hosni Mubarak und ganz besonders der derzeit amtierende Abd al-Fattah al-Sisi, heißen bei Hermann "Generäle als Pharaonen". Zitat: "Unter Sisi entwickelte sich Ägypten zu einem Polizeistaat, und dank einer Verfassungsänderung kann er mindestens bis zum Jahr 2030 im Amt bleiben."  

Die jungen Menschen in Ägypten, und das ist die Mehrzahl von heute zwischen 102 und 103 Millionen Ägyptern, charakterisiert der Autor als "Generation Gefängnis". Dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron wirft Rainer Hermann vor, Al-Sisi bei dessen Staatsbesuch in Paris den höchsten Orden der Republik (La Medaille de Grand-Croix de la Légion d'honneur) verliehen zu haben. Ja, für welche Verdienste eigentlich? 

Cover von Rainer Hermann, "Die Achse des Scheiterns. Wie sich die arabischen Staaten zugrunde richten"; Quelle: Verlag Klett-Cotta
"Die Achse des Scheiterns" ist ein erfrischender Rundumschlag von großer innerer Logik und gleichzeitig eine ungebremste Abrechnung mit den inzwischen seit Jahrzehnten herrschenden Autokraten in der arabischen Welt. Die inkompetenten Machthaber von Marokko bis Irak richten mit Korruption, Klientelismus, uferlosem Machthunger und einem menschenverachtenden, ausbeuterischen Umgang mit der eigenen Bevölkerung ihre Länder zugrunde. 

Die Frühlingsrevolten enden in der Sackgasse

Gleichartiges gilt für Algerien, Libyen, Sudan, Syrien, Jemen, Saudi-Arabien.

Die arabischen Winter- und Frühlingsrevolten von 2010/2011, ob sie nun offen oder verdeckt stattfanden, enden in Sackgassen, abgesehen von Tunesien, das seine schmerzhaft errungenen demokratischen Strukturen bislang noch bewahren kann.  

Vielleicht schafft es auch Marokko, aus seinem postkolonialen, monarchischen Absolutismus allmählich auszubrechen. Möglicherweise ist König Mohammed VI. ein besserer "Demokrat", als der ihm vorausgegangene Ruf vermuten ließ. Eine nicht allzu ferne Zukunft wird uns dazu Näheres berichten.

In Algerien, dem größten Land des ehemals französischen Maghreb, sowohl geografisch (2,38 Millionen Quadratkilometer) und demografisch (43,8 Millionen Einwohner) als auch hinsichtlich des Wirtschaftspotenzials (Erdöl, Erdgas, leider in falschen Händen!), müssten Gleise, die in eine bessere Zukunft führen sollen, völlig neu gelegt oder deren Weichen umgeschaltet werden. 

Am schlimmsten sieht es in Libyen, im Jemen sowie im sogenannten "Fruchtbaren Halbmond" (Syrien, Libanon, Irak) aus.

Eigentlich existieren diese Länder in ihrer bis vor wenigen Jahren noch gegebenen Form heute gar nicht mehr.

Sie zerfallen zunehmend in ethnisch oder religiös gefärbte "Distrikte", wo meist hochkriminelle Warlords das Sagen haben, ausländische Mächte (Türkei, Iran, Russland, aber auch die USA) kleinkarierte mörderische Stellvertreterkriege führen (lassen) und Millionen Menschen in die Flucht treiben, in Richtung Europa. 

Niemand in Europa soll glauben, das ginge ihn nichts an 

Das ist Chaos total für jedermann, also auch für "uns", die wir glauben mögen, das Geschehen berühre Europa nur am Rande. In Wirklichkeit sitzen wir alle auf einem Monstervulkan, der jederzeit ex- wie auch implodieren kann.  

Hermann analysiert die zwischen Nordafrika, dem Nahen Osten und "uns" aufgebrochenen Perversitäten kühl und sachlich. Pikanterweise hat das alles mit dem "historischen" Nahostkonflikt zwischen Israel und der arabischen Welt faktisch nichts mehr zu tun. Jeder mit Maghreb und Nahost näher Befasste kommt an Rainer Hermanns "arabischem Scheitern" nicht vorbei. Lichtblicke am Horizont? Kaum wahrnehmbar.  

Bei Lehnert & Landrock, der traditionsreichen, bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden deutschen Buchhandlung in Downtown Cairo, dürfte das Buch allerdings nicht zu finden sein. Stattdessen gibt es Hitlers "Mein Kampf" (arab. Kifahi) in diversen arabischen Übersetzungen bei fliegenden Händlern an mehreren Straßenecken der Kairoer Innenstadt. 

Wolfgang Freund  

© Süddeutsche Zeitung 2022 

Wolfgang Freund ist ein deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt Mittelmeerkulturen). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch.

Rainer Hermann, "Die Achse des Scheiterns. Wie sich die arabischen Staaten zugrunde richten", Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 302 Seiten,18 Euro.

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