Nader Othman, Vize-Premier der syrischen Interimsregierung

"Die Menschen wollen Profis, keine Facebook-Helden"

Die Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte und die ihr unterstellte Interimsregierung stehen international in der Kritik. Sie gelten als ineffektiv, zerstritten und ohne Rückhalt in Syrien. Kristin Helberg sprach mit Nader Othman, dem Vize-Premier der Interimsregierung, über gewählte Provinzräte und warum Syrien jetzt Ingenieure statt Helden braucht.

Herr Othman, was tun Sie konkret für die Menschen in Syrien?

Nader Othman: Die Interimsregierung versucht, in den von der Opposition kontrollierten Gebieten Dienstleistungen anzubieten und eine zivile Verwaltung wiederaufzubauen. Das ist unsere Antwort auf Militarisierung und Extremismus. Nach vier Jahren haben die Leute es satt, mal von dieser, mal von jener Brigade regiert zu werden, sie wissen zivile Verwaltung sehr zu schätzen.

Wo in Syrien sind Sie präsent?

Othman: Mit unseren Leuten erreichen wir etwa 40 Prozent des syrischen Staatsgebietes, während wir militärisch nur etwa 25 Prozent kontrollieren: große Teile der Provinzen Aleppo und Idlib, Gebiete um Homs und Hama, im Süden die Provinzen Daraa und Quneitra und das Umland von Damaskus.

In all diesen Gebieten kämpft auch die Nusra-Front, der syrische Al-Qaida-Ableger. Die gemäßigten Rebellen sind ihr inzwischen vielerorts unterlegen.

Othman: Die Nusra-Front lässt unsere Mitarbeiter gewähren. Sie können vor Ort Stromnetze reparieren oder die Wasserversorgung wiederherstellen. Die Nusra-Front weiß, dass unsere Leute nur kommen, um den Menschen zu helfen.

Wer arbeitet in Syrien für die Interimsregierung?

Die dschihadistische Al-Nusra-Front erobert Idlib, Foto: Reuters
Zweckbündnis zum beiderseitigen Nutzen: "Die Nusra-Front lässt unsere Mitarbeiter gewähren. Sie können vor Ort Stromnetze reparieren oder die Wasserversorgung wiederherstellen. Die Nusra-Front weiß, dass unsere Leute nur kommen, um den Menschen zu helfen", erklärt Nader Othman, Vize-Premier der Interimsregierung.

Othman: Wir haben etwa 3.000 Angestellte in Syrien. Die Hälfte von ihnen sind Mitglieder der Lokalen Räte, die anderen sind Ingenieure und Techniker. Wir arbeiten mit 464 Lokalen Räten und Stadtverwaltungen zusammen und haben 55 Direktorate gegründet – für Wasser, Strom, Telekommunikation, Gesundheit und Bildung.

Unsere Experten waren früher beim Assad-Regime angestellt. Sie kennen die Netzwerke, die Probleme und die Ersatzteile, die man zur Reparatur braucht. Seitdem diese Fachleute vor Ort arbeiten, merken die Menschen einen Unterschied zu vorher, als die Lokalen Räte aus Helden und Freiwilligen bestanden, denen der technische Sachverstand fehlte. Wenn ich könnte, würde ich Zehntausende anstellen. Aber wir haben nicht mal genug Geld, um regelmäßige Gehälter zu bezahlen.

Wer finanziert die Interimsregierung?

Othman: Kein Land unterstützt uns direkt, wir hatten nur eine einmalige Spende von Qatar. Seitdem fragen alle, ob Qatar uns wieder Geld geschickt hat. Warum? Ist Qatar jetzt unser alleiniger Finanzier? Die ganze Welt sollte helfen! Natürlich gibt die Welt viel Geld aus für Syrien, aber die Regierungen gehen dabei lieber über große NGOs, die 40 Prozent des Geldes für ihre Verwaltung aufwenden. Diese NGOs wollen gerne mit den Lokalen Räten im Land arbeiten. Wir haben gemerkt, wie wichtig die Räte für die internationale Gemeinschaft sind, deshalb versuchen wir, sie professioneller zu gestalten.

Früher habe ich zweizeilige Anträge erhalten: "Wir brauchen Wasser für 5.000 Menschen". Inzwischen haben wir den Verantwortlichen erklärt, wie man Projektanträge stellt und die Standardformulare internationaler NGOs ausfüllt, denn das bringt ihnen die gewünschte Unterstützung. Ausbildung ist also wichtig, zumal es für Workshops immer Geld gibt, denn alle NGOs wollen Trainings machen. Wir versuchen, Leute auszubilden, die in Syrien Dienstleistungen anbieten und zur Verantwortung gezogen werden können. Deshalb müssen sie in einem demokratischen Prozess gewählt oder ernannt werden.

Wie sollen denn mitten im Krieg demokratische Strukturen entstehen?

Khaled Khoja, Präsident der Nationalen Koalition der syrischen Oppositionskräfte; Foto: Reuters
Syriens zerstrittene und gespaltene Opposition: In der "Nationalen Syrischen Koalition" haben sich die wichtigsten Gruppen im Exil zusammengeschlossen. Das Bündnis wird vom Westen sowie von der Türkei, Saudi-Arabien und Qatar unterstützt. Vorsitzender ist der Kurde Chaled Chudscha. Die Koalition ist mit der Freien Syrischen Armee verbunden, deren Einheiten in Syrien kämpfen. Geschwächt wird sie durch massive interne Rivalitäten.

Othman: Wir haben das geschafft. Wir haben freie und demokratische Wahlen für acht Provinzräte organisiert. Zuletzt wurde vor einigen Wochen der Provinzrat von Hama gewählt. Der Vorsitzende des Provinzrates ist eine sehr respektierte Persönlichkeit. Es war ein voller Erfolg und wir sind stolz, denn die Leute praktizieren etwas, das ihnen jahrzehntelang verwehrt blieb. Eine freie Wahl in Syrien nach 50 Jahren Diktatur ist eine starke Botschaft.

Wie ist das abgelaufen?

Othman: Es hat eineinhalb Jahre gedauert, denn wir haben einen langwierigen Auswahlprozess initiiert, um jeden zu erreichen und ins Boot zu holen. Alle einflussreichen Gruppen vor Ort – ethnische, religiöse und militärische, Stämme, Berufsgruppen, Geschäftsleute – haben wir angesprochen, damit sie sich beteiligen und das Ergebnis mittragen. Sie haben eine Versammlung gebildet, die dann Vertreter für den Provinzrat nominierte. Die Wahlen verliefen gemäß internationalen Standards transparent und demokratisch. Nach jedem Schritt gab es Zeit für Einsprüche – wir haben erst weitergemacht, wenn damit auch alle einverstanden waren.

Wo haben sich die Vertreter getroffen?

Othman: Logistisch war es extrem schwierig, denn die Lage in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten ist wegen Assads Luftangriffen sehr unsicher. Man kann keine 400 Leute in einem Gebäude versammeln ohne dass das Regime davon erfährt. Und dann würden sie alles ausradieren. Deshalb fanden die meisten Wahlen außerhalb Syriens statt – in der Türkei und in Jordanien. Für manche Provinzräte brauchten wir drei Wahlgänge, das kostete jedes Mal 200.000 US-Dollar.

200.000 US-Dollar pro Wahlgang? Könnte man das Geld nicht sinnvoller für humanitäre Hilfe verwenden?

Othman: Ein Teil des Geldes für die Wahlen haben wir von Ländern bekommen, die Demokratie fördern wollen. Und mit effektiven und demokratisch legitimierten Strukturen kann man den Menschen viel besser helfen! Denn es sind genau diese gewählten Räte, die den Syrern Dienstleistungen wie Strom, Wasser, Bildung und Gesundheit zur Verfügung stellen.

Syrische Flüchtlingskinder im Camp Zaatari, Jordanien; Foto: picture-alliance/dpa
Dringend benötige humanitäre Hilfe: Nach vier Jahren des Konflikts spitze sich die Notlage für die Syrer innerhalb und außerhalb des Landes immer weiter zu, erklärte vor Kurzem der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres. Die Hilfswerke hätten nicht genügend Geld, um die Bedürftigen zu versorgen. Mehr als ein Drittel der Flüchtlinge in der Region lebt Guterres zufolge in ungenügend ausgestatteten Behausungen, für rund 600.000 Flüchtlingskinder könne kein Schulunterricht organisiert werden.

Die Räte stehen im Fokus der Welt. Alle wollen mit ihnen zusammenarbeiten, aber es gab auch immer wieder Ärger und Chaos, denn manche Orte hatten drei Räte. Jetzt haben wir acht gewählte Provinzräte, die transparent sind, einheitlichen Mechanismen folgen und zur Rechenschaft gezogen werden können. Alle sind zufrieden und können endlich ihre Arbeit aufnehmen, anstatt immer wieder die eigene Legitimität verteidigen zu müssen. Außerdem betrachten uns die Leute jetzt als legitim, das Ministerium für Lokalverwaltung gilt als Referenz.

Wirklich? Die Aktivisten vor Ort stehen der Interimsregierung doch zum Teil kritisch gegenüber?

Othman: Anfangs gab es viel Widerstand. Aber auch die Aktivisten sind Teil der Versammlung. Diese vereint alle einflussreichen Kräfte vor Ort, so dass sich wirklich jeder vertreten fühlt. Das sind von Stadt zu Stadt sehr unterschiedliche Gruppen, je nach gesellschaftlicher Zusammensetzung und Machtverhältnissen. Am Ende haben die Wahlen Qualität hervorgebracht. Denn die gewählten Vertreter suchen für ihr Team Leute mit professionellem, aber nicht unbedingt revolutionärem Hintergrund. Das war ein Lernprozess. Erst wollten alle, dass der Held zum Chef auserkoren wird. Aber dieser Held kann meistens keine technischen Probleme lösen. Das haben die Menschen vor Ort inzwischen verstanden. Sie haben genug von den Revolutions- und Facebook-Helden, sie wollen jetzt ein kompetentes Personal, das ihren Alltag verbessert.

Warum hat es so lange gedauert, bis die Opposition den Syrern direkt hilft?

Othman: Sie machen die Interimsregierung für die Versäumnisse der "Nationalen Koalition" verantwortlich – das ist nicht fair. Die Regierung hat bei Null angefangen. Wenn jemand einen Laden eröffnet, misst man den Erfolg nicht schon im ersten Jahr. Wir haben mit einer Gruppe von Ministern angefangen. Sie mussten dann ein Team bilden, auf Gelder warten, Leute anstellen, die internen Regularien und Strukturen aufbauen. Wir sind keine Regierung, die von einer früheren etwas übernimmt.

Jetzt sind die 50 Millionen US-Dollar aus Qatar aufgebraucht. Stehen Sie nun vor dem finanziellen Aus?

Othman: Ja, wir haben einen Plan, Projekte und gewisse Strukturen im Land und warten jetzt auf Unterstützung. Das alles kostet Geld. Unsere höchste Priorität ist es, eine Flugverbotszone zu erwirken – bislang vergeblich. Wir haben uns entschieden, trotzdem mit dem Regime zu verhandeln, wenn auch dabei einen anderen Ansatz zu wählen, da uns das Regime liebend gerne ausradieren würde. Die Sicherheit unserer Mitarbeiter liegt uns am Herzen. Und deswegen stehen wir in engem Kontakt mit den militärischen Kräften vor Ort. Diese Kräfte haben auch etwas gelernt – nämlich, dass sie nicht regieren und verwalten können, sondern nur kämpfen. Deshalb begrüßen es die Rebellen zunehmend, wenn wir uns in ihren Gebieten um die zivile Verwaltung kümmern. Ein Beispiel ist die Brigade "Al-Dschaisch al-Mudschaheddin", die in der Vergangenheit den IS aus Aleppo vertrieben hat. Ihre Kämpfer wollen jetzt, dass sie als unsere Armee wahrgenommen werden. Wir halten uns so gut es geht aus den politischen Diskussionen heraus. Alles, was wir wollen ist, den Menschen zu helfen und Syrien zu retten.

Das Interview führte Kristin Helberg.

© Qantara.de 2015

Nader Othman (geb. 1967) machte seinen Abschluss als Bauingenieur in Großbritannien und arbeitete 20 Jahre lang für große Öl- und Immobilienfirmen in Dubai und Syrien. Nach Ausbruch der Revolution 2011 unterstützte er den Aufbau oppositioneller lokaler Strukturen in Syrien. Im Januar 2013 verließ er Damaskus und wurde in Gaziantep/Türkei Projektmanager der "Union der Lokalen Verwaltungsräte" (LACU). Seit April 2014 arbeitet er für die Interimsregierung, zu deren Vize-Premierminister er im Januar gewählt wurde.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: "Die Menschen wollen Profis, keine Facebook-Helden"

Ich halte dieses Interview für sehr informativ. Die Interviewerin stellte an Herrn Othman wichtige Fragen. Seine Antworten waren oft unbefriedigend, vor allem wenn es um die Finanzierung der "Interimsregierung" oder um die Beziehung dieser Regierung zu der "Bewaffneten Opposition" ging, die von ihm, laut Interview, als "Rebellen" bezeichnet wurden, (was ich übrigens für unwahrscheinlich halte). Mich überraschte die Tatsache, dass für die Wahl der "Lokalen Räte" so viel Geld ausgegeben wird. Eine Aussage von Herrn Othman fand ich problematisch, nämlich wenn er sagt:"Wir haben uns entschieden, mit dem Regime trotzdem zu verhandeln". Soviel ich weiss ist das Gegenteil der Fall. Mich überraschte auch die Tatsache, dass Herr Othman nicht nach seiner Meinung zur Syrien-Politik der Bundesrepublik Deutschland nicht gefragt wurde. Es gab auch keine einzige Frage zur Situation der syrischen Flüchtlinge in Deutschland, die die deutsche Öffetlichkeit sehr beschäftigt, und zur Situation der syrischen Gemeine in Deutschland, die sich mit grossen Problemen konfrontiert sieht. Man braucht nur an die Arbeit der syrischen Botschaft in Berlin oder an die Verlängerung der Reisepässe für in Deutschland lebende Syrer zu denken. Vielleicht hätte Herr Othman dazu nichts zu sagen.

Prof. Dr. Abdo ...09.04.2015 | 17:01 Uhr