Nachruf Mohammed Abed al-Jabri

Vordenker einer neuen arabischen Aufklärung

Der marokkanische Philosoph Mohammed Abed Al-Jabri ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Durch seinen Tod verliert die arabische Welt eine ihrer einflussreichsten und kritischsten Stimmen im innerarabischen Diskurs. Ein Nachruf von Sonja Hegasy

"Die Vernunft ist ein Licht, das gewiss die Finsternis erhellen soll, mitunter aber auch am helllichten Tag gebraucht wird." (Mohammed Abed al-Jabri) Mohammed Abed al-Jabri zählte zweifellos zu den bedeutendsten Gesellschaftstheoretikern der Region. Seit seiner Dissertation über den Pionier der modernen Soziologie, Ibn Khaldun, hat der Philosoph in über 30 Publikationen ein umfangreiches Werk vorgelegt. 1970 erhielt er mit seiner Arbeit über Ibn Khaldun im Fach Philosophie an der Universität Mohammed V in Rabat die erste Doktorwürde des unabhängigen Marokko. Al-Jabri war stets beides: kritischer Philosoph und Verfechter eines linken Gesellschaftsprojektes. Zusammen mit dem marokkanischen Oppositionspolitiker Mehdi Ben Barka engagierte er sich seit 1959 in der sozialistischen Union Nationale des Forces Populaires (UNFP). Und er verschrieb sich einem pädagogischen Projekt: zunächst als Lehrer, Schulinspektor, Schulbuchautor und später als beliebter Universitätsdozent und Mentor.

In der Tradition Immanuel Kants

Anhand der Geschichte unorthodoxer, muslimischer Strömungen (wie den Kharijiten, Ismailiten, Schiiten oder den Sufis) forderte er zum Denken in Widersprüchen auf. Al-Jabri sah sich in der Tradition Immanuel Kants, weil er seine Leserschaft animierte, das Recht in Anspruch zu nehmen, sich die Welt aufgrund persönlicher Beobachtungen zu erschließen und nicht aufgrund vorgegebener, überlieferter und überkommener Autoritäten. Al-Jabri ist im besten Sinne ein "public intellectual" gewesen. 1990 veröffentlichte er zusammen mit dem ägyptischen Philosophen Hassan Hanafi Rede und Gegenrede als nordafrikanischen "Ost-West Dialog". Sein Hauptwerk, die "Kritik der arabischen Vernunft", erschien von 1984 bis 2001 in vier Bänden in Beirut und Casablanca und löste breite Kontroversen aus. Zwei Hauptgedanken der politischen Ideengeschichte wirken nach Ansicht al-Jabris bis heute fort und seien der Grund für eine anhaltende Stagnation in der arabischen Welt: Nachahmung statt kritischem Denken habe sich als zentrale Form der Erkenntnis ebenso durchgesetzt, wie die Beratung des Herrschers – nicht aber seine Kontrolle.

Averroes; Foto: &copy Wikimedia Commons
Al-Jabri will die rationale, intellektuelle Tradition im islamischen Denken stärken. Hierzu greift er auf die Werke des andalusischen Aristoteles-Kommentators Averroes/Ibn Rushd zurück.

​​Dagegen will al-Jabri die rationale, intellektuelle Tradition im islamischen Denken stärken. Hierzu greift er auf die Werke des andalusischen Aristoteles-Kommentators Averroes/Ibn Rushd zurück. Wie viele zeitgenössische Intellektuelle aus der arabischen Welt ist Mohammed Abed al-Jabri in Deutschland nahezu unbekannt. 1995 machte die Autorin den Philosophen und Verleger Reginald Grünenberg mit dem Werk al-Jabris bekannt. Seitdem verfolgte Grünenberg beharrlich das Projekt, al-Jabris Hauptwerk auf Deutsch zu verlegen. 2009 erschien zunächst eine Einführung zum Werk mit einem einleitenden Vorwort des Assistenten von al-Jabri in dem von Grünenberg gegründeten Perlen Verlag.

Dialog mit der islamischen Welt auf Augenhöhe

Im letzten Mai überbrachte die Autorin al-Jabri diese Ausgabe. Gerne hätte er noch die Übersetzung der "Kritik der arabischen Vernunft" selbst erlebt. Auch eine Übersetzung ins Englische ist noch nicht beendet. Und so kommt es, dass einer der wichtigsten arabischen Intellektuellen kaum im Westen wahrgenommen wird – Dialog mit der islamischen Welt auf Augenhöhe hin oder her. Al-Jabris Angriff auf die alteingesessenen Autoritäten bietet ebenso viel gesellschaftspolitischen Sprengstoff, wie die Werke des 1992 in Ägypten von einer islamistischen Gruppierung ermordeten Publizisten Farag Foda oder des 1985 gehängten sudanesischen Gelehrten Mahmud Mohammed Taha. Beide, Taha und Foda, waren zuvor von staatlichen Religionsvertretern zu Apostaten und damit für vogelfrei erklärt worden. Es zeugt vom liberalen Klima in Marokko, dass al-Jabri sich solchen Bedrohungen nie ausgesetzt sah. Den Wunsch des marokkanischen Königshauses, ihn auszuzeichnen, beschied er abschlägig. In einem veröffentlichten Brief fragte Reginald Grünenberg den Philosophen 2005, ob seine provokanten Thesen nicht zu Repressalien oder Gewalt gegen seine Person geführt hätten.

Im Visier der Islamisten

Fatima Mernissi; Foto: AP
"Al-Jabri hat für Millionen Jugendliche Modernität, ihr Streben nach Demokratie und ihr kulturelles Erbe in Einklang gebracht", so die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi.

​​

Al-Jabri schrieb damals zurück: "Ich habe mich bis heute noch nie irgendeiner Form von Aggression ausgesetzt gesehen wegen meiner politischen Positionen oder jener Ideen von mir, die ideologische oder kulturelle Standpunkte zum Ausdruck bringen. [...] Wenn ich eine Denkströmung kritisiere oder mich davon absetzen will, dann mache ich das nur als ein Denker, der seinen eigenen Standpunkt vertreten möchte, nicht als Gegner oder Feind." (siehe Al-Jabri, Berlin 2009). Aber schon am Tag nach seinem Tod wird auf islamistischen Webseiten gegen den Rationalisten al-Jabri gehetzt. Die marokkanische Feministin Fatima Mernissi schrieb einmal über ihn, dass er wahrscheinlich der von der Jugend in der arabischen Welt meistgelesene Philosoph sei, wenn man nach den hitzigen Debatten gehe, die von den Studenten ständig und überall geführt werden. Al-Jabri habe für "Millionen Jugendliche" Modernität, ihr Streben nach Demokratie und ihr kulturelles Erbe in Einklang gebracht.

Die Jugend verschlinge seine Werke und lerne eine islamische Geschichte kennen, in der Vernunft und individuelle Meinungsbildung integrativer Bestandteil sei. Al-Jabri gehörte einer hochgebildeten Generation an, die den Unabhängigkeitskampf Nordafrikas als junge Erwachsene noch selbst miterlebt hat und ihre Gesellschaften in allen Bereichen mitformte. Sein Leitspruch war immer "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

Sonja Hegasy

© Qantara.de 2010

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

 

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.