Nachruf auf Youssef Chahine

Ein kosmopolitischer Botschafter der Freiheit

Der ägyptische Regisseur Youssef Chahine, das "enfant terrible" des arabischen Kinos und einziger arabischer Regisseur von Weltruhm, starb am 27. Juli im Alter von 82 Jahren in Kairo. Eine Würdigung von Ludwig Amman

Chahine; Quelle: wikipedia.org
Der Regisseur Youssef Chahine galt stets als unbequemer und provokanter Vertreter des arabischen Kinos.

​​Es war ein unvergesslicher Auftritt: Youssef Chahine, der weltberühmte ägyptische Regisseur, betrat mit großer Verspätung sein Berliner Hotel, da sein Flug ausgefallen war. Er steckte sich eine Zigarette an und begann noch im Foyer mit dem ersten Interview.

Und er hielt durch – drei volle Tage lang, in drei deutschen Städten, von früh morgens bis spät in die Nacht, mit unzähligen Zigaretten und einem jugendlichen Feuer in seinen Erzählungen, das jeden ansteckte. Da war er bereits 72 Jahre alt – und steckte alle in die Tasche.

"Gedanken haben Flügel, niemand hält sie auf!"

Dieser Mann war ein Kraftwerk. Er brannte für das, woran er glaubte. Für den Film, den er gerade gemacht hatte – "Das Schicksal: Al-Masir" von 1997 –, ein mitreißendes Manifest gegen den islamischen und jedweden Fundamentalismus im Gewand eines philosophischen Musicals, das den großen muslimischen Freidenker Ibn Ruschd (Averroes) trotz Bücherverbrennung und Flucht über seine bigotten Gegner siegen lässt – kraft des von Chahine unterzeichneten Credos im Schlussbild: "Gedanken haben Flügel, niemand hält sie auf!"

Das war die Botschaft, für die Chahine zeitlebens stand, die Freiheit, für die er kämpfte, mit der Begeisterung, ja dem Furor eines Besessenen. In einem anderen Zeitalter wäre ihm wohl dafür die Rolle des Propheten zugefallen.

Stattdessen wurde er zum kritischen Filmemacher, der bis zuletzt hoffte, ein ganzes Volk zu bekehren – zu Werten, die als westlich zu denunzieren ihm nicht eingefallen wäre: Denn das, woran er glaubte, war universal. Der Film "Das Schicksal: Al-Masir" war sein dreißigster Film.

Auszeichnung für sein Lebenswerk in Cannes

Chahine war damals längst eine Legende, der einzige arabische Regisseur von Weltruhm. Das Filmfestival von Cannes feierte im gleichen Jahr das 50. Jubiläum und zeichnete seinen Liebling mit dem einmaligen Ehrenpreis für sein Lebenswerk aus. Das bescherte ihm sensationelle 600.000 Kinozuschauer in Frankreich.

Chahines Beerdigung; Foto: AP
An Chahines Beerdigung nahmen hunderte Ägypter teil. Mit ihm stirbt auch ein Teil der Kinokultur in der gesamten arabischen Welt.

​​In Deutschland waren es knapp 15.000 – die als Überraschungserfolg galten. Doch die Zeiten, da das ZDF stolz darauf war, seinem Publikum auch große Filmkunst aus Ägypten vorzuführen, waren schon wieder vorbei.

Das war 1978 noch anders, als Youssef Chahine zum zweiten oder dritten Mal das ägyptische Kino revolutionierte: Der Film "Alexandria...warum?" ist, nach Chahines Herzinfarkt, der den Workaholic zum Innehalten zwang, das erste unverhohlen autobiografische Werk und der Auftakt zu einer Tetralogie, die ihn bis ans Lebensende begleiten sollte.

Ein junger Mann träumt 1942 in Alexandria davon, in den USA das Filmemachen zu studieren, wie es Chahine von 1946 bis 1948 tat, und schreckt zugleich patriotisch vor der Amerikanisierung zurück – eine Hassliebe zu Amerika, die Chahine noch 2004 in "Alexandria... New York" zu polemischer Höchstform auflaufen ließ und arabischer nicht sein könnte:

Über alle Schranken hinweg

Ein Muslim verliebt sich in eine Jüdin, ein Engländer in einen Araber und Reich in Arm – das war Chahines Heimat, die kosmopolitische und polyglotte Hafenstadt Alexandria, in der er 1926 als Spross einer griechisch-katholischen Familie zur Welt kam, um dort die Utopie eines selbstverständlichen Miteinanderlebens aller Menschen über alle religiösen, gesellschaftlichen, nationalen und sexuellen Schranken hinweg zu erleben.

​​Das war es, was er, ob Musical oder Melodram, mit herausfordernder Lust an erotischen Grenzüberschreitungen heraufbeschwor – in Jahrzehnten, die geprägt waren zunächst vom Niedergang des vormodernen kosmopolitischen Erbes im Zeichen des arabischen Nationalismus und dann von der Lebenslust im Zeichen islamistischer Sittenstrenge – ein Trauerspiel, das ihn an seiner Heimat immer öfter verzweifeln ließ.

Von allen Meisterwerken, die uns Youssef Chahine geschenkt hat, wagte "Alexandria...Warum?" in jeder Hinsicht am meisten und gewann damit den Silbernen Bären der Berlinale.

Anachronistische Sexualmoral

Und doch wird keiner, der den Film "Kairo Hauptbahnhof" aus dem Jahr 1957 gesehen hat, je vergessen, wie Chahine selbst mit sagenhaftem Mut zur Hässlichkeit den mittellosen Zeitungsverkäufer spielt, der von Leidenschaft getrieben zum Mörder wird – eine herzerweichendes neorealistisches Seelendrama, das noch heute die Not einer anachronistischen Sexualmoral auf den Punkt bringt.

Ein Kassenschlager war keiner seiner Filme, nicht in Ägypten, trotz Tanz und Musik – bis auf den letzten: "Chaos", der letztes Jahr in die Kinos kam. Er handelt von Polizeikorruption, Folter und Vergewaltigung.

Die Zeit, das zeigt auch der Erfolg der Verfilmung des Romans "The Yacoubian Building" von Alaa al-Aswani, scheint reif für schonungslose Selbstkritik. Youssef Chahine, der am 27. Juli im Alter von 82 Jahren in Kairo starb, hatte das Glück, diesen Silberstreif am Horizont einer blockierten Gesellschaft noch zu erleben.

Ludwig Amman

© Qantara.de 2008

Qantara.de

Interview mit Youssef Chahine
"Die Zärtlichkeit ist verschwunden"
Der Filmemacher Youssef Chahine ist der Altmeister und das enfant terrible des arabischen Films. Am 25. Januar 2006 wurde er 80 Jahre alt. Moritz Behrendt und Christian Meier haben ihn in Kairo interviewt.

Filmtipp "Chaos" von Youssef Chahine
Postmoderner Abgesang
Ende März kommt Youssef Chahines Film "Chaos" in die deutschen Kinos. Der 81jährige Altmeister des ägyptischen Kinos präsentiert eine Gesellschaftskomödie mit Seitenhieben auf Korruption und Polizeiwillkür. Ariana Mirza hat sich "Chaos" angeschaut.

www

  • Offizielle Website von Youssef Chahine
  • Dieses Jahr Youssef Chahine gewidmet: Die Filmfeststpiele von Venedig
  • Verwandte Themen
    Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
    To prevent automated spam submissions leave this field empty.