Memmi hinterlässt in der Tat ein Jahrhundertwerk. Seine Manuskripte stapeln sich in langen Regalen beidseits des Korridors seiner Schreibhöhle, seit Jahren aufgearbeitet und kritisch ediert von der französischen Literaturwissenschaft, federführend von Guy Dugas und Hervé Sanson.

Ihr Verdienst besteht vor allem darin, Memmis umfangreiche Tagebücher, die er seit dem Jahr 1939 akribisch geführt hat, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen: nicht zuletzt seine Kriegsjahre im Arbeitslager und den politischen Neubeginn im postkolonialen Tunesien.

Philosoph des kleinen Glücks

Neben Romanen und Klassikern der Soziologie findet sich unter seinen Werken auch leichte Kost, vermischte Gedichte ("Le Mirliton du ciel", 1990), ein Lob auf die Frauen ("Térésa et autres femmes", 2004) und alltagsphilosophische Betrachtungen über "Das kleine Glück" (deutsch 1997; "Ah, quel bonheur!", 1995).

Blick auf die Medina in der Nähe des "Bab Sbaa"-Tors in Essaouira; Foto: Claudia Mende
Die marokkanische Hafenstadt Essaouira ist ein Beispiel für viele Jahrhunderte einer selbstverständlichen Koexistenz zwischen Juden, Christen und Muslimen, Berbern, Arabern, Europäern und Afrikanern. An diesem symbolträchtigen Ort fand 2010 der ersten Kongress zur tausendjährigen jüdischen Geschichte des Maghreb statt, bei dem Albert Memmi als Ehrenpräsident eingeladen war.

Diesem Glück spürte Memmi in abendlichen Streifzügen durchs pittoreske Marais-Viertel nach, oder wenn er bisweilen seine Gäste zu einer Tafina mit Lammfuß und anderen tunesischen Spezialitäten in kleine Pariser Restaurants entführte, oder wenn er sich an seiner Kollektion fragiler ägyptischer Parfümflakons erfreute, deren Duft ihn solange beim Schreiben inspirierte, bis einmal ein Windstoß durch die Dachkammer fuhr und einen Berg blitzender Scherben hinterließ.

Es war ein Glück, Albert Memmi gekannt zu haben. Es war ein Glück, ihn, der im hohen Alter höchst ungern auf Reisen ging, 2007 als Premierengast zum ersten Heidelberger Maghrebtag zu locken.

Oder ihn im März 2010 ins marokkanische Essaouira begleiten zu dürfen, wo man ihn als Ehrenpräsidenten beim Kongress "Migrations, Identité et Modernité" begrüßte, dem ersten Kongress zur tausendjährigen jüdischen Geschichte des Maghreb unter der Schirmherrschaft von André Azoulay, dem einflussreichen Berater von König Mohammed VI..

Der Kongress fand sinnigerweise an jenem Ort statt, der als UNESCO-Weltkulturerbe auf viele Jahrhunderte harmonischer Koexistenz zwischen Juden und Arabern, Christen und Muslimen, Berbern, Europäern und Afrikanern zurückblickt: In der Stadt Essaouira, dem alten Mogador, an Marokkos Atlantikküste, die mit ihren weißgekalkten Mauern, den blauen Türen und Fensterläden in Memmi nostalgische Reminiszenzen an seine Jugend in Tunis weckte.

Mechanismen rassistischer Hetze  

Memmi, der ein disziplinierter Vielschreiber war und immer wieder gern Paul Valéry zitierte, der Tag für Tag schon frühmorgens am Schreibtisch saß, hinterlässt der Welt ein imposantes Werk, das in seiner begrifflichen Schärfe seinesgleichen sucht. Heute könnte es hilfreicher denn je sein, um die Mechanismen rassistischer Hetze und anderer zwischenmenschlicher Verstrickungen in Sachen Dominanz und Abhängigkeit ("La Dépendance", 1979; "Le Buveur et l'Amoureux. Le prix de la dépendance", 1998) zu demonstrieren.

Gleich, ob es sich um Schwarze, Juden, Kolonisierte, Frauen oder Hausangestellte handelt, stets sieht er dieselben Mechanismen am Werk, findet Abwertungen anderer aus durchsichtigem Interesse und aufgrund tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede. Rassismus versteht er insofern lediglich als einen Sonderfall der "Heterophobie", der Angst vor dem Andersartigen.

Und speziell die Anfangskapitel von "L'homme dominé. Le colonisé, le Juif, le Noir, la Femme, le Domestique" (1968), die in den Jahren 1963 und 1965 entstanden und am Beispiel von Martin Luther King, James Baldwin und Malcolm X verschiedene Typen schwarzamerikanischer Protestler analysieren, sind angesichts der aktuellen Massenproteste in Amerika heute wieder spannend zu lesen.

Eine neue Sicht auf alte Identitäten

Auch Memmis Schriften über jüdische Identität ("Portrait d'un Juif", I - II, 1962 und 1966) und das Verhältnis zwischen Juden und Arabern ("Juifs et Arabes", 1974) sind bis heute eine wichtige Lektüre. Die von ihm bereits in den 1960ern geprägte Trias neuer Begriffe, mit denen er zwischen judéité, judaïcité und judaïsme, später analog arabité, arabicité und arabisme sowie négrité, négricité und négrisme unterscheidet, wurde weltweit rezipiert.

Diese Begrifflichkeit befreit aus identitären Zwangsjacken und Fremdzuschreibungen, indem sie zwischen einer demographisch-geographischen (judaïcité), institutionell-doktrinären (judaïsme) und individuell gelebten (judéité) Komponente differenziert und so eindimensionale Festschreibungen relativiert.

Wer bisher nichts von Albert Memmi gelesen hat und des Französischen mächtig ist, dem sei sein "Testament insolent" von 2009 („Unverschämtes Testament“) ans Herz gelegt, in dem er so unterhaltsam wie prägnant die Essenz seines Werks darlegt.

Leben Sie wohl, ya aichek, cher Albert! Möge der Himmel dem Freigeist, der Sie sind, weit genug sein!

 

Regina Keil-Sagawe

© Qantara.de 2020

Regina Keil-Sagawe ist Literaturübersetzerin und Publizistin mit Schwerpunkt Maghreb. Gemeinsam mit ihren Studierenden hat sie seine "Anleitungen zum Glücklichsein" (eva, Hamburg 1996) ins Deutsche übersetzt. Sie war Albert Memmi über dreißig Jahre hinweg freundschaftlich verbunden.

 

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