Nachruf auf den tunesischen Autor Albert Memmi

Adieu, Albert!

Am 22. Mai 2020 ist der tunesische Autor und Pionier einer Soziologie der Dekolonisation, Albert Memmi, im Alter von fast hundert Jahren in Paris gestorben. Mit ihm ist der letzte Autor aus der Generation der Gründerväter einer maghrebinischen Literatur in französischer Sprache von uns gegangen, wie Regina Keil-Sagawe in ihrem persönlichen Nachruf schreibt.

Es waren Sartre und Camus, die Albert Memmi einst in die Pariser Szene eingeführt haben. Heute sind Memmis Essays zu Kolonialismus, Dominanzverhalten und Rassismus soziologische Klassiker, genährt aus leidvollem eigenen Erleben, wurde er doch als junger Soziologiestudent 1942 vom Vichy-Regime der Universität Algier verwiesen und bis 1943, während der deutschen Besatzung Tunesiens, interniert.

Am berühmtesten ist wohl sein "Portrait du colonisé suivi du portrait du colonisateur", eine schneidende Kritik des Kolonialsystems. 1957 mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre in Paris erschienen, beflügelte "Der Kolonisator und der Kolonisierte" (deutsch 1980) die Widerstandskämpfer im algerischen Befreiungskrieg (1954-62). Das Buch zirkulierte landesweit unter der Hand, sogar in den Gefängnissen, und gilt zusammen mit Frantz Fanons Essay "Die Verdammten dieser Erde" von 1961 als Grundlagentext einer Theorie der Entkolonisierung.

Die Zerrissenheit des postkolonialen Individuums

Albert Memmi hatte das ganze 20. Jahrhundert mit seinen identitären Zerrissenheiten, seinen Kriegen und Kolonialkonflikten, seinen Repressionen und seinem Machtgefälle im Blick. Schon sein autobiographischer Erstlingsroman "La Statue de Sel", der 1953 mit einem Vorwort von Albert Camus erscheint (deutsch 1963, "Die Salzsäule"), reflektiert exemplarisch den Identitätskonflikt maghrebinischer Juden in kolonialen Konstellationen:

"Immer werde ich mich wiederfinden als Mordechai, Alexander, Benillusch. Eingeborener eines Koloniallandes, Jude in einer antisemitischen Welt, Afrikaner auf einer Erde, wo Europa den Vorrang hat. (...) Wie soll aus so vielen Widersprüchen eine Synthese entstehen?"

Eben dieser Frage geht er selber ein Leben lang nach. Albert Memmi, der einst Weggefährte und Mitstreiter des späteren tunesischen Präsidenten Habib Bourguiba war und 1955 mit Béchir Ben Yahmed die Zeitschrift Afrique Action (das spätere Jeune Afrique) lanciert, fand doch als tunesischer Jude keinen Platz mehr im postkolonialen Tunesien. Zusammen mit seiner Ehefrau, der Elsässer Germanistin Germaine Dubach, emigrierte er 1956 nach Paris.

Als renommierter Professor für Soziologie an der Universität Nanterre, als Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für Soziologie französischer Sprache (1959) und Träger des "Grand Prix de la Francophonie" der Académie Française (2004) steht er für ein imposantes literarisches Werk, das die Zerrissenheit des postkolonialen Individuums zwischen Orient und Okzident thematisiert.

Der Roman "Die Salzsäule" von Albert Memmi; Foto: Reclam Verlag
In seinem ersten Roman "Die Salzsäule" (deutsch 1963) erzählt Albert Memmi seine eigene Geschichte. Alexander Mordechai Benillusch, der Held des Buches, geht den Weg aus der Enge der Vorstadt von Tunis hinaus in die Welt. Sohn einer Berberin und eines jüdischen Vaters, aufgewachsen in der Bildungswelt des französischen Gymnasiums, beschreibt er seine Zerrissenheit zwischen den Welten: zwischen Juden und Muslimen, Tunesiern und Franzosen.

Der am 15. Dezember 1920 in Tunis geborene bekennende Atheist Albert Memmi starb am 22. Mai 2020 in Paris - in einer Sabbatnacht, zwischen der Ramadan-Nacht des Schicksals und Eid el-Fitr, dem "Zuckerfest".

In der Schreibhöhle

Ein Schälchen mit Naschwerk stand stets bereit, wenn Interviewpartner Memmi in seinem schriftstellerischen Wigwam aufsuchten, seiner verwinkelten Schreibhöhle hoch oben im Dachgeschoss eines Pariser Hinterhof-Altbaus in der Rue Saint-Merri im Viertel Marais, angefüllt mit Souvenirs aus seiner Kindheit in der Hara, dem ärmlichen Judenviertel von Tunis.

Bis zuletzt schaute Memmi mit wachem Blick auf die Welt, aber nicht immer stieß er mit seinen Analysen auf Wohlgefallen.

Als er 2011, während der ersten Euphorie der Jasminrevolution, im französischen Fernsehen eine düstere Prognose abgibt, wird er heftigst attackiert.

Als er im (bis heute nicht ins Deutsche übersetzten) "Portrait du Décolonisé" (2004) den Regierenden der postkolonialen Ära die Leviten liest und ihnen - und nicht den Exkolonialherren – ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeit die Schuld an Korruption, Armut und Totalitarismus gibt, eckt er aufs Übelste an.

Seit einem Sturz mit Oberschenkelhalsbruch zu einem Dasein als "regloser Nomade" verdammt, pflegte Memmi, gemäß dem Titel seiner Autobiographie ("Le nomade immobile", 2003), zuletzt bei Besuchen in seinem Salon auf einem Drehstuhl zu sitzen, dessen feste Unterlage aus mehreren Bänden der französischen "Encyclopaedia Universalis" bestand.

In dieses Universallexikon hatte Memmis Definition des Rassismus Eingang gefunden.

Symbolträchtiger hätte der Zufall ihn nicht fixieren können: Ein weiser alter Mann, der sich zeitlebens den Stoikern Marc Aurel, Epiktet und Seneca verbunden fühlte, thront nun abgeklärt lächelnd über allem und lässt ein ganzes Jahrhundert Revue passieren.

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