Er galt als einer der Renommiertesten seines Fachs weltweit. Über Jahrzehnte hinweg dokumentierte der Türke Ara Güler das Leben in seiner Heimatstadt Istanbul. Jetzt verstarb er im Alter von 90 Jahren.
Nachruf auf den türkischen Fotografen Ara Güler

Chronist einer vergangenen Zeit

Der berühmteste Fotograf der Türkei, Ara Güler, ist im Alter von neunzig Jahren in Istanbul verstorben. Güler hat sich mit seinen Bildern von Menschen und Orten in der Metropole wie kein anderer um das Gedächtnis der Stadt verdient gemacht. Von Marian Brehmer

Beim Namen Ara Güler entsteht bei mir unmittelbar ein Bild im Kopf: Ein Fischermann, auf seinem kleinen Boot stehend, bringt im Morgengrauen seine Fangnetze zurück in den Hafen des Istanbuler Stadtteils Kumkapi. Der Mann trägt einen eleganten Anzug und eine Mütze französischer Art. Eigentlich möchte man meinen, dass er für den Fischfang auf rauer See viel zu gut angezogen ist.

Die Arme auf das Steuerhaus gestützt, blickt der Fischer melancholisch über das Wasser. Dramatische Wolkenformationen am Himmel und die dunkle Silhouette der Blauen Moschee am Horizont verleihen dem Foto eine fast apokalyptisch anmutende Aura. Gleichzeitig aber strahlt die Szene aus dem Jahr 1950 etwas so Erhabenes und Würdevolles aus, wie es nur meisterhaft komponierter Schwarz-Weiß-Fotografie gelingt.

Der Fotograf, den man in der Türkei unter dem Namen “İstanbul’un Gözü” oder “Das Auge Istanbuls” kennt, ist nun am 17. Oktober im Alter von neunzig Jahren nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus gestorben. Güler wurde 1928, fünf Jahre nach der Gründung der modernen türkischen Republik,  als Kind einer armenische Familie geboren. Er besuchte ein armenisches Gymnasium, arbeitete nach der Schule in Filmstudios und belegte dann Kurse in Kinodramaturgie.

Bald jedoch schlug der junge Güler den Weg eines Fotojournalisten ein. Seine erste Anstellung als Fotograf hatte er bei der Tageszeitung “Hürriyet”. Internationale Aufträge folgten. Als das Magazin Time Life im Jahr 1958 eine Korrespondentenstelle in Istanbul einrichtete, wurde Güler im Alter von dreißig Jahren zu einem weltweit gefragten Fotografen. Zehn Jahre später hingen seine Aufnahmen bereits im Museum of Modern Art in New York.

Bilder mit mystischem Touch

Güler war ein Meister der flüchtigen Momente. Viele Szenen auf seinen Bildern sind ganz und gar fragil, sie leben von der einen Sekunde, in der Güler das Objektiv auf seine Motive richtete - egal ob sie einen Simit- (Sesamringel-) Verkäufer beim Marsch über einen Hügel im alten Stadtteil Fatih, einen Trunkenbold in einem traditionellen “Meyhane”, einer Istanbuler Weinstube, oder einen Storch am Reinigungsbrunnen im Innenhof der Eyüp-Moschee zeigen.

Manche seiner Bilder haben sogar einen  mystischen Touch, besonders jene von Friedhöfen, Sufi-Tekken (Zentren) oder Moscheeinnenhöfen. Man möchte meinen, dass Güler beim Fotografieren mit der Seele von Plätzen kommunizieren konnte - so sehr spiegelt sich der Charakter eines Ortes in seinen Bildern wieder.

Ara Güler 2016 bei der Uraufführung des Dokumentarfilms "Ara Güler: A Legend of Istanbul" von Osman Okkan in Essen. Foto: DW
Für seine Werke wurde der türkische Fotograf Ara Güler mit vielen Auszeichnungen geehrt: 1961 bezeichnete ihn das "Photography Annual" als einen der sieben besten Fotografen weltweit. 1968 wurde Güler vom Museum of Modern Art in New York zu den "Zehn Meistern der Farbfotografie" gewählt.

Gülers Fotos von Istanbul zeigen uns vor allem das Leben der einfachen Menschen, der Fischer, Arbeiter, Tagelöhner, fliegenden Händler und der Zuwanderer vom Dorf, die sich vom Leben in der Bosporus-Metropole eine bessere Existenz versprachen. Tatsächlich stand das Ablichten von Menschen im Mittelpunkt von Gülers Philosophie des Fotografierens. Er betrachtete die Fotografie als ein Medium, um Leben und Leiden der Menschen einzufangen.

Seine Pflicht als Fotograf sah Güler im Erschaffen eines menschlichen Gedächtnisses, seine Rolle als die eines visuellen Historikers. Kunst, so heißt es in der Biografie auf Gülers Website, könne lügen, doch Fotografie - zumindest der Fotojournalismus - reflektiere die Wirklichkeit.

Wer heute Gülers Bilder von Istanbul betrachtet, der sieht eine Stadt, die es so in dieser Form nicht mehr gibt. Moscheen und Monumente sind zwar genauso geblieben wie das Blau des Bosporus.

Doch der Kontext, in dem sie sich befinden, hat sich verändert: Die architektonischen Konstanten der Stadt sind nun eingebettet in einen urbanen Wandel, der Istanbul im Eiltempo erfasst hat. Und so blicken viele Istanbuler  - besonders jene aus intellektuellen und kunstinteressierten Milieus - heute mit einer gehörigen Prise Nostalgie, man könnte auch sagen Trauer, auf die Stadtbilder von Ara Güler.

Stadtchronist von Istanbul

Neben den Milieuporträts aus Istanbul machte Güler auch Fotos namhafter Persönlichkeiten. Unter ihnen finden sich so unterschiedliche Namen wie Salvador Dali, Marc Chagall, Maria Callas, Willy Brandt und Indira Gandhi. Sein Porträt von Alfred Hitchcock wurde weltberühmt.

Doch der größte Verdienst Ara Gülers liegt zweifelsfrei in seiner langen, treuen Nähe zu Istanbul. Als Stadtchronist hat er Istanbul zeitlebens nie verlassen und all die schönen und hässlichen Seiten der Stadt für die Ewigkeit festgehalten.

Ara Güler, dessen Augen sich nun für immer geschlossen haben, wird die Eröffnung des Riesenflughafens im Norden der Stadt nicht mehr erleben, der Ende Oktober eine neue Ära in der türkischen Luftfahrt einläuten soll. Der neue Flughafen ist nur eines von zahlreichen umstrittenen Großprojekten der türkischen Regierung.

Doch viele werden sich beim Betrachten von Ara Gülers Bildern weiterhin nach dem entschleunigten Istanbul sehnen: dem Istanbul der Fischerkähne, der holprigen Gassen und Teehäuser. Von diesem Istanbul sind heute nur noch vereinzelte Inseln übrig geblieben.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2018

 

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