In dieser Zeit der politischen Bindung an die USA, die mit einer kulturellen Verwestlichung einherging, war der junge Schadscharian Teil einer geistigen Bewegung, die sich der “Rückkehr zum kulturellen Selbst” verschrieb. Im iranischen Radio und Fernsehen setzte er sich für die traditionelle Musik ein, von deren Wert für die Bildung von Geist und Charakter er zutiefst überzeugt war. Bewusst wollte er einen Kontrapunkt gegen iranische Imitationen westlicher Popmusik setzen.

Prinzip der Grenze

Schadscharian war ein begeisterter und kundiger Hörer europäischer, indischer und ostasiatischer Klassik. Auch dem Jazz konnte er einiges abgewinnen. Aber in seinem künstlerischen Schaffen folgte er dem Prinzip der Grenze, der kulturellen Eigenständigkeit. Von Experimenten mit Klavier und Violine ließ er schnell wieder ab. In der Vermischung von Musikstilen und -techniken eine Chance für ästhetische Bereicherung zu sehen, hielt er für dummes Zeug. Er erkannte darin vielmehr die Gefahr der Verwässerung und Verarmung. Den Begriff “Weltmusik” hätte er als Beleidigung empfunden. Seine Referenz blieb zeitlebens die persische Tonleiter.

So wie Schadscharian in der Schah-Zeit unter dem Vormarsch des schlechten Geschmacks litt, litt er nach der Islamischen Revolution unter den ideologisch begründeten Schikanen gegen Musiker. Unter Khomeini waren öffentliche Konzerte verboten, wenn sie nicht das Regime und den Krieg verherrlichten. Nach Khomeinis Tod durfte Schadscharian im Iran hin und wieder auftreten.

Unvergessen ist ein sarkastischer Zeitungskommentar nach einem “Benefiz-Konzert” 2004 in Teheran für die Opfer des schweren Erdbebens im Südosten des Landes. “Es müssen erst Tausende Menschen in einem Erdbeben umkommen, damit ein guter Vorwand dafür entsteht, dass Musikliebhaber in den Genuss eines Schadscharian-Konzerts kommen dürfen”, schrieb eine kritische Journalistin.

Zahlreiche Freundschaften verbanden ihn mit kritischen Cineasten, bildenden Künstlern und Schriftstellern. Er selbst hielt sich mit direkten politischen Meinungsäußerungen zurück. Von diesem Prinzip wich er im Jahr 2009 ab.

Damals verurteilte Schadscharian die brutale Niederschlagung der Antiregierungs-Proteste in mehreren Interviews. Als Zeichen der Abgrenzung vom Regime verbot er dem staatlichen Rundfunk, seine Musik zu spielen. Von persönlichen Übergriffen wie Festnahmen oder Verhören blieb er verschont. Mullahs und Revolutionswächter wagten nie, ihn anzutasten.

Solange er lebte, beäugten die Herrschenden Schadscharian misstrauisch als eine potenzielle gegnerische Autorität. Nach seinem Tod werden sie versuchen, ihn zu vereinnahmen. Das ist ein bekanntes Muster. Den Schriftsteller Huschang Golschiri hatte der Geheimdienst jahrelang im Gefängnis gefoltert. Als er tot war, klopften “Kulturpolitiker” bei seiner Frau an, um sie zur Mitwirkung an wertschätzenden Dokumentationen über seine Person und sein Werk einzuladen.

Prägender als politische Ränkespiele wird das künstlerische Vermächtnis sein, das Mohammad-Reza Schadscharian hinterlässt. Generationen wird er als ästhetisches Vorbild dienen. Junge Sänger, unter ihnen sein Sohn Homayun, eifern ihm nach, orientieren sich an seinem Stil und seiner Technik.  Lange vor der mechanischen Reproduzierbarkeit des musikalischen Kunstwerks sagte Goethe:

Wisset nur, dass Dichterworte
Um des Paradieses Pforte
Immer leise klopfend schweben
Sich erbittend ewges Leben.

Als hätte er geahnt, dass die Chancen dafür besser stehen, wenn die Dichterworte meisterlich vertont werden.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2020

Der Autor arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Magazin Panorama. Er studierte Arabische Sprache und Literatur an der Universität Tel Aviv.

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