Die klassische persische Musik ist eigentlich nicht für große Säle gedacht. Sie ist nicht orchestral, ihr Grundton ist leise, manchmal nur ein Flüstern. Das erahnt jeder, der das “Musikzimmer” im Königspalast von Isfahan aus dem 17. Jahrhundert betritt. Die wesentlichen Instrumente: Setar und Tar, Kamanche, Santur, Daf und Ney raunen meist mehr, als dass sie auftrumpfen. Dann brechen sie in kurze Klangfeuer aus.

Schadscharian trat mit all diesen in eine unverwechselbare Kommunikation. “Begleitung” wäre das falsche Wort. Schadscharian sprach mit ihnen. Er liebte sie, das war in jedem Takt spürbar. Dabei waren der flüsternde Klang der Instrumente und die durchdringende Gewalt seiner Gesangsstimme Gegensätze. Sie erzeugten ein gespanntes Gleichgewicht, einen harmonischen Zauber, den man nicht vergessen kann.

Eines der schönsten Zwiegespräche, das Musik je geschaffen hat, ist das Stück “Bidad”. Schadscharian führt es mit dem Santur-Virtuosen Parviz Meschkatian (1955-2009). Dieser musikalische Dialog zwischen Gesang und Instrument öffnet den Blick auf den größeren Kontext dieser Kunst. Beim Versuch des Herantastens stellt man rasch fest, dass der Ehrentitel “Meister” in die Irre führt.

Im Dienste der Tradition

Schadscharian verstand sich nämlich als Diener. Er diente der Tradition, indem er sich in sie einfügte. In ihrem Zwiegespräch vertonen Schadscharian und Meschkatian ein Gedicht von Hafez (ca. 1315-1389). Es handelt von der Sehnsucht nach verlorener Freundschaft und vergangenem Frieden. Das Gedicht besteht aus einer Abfolge immer bohrenderer  Fragen. Was ist aus der Frühlingswolke geworden, den Nachtigallen, den Weinschlürfern? Wo sind sie alle hin?

Trauer um den iranischen Musiker Mohammad-Reza Schadscharian; Foto: Tasnim
Trauer um den Großmeister der klassischen iranischen Musik: Im Alter von 80 Jahren ist Mohammad-Reza Schadscharian vergangenen Donnerstag nach langer schwerer Krankheit in Teheran gestorben.Dem kulturellen Gedächtnis bot er einen lebendigen Resonanzraum. Lange vor seinem Tod war er eine Legende.

Die Aufnahme stammt aus den achtziger Jahren, aus der Zeit des verlustreichen Krieges gegen den Irak. Sie wurde von der Bevölkerung als Trostspendung aufgefasst und fand weite Verbreitung. Schadscharian demonstriert hier ein wichtiges Grundprinzip der persischen Musik. Sie dient dem Text. Die Musik erweckt den kulturschaffenden Text zum Leben, indem sie ihm die denkbar schönste Form gibt.

Mohammad Reza Schadscharian wurde am Samstag auf dem Gelände des Mausoleums von Ferdosi (940-1020) in Tus begraben. Die Wahl dieser Ruhestätte in der Provinz Chorasan verdeutlicht die historische Dimension. Ferdosi ist der Dichter des "Buchs der Könige" (Shahnameh), ohne den die persische Sprache nicht überlebt hätte.

In dieser Steppe mit dem weiten Horizont mag der Rufer leicht auf die Idee kommen, dass ihn außer Gott niemand hört. Hier wurde Mohammad Reza Schadscharian geboren. Als kleiner Junge fand er über die melodische Rezitation des Koran zur Musik. Als reifer Sänger landete er bei den Dichtern, vor allem bei Hafez, der historischen Leitfigur der persischen Kunst.

Dialog mit Hafez

Am Ende jedes Gedichts spricht Hafez sich selbst, meist mit ironischem Unterton, in zwei Schlusszeilen an. Als träte er einen Schritt von seinem Werk zurück, als kommentierte er aus einer gewissen Distanz seine eigenen Worte und sein dichterisches Bemühen. Wenn Schadscharian an diese Stellen kommt, wird explizit, was seine Musik so bedeutend macht.

Hafez spricht sich dann nicht mehr selbst an, sondern Schadscharian ruft Hafez an, auf Augenhöhe. Eine höhere Stufe kann ein persischer Künstler nicht erreichen. “Hafez, schweige, niemand kennt die göttlichen Geheimnisse”, heißt es am Schluss des erwähnten Gedichts.

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