Nachruf auf ägyptische LGBTIQ-Aktivistin Sarah Hegazy

"Wie soll ich überleben in einer Gesellschaft, die auf Hass basiert?"

Im Jahr 2017 wurde Sarah Hegazy in Kairo verhaftet, weil sie auf einem Konzert die Regenbogenfahne zeigte, das Symbol für Homosexualität und Queerness. Nun hat sich die Aktivistin in Kanada das Leben genommen. Von Christopher Resch

Selten hat in der jüngsten Geschichte Ägyptens ein Tod größere Schockwellen durch die Exilcommunity geschickt als dieser: Am 14. Juni ist Sarah Hegazy aus dem Leben geschieden, freiwillig, als letzter selbstbestimmter Akt im Kampf gegen eine mörderische Welt. Ihr Kampf war nicht zu gewinnen.

Sarah Hegazy, 30 Jahre alt, war eine ägyptische LGBTIQ-Aktivistin. Sie ist bekannt geworden als die Frau, die 2017 auf einem Konzert der libanesischen Indie-Band Mashrou‘ Leila die Regenbogenfahne schwenkte. In Kairo. Es war angeblich das erste Mal, dass dieses queere Symbol in der ägyptischen Öffentlichkeit gezeigt wurde. Aber das kann nicht der Grund für ihre anschließende Verhaftung gewesen sein, denn Homosexualität ist in Ägypten per Gesetz nichts Illegales.

Warum steckte man sie dann ins Gefängnis, warum quälte man sie mit Elektroschocks, warum brachte man andere inhaftierte Frauen dazu, sie sexuell zu demütigen? Warum sonst war sie gezwungen, unter schweren posttraumatischen Belastungsstörungen ihre Heimat in Richtung Kanada zu verlassen?

Kübelweise Hass und Ablehnung

In den Tagen nach dem verhängnisvollen Konzert waren die sozialen Medien voll von Fotos: Sarah Hegazy und Ahmed Alaa, damals erst 21, hatten sie selbst gepostet. Neben Zuspruch und Unterstützung ergossen sich kübelweise Hass und Ablehnung über die Beiden. Die Medien, vor allem die in Ägypten notorisch bekannten Talkshow-Hosts, griffen "die Story" auf und stachelten die Öffentlichkeit an, bis zur Hysterie. Homosexuelle in Ägypten sind seit langem Anfeindungen ausgesetzt, eine der berüchtigtsten war die Verhaftung der "Cairo 52" auf dem "Queen Boat" im Jahre 2001.

Doch die queere Community ist sich einig, dass es so etwas wie in den Wochen nach der Verhaftung Hegazys noch nie gegeben hatte. Die Behörden spürten in Dating-Apps potenziellen Homosexuellen nach, stürmten Wohnungen, schlossen LGBTIQ-freundliche Cafés und verhängten Haftstrafen von bis zu sechs Jahren.

Kein Wunder, dass Sarah Hegazy in diesem zutiefst vergifteten Umfeld nicht mehr leben wollte und nach Toronto emigrierte. "Ich hatte Angst vor jedem", schrieb sie 2018, ein Jahr nach ihrer Verhaftung, in der Online-Zeitung "Mada Masr".

In Kanada wurde sie nicht glücklich. Ihre Mutter war gestorben, kurz nachdem sie Ägypten verlassen hatte. Sie habe angefangen zu stottern und niemandem mehr in die Augen sehen können, schrieb sie. Zwei Suizidversuche hatte es bereits gegeben, den dritten unternahm sie an einem Sonntag Mitte Juni, 2020. Sarah Hegazy hinterließ einen Abschiedsbrief, handschriftlich, auf Arabisch. "An die Welt, du warst schrecklich grausam, aber ich vergebe dir", steht darin.

Unterdrückung der Unangepassten

Die ägyptische Gesellschaft ist nicht so gnädig. Zwar gibt es angesichts dieses traurigen Schicksals viele Kommentare voller Solidarität, Liebe und Verbundenheit. Doch immer wieder tauchen Posts auf, die meinen, es sei am Ende eben Gottes Wille gewesen. Gut möglich, dass sich auch in den Behörden von Abdel Fattah al-Sisis Staat einige ins Fäustchen lachen – es wäre nicht das erste Beispiel für solchen Zynismus.

Denn Sarah Hegazy war auf vielen Ebenen nicht das, was das Regime für erstrebenswert hält. In einem Interview mit der Deutschen Welle (DW) fasste sie es so zusammen: "Wie soll ich überleben in einer Gesellschaft, die auf Hass basiert gegen alle, die nicht männlich, heterosexuell, sunnitisch oder Regimeanhänger sind? Alle anderen werden unterdrückt." Zudem war sie in Ägypten und auch später in Kanada Mitglied sozialistischer Parteien. Ihr Outing als lesbische Frau hat den gesellschaftlichen Furor vervollständigt, sagte sie im Gespräch mit der DW. "Ich habe mich in einer Gesellschaft offenbart, die alles hasst, was von der Norm abweicht."

Viele Sisi-Anhänger und die wenigen sich äußernden offiziellen Stellen betonen nun, dass ein Selbstmord als unvereinbar mit dem Islam gilt. Das ist nach Meinung der meisten Rechtsgelehrten tatsächlich so, wie auch im Christentum. Doch die Erklärung, dass Verhaftung, Gefängnis, Folter und öffentliche Ablehnung sie mental krank gemacht habe, ist zu einfach.

Wenn Angst und Terror siegen

Hamed Sinno, der homosexuelle Sänger der Band Mashrou' Leila, nimmt darauf in einem emotionalen Statement auf Facebook Bezug. "Psychische Krankheiten zu pathologisieren, erklärt nicht, warum manche von uns von ihnen heimgesucht werden und andere nicht. Psychische Krankheiten sind das Ergebnis struktureller Gewalt."  Und weiter: "Minderheiten wie wir leiden häufiger unter Diabetes, Herzkrankheiten, Atemstillstand, Krebs. Das ist es, was Trauma und Hass in unseren Körpern anrichten."

Die allgegenwärtige Angst sei zur stärksten Kraft in ihrem Leben geworden, sagte Sarah Hegazy ein Jahr nach ihrer Verhaftung. Noch einmal zwei Jahre später haben Angst und Terror gesiegt, zu brutal war die Attacke von Staat und Gesellschaft.

Dass sich ein Regime gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern so verhält wie im Falle Sarah Hegazys, könnte man als Zeichen von Schwäche und Verfall deuten. Aber dass die Gesellschaft dieses Regime stützt, nimmt solcherlei Optimismus die Luft.

Christopher Resch

© Qantara.de 2020

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