Der Widerstand "ein Rezept für eine Katastrophe"

Die Provinz nördlich von Kabul war der einzige Teil Afghanistans, den die Taliban lange nicht unter ihre Kontrolle bringen konnten. Anfang September gelang es ihnen dann doch. Sie ist geprägt von den mächtigen Bergen des Hindukusch und dem tiefen Einschnitt durch das Pandschir-Tal, das in der Vergangenheit weder die Sowjetarmee noch die Taliban je einnehmen konnten. 

Zulfiqar Omid sagt, Tadschiken und Hazara würden jetzt ihre Kräfte gegen die Taliban bündeln. Gegen eine Armee, die bei der Machtübernahme modernste amerikanische Waffen und Ausrüstung der afghanischen Armee erbeutet hat. Die Hazara hätten ihre Waffen auf dem Schwarzmarkt beschafft, erzählt Omid. Es seien vielleicht nicht die modernsten, aber die "Bereitschaft" und die Verzweiflung der Männer würden dies wettmachen.

Hazara-Flüchtlinge überqueren die Grenze von Afghanistan nach Pakistan bei Chaman; Foto: Saeed Ali Achakzai/Reuters.
Bis zu 6.000 Flüchtlinge, darunter viele Hazara, haben sich bereits auf den Weg nach Quetta in Pakistan gemacht, einer Stadt mit einer großen Hazara-Gemeinde. Ein Mann aus Nimroz und seine Familie fand Zuflucht bei einem örtlichen Mechaniker. Nach der Machtübernahme in Nimrus "begannen alle zu rennen und versuchten, das Land zu verlassen," sagte der Afghaner. Beim Überqueren der Grenze herrschte Chaos – die Familie musste sich schließlich die Wachleute bestechen, um über die Grenze zu kommen.

Doch es gibt auch Stimmen, die den bewaffneten Widerstand für einen Fehler halten. Das sei "ein Rezept für eine Katastrophe", sagt Niamatullah Ibrahimi im DW-Interview. Der Politikwissenschaftler ist Dozent an der La Trobe University in Australien und Autor des Buches "The Hazaras and the Afghan State".

In seinen Augen hätten die Kämpfer keine Chance. Die Taliban, sagt er, könnten die Hazara-Regionen einfach von Nachschub und Hilfslieferungen abriegeln. Das würde schnell zu einer gravierenden Hungersnot führen. Außerdem sei zu befürchten, dass es als Reaktion auf den Widerstand zu neuen Massakern und Racheakten gegen die Hazara-Bevölkerung komme. Aus Angst vor den Taliban seien schon jetzt viele gut Ausgebildete geflohen.

Massenflucht nach Pakistan

Mehr als 6000 Afghanen, darunter viele Hazara, sind bereits ins pakistanische Quetta geflohen, berichten Quellen vor Ort. Die Stadt hat selbst eine große Hazara-Gemeinde. Die Geflüchteten seien in den Moscheen oder bei Einheimischen untergekommen.

Die DW konnte mit einem 27-jährigen Arbeiter sprechen, der Mitte August aus der Provinz Nimrus im Südwesten Afghanistans geflohen ist. Ahmad* hat zusammen mit sieben weiteren Familienmitgliedern Zuflucht bei einem Mechaniker in Quetta gefunden.

Auch er bestätigt, dass die Hazara den Beteuerungen der Taliban keinen Glauben schenken. Nach der Machtübernahme in Nimrus "begannen alle zu rennen und versuchten, das Land zu verlassen".  An der Grenze habe Chaos geherrscht. Die Familie musste Beamte bestechen, um nach Pakistan zu gelangen.

Auch das mehrheitlich sunnitische Pakistan hat eine eigene Geschichte blutiger Gewalt gegen religiöse Minderheiten wie die Schiiten. Trotzdem sagt Ahmad:  "Wir werden nicht zurückgehen, solange die Taliban in Afghanistan an der Macht sind."

Eine Straße bei Sonnenuntergang in Mariabad, Quetta, Pakistan; Foto: Reuters/A. Soomro.
Selbst eine bedrohte Gemeinschaft: Obwohl viele afghanische Hazaras nach Quetta im Südwesten Pakistans geflohen sind, ist die Stadt kein einfaches Quartier für die schiitische Minderheit. Hohe Mauern, die die Bewohner vor Kämpfern schützen sollen, umgeben die Hazara-Viertel – eine stetige Erinnerung an die ständige Gefahr von Anschlägen.

Zu der Angst vor den Taliban kommt jetzt auch noch die Angst, dass der sogenannte Islamische Staat nach dem Abzug der US-Truppen und dem Zusammenbruch der afghanischen Armee wieder stärker werden könnte. Der lokale Ableger der Terrororganisation, IS-K, hatte in den vergangenen Jahren immer wieder blutige Anschläge auf Hazara-Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser verübt. 

Keine Evakuierung von Hazara

Die 19-jährige Mah Bigum will angesichts der Lage nur noch fliehen. Verwandte im Ausland haben versucht, sie auf einen der letzten Evakuierungsflüge zu bekommen – vergebens.

Während Aktivisten der Zivilgesellschaft, Politiker, Journalisten und Personen, die für ausländische Militärs gearbeitet haben, als besonders Schutzbedürftige auf Evakuierungslisten kamen, wurde den Hazara als ethnische Gruppe bisher von keiner ausländischen Regierung ein solcher Status zuerkannt.

Das WhatsApp-Profil von Mah Bigum zeigt eine lächelnde junge Frau. Ihr Kopftuch ist zurückgeschoben; das lange Haar kommt zum Vorschein. Ihre Lippen sind rot geschminkt. Jetzt haben Verwandte ihr einen schwarzen Ganzkörperschleier gekauft. Er hänge an ihrer Tür, aber sie vermeide dort hinzuschauen: "Als Frau erwarten die Taliban von dir nur, dass du Kinder gebärst, dass du Sexsklavin bist." Sie weint verzweifelt. 

Anders als in ihrem Lieblingsfilm "V wie Vendetta" hat Mah Bigum keine Hoffnung, dass ein Freiheitskämpfer auftaucht, um sie zu retten.

"Es ist unmöglich, in Afghanistan vor den Taliban wegzurennen", sagt sie leise.

Naomi Conrad, Birgitta Schuelke-Gill & Samad Sharif

© Deutsche Welle 2021

Mitarbeit: Shah Farhad, Nina Werkhäuser und Sandra Petersmann

Anmerkung der Redaktion: *Die Namen sind der Redaktion bekannt, wurden aber aus Sicherheitsgründen geändert.

 

 

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