Nach dem Vormarsch der Taliban auf Kabul herrscht Anspannung in der afghanischen Hauptstadt. Die Situation könnte sich vor allem für Frauen schnell verschlechtern. Unter der Taliban-Herrschaft waren Schulen für Frauen tabu. Mohammed Naeem, Polit-Sprecher der Taliban, erklärte jetzt, dass sie die Rechte von Frauen und Minderheiten, achten würden, aber nur, wenn sie der Scharia entsprächen.
Nach der Machtübernahme der Islamisten in Afghanistan

Haben sich die Taliban verändert?

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist es sinnvoll, ihre Ideologie genauer unter die Lupe zu nehmen. Können sie zu einer friedlichen Ordnung beitragen? Der deutsche Afghanistan-Experte Thomas Ruttig hat seine Sicht kürzlich in einem Essay für eine Publikation der US-Militärakademie West Point skizziert. Von Rishikesh Thapa

Die militant-islamistischen Taliban hatten die Besatzung des Landes durch Truppen der USA und der NATO nie akzeptiert. Jetzt haben sie erneut die Macht in Afghanistan übernommen. Die aktuelle Rhetorik der Taliban wirft ein Licht auf verschiedene Themen, darunter ihr Verständnis von der Rolle der Medien, von Bildung, Frauenrechten und der Rolle des Islam in der Politik.

In der Zeitschrift CTC Sentinel der US-Militärakademie West Point schreibt Afghanistan-Experte Thomas Ruttig, die Taliban hielten an ihrer prinzipiell religiösen Motivation fest. Sich mit ihnen die staatliche Macht zu teilen, dürfte daher schwierig werden. Vor 2001 hatten sie in dem Land eine diktatorische Herrschaft etabliert, wurden dann aber von der US-geführten Invasion nach dem Terrorangriff auf New York und Washington am 11. September 2001 gestürzt. Nun besteht die Sorge, dass sie versuchen, erneut eine totalitäre Macht zu errichten – und es ihnen gelingen könnte.

Laut New York Times sah der Fahrplan der US-Regierung eine künftige afghanische Regierung unter Beteiligung der Taliban vor. Sie strebte auch eine Reform der Verfassung, Bedingungen für einen dauerhaften Waffenstillstand und schließlich nationale Wahlen an. Die Grundrechte aller Bürger, einschließlich Frauen und Minderheiten, sollten dabei gewahrt werden. Zum Plan gehörte auch eine unabhängige Justiz, die von einem Hohen Rat für islamische Rechtsprechung unterstützt werden sollte.

Bekannt für brutale Gewalt und Hinrichtungen

Ruttig weist darauf hin, dass die Taliban erstmals in den 1990er Jahren erstarkten, als ihre Milizen zu einer wichtigen Kraft in Afghanistans langem Bürgerkrieg wurden. An der Macht verübten sie weiterhin brutale Gewalt und waren für Hinrichtungen berüchtigt. Sie erkannten Frauenrechte nicht an, schränkten den Schulbesuch von Mädchen ein und erlaubten keine Redefreiheit.

Andererseits weist Ruttig darauf hin, dass die Taliban nach der US-Invasion 2001 wieder erstarkten, weil viele Menschen sich über die korrupte Regierung und die Gewalt, die die Besatzungstruppen ausübten, ärgerten. Die Taliban wurden so stark, dass US-Präsident Barack Obama ab 2009 zusätzliche Truppen entsandte, um sie zu bekämpfen. Sein Nachfolger Donald Trump erklärte jedoch, er wolle diesen "endlosen Krieg“ beenden, und verkündete den Truppenabzug der US-Truppen. Im April bestätigte Präsident Joe Biden diese Entscheidung.

Thomas Ruttig, Ko-Direktor des unabhängigen Think-Tanks "Afghanistan Analysts Network“; Foto: DW
"Mit einem verfehlten Konzept trägt der Westen die Hauptschuld an der gegenwärtigen Krise in Afghanistan," sagt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig. Er hat in einem Papier für die Zeitschrift CTC Sentinel der US-Militärakademie West Point beschrieben, dass die Taliban in ihrer Rhetorik zu Themen wie Bildung und Frauenrechte heute etwas moderater seien als während ihrer Herrschaft vor 2001. Intern hätten sie sich aber kaum verändert. Sie seien weiterhin eine militante Organisation mit einer autoritären Führung, die keinen Raum für offene Debatten und demokratische Entscheidungsfindung lasse.

Laut Ruttig, der in den Jahren 2000 bis 2003 im Auftrag der Vereinten Nationen in Kabul gearbeitet hat, gefällt vielen Afghanen und Menschen in den Nachbarländern, dass die Taliban sich konsequent gegen fremde Truppen gestellt haben – zunächst gegen die sowjetischen Truppen, später gegen die NATO. Der Autor urteilt aber, die Taliban hätten eingesehen, dass ihr Regime in den 1990er Jahren der Wirtschaft geschadet und das Land isoliert hat. Heute hingegen wüssten sie, dass Frieden und Wohlstand von der Zusammenarbeit mit den Nachbarn Afghanistans abhängen.

Gleichzeitig schreibt der Mitgründer des  Afghanistan Analysts Network, die Taliban bestünden immer noch auf einer politischen Ordnung auf Grundlage des islamischen Rechts. Die inzwischen aufgelöste Regierung unter Ashraf Ghani hatten sie beschuldigt, unislamisch zu sein. Ihr Weltbild sei weiterhin rigide, aber etwas moderater als früher. Besonders bemerkenswert sei ihre veränderte Haltung zur Mediennutzung. Früher verboten die Taliban das Fernsehen, monopolisierten die Nutzung von Telefonen und verbreiteten ihre eigenen Ansichten über Printmedien und Radio. Heute nutzen sie alle technologischen Optionen – einschließlich sozialer Medien und mehrsprachiger Websites.

Ruttig, der die afghanischen Sprachen Paschtu und Dari beherrscht, bewertet in seinem Beitrag auch aktuelle Äußerungen der Taliban zur Bildung. Nach Ansicht der Islamisten sind die Schulen ein Einfallstor für westliche Werte. Als sie an der Macht waren, bestanden sie darauf, dass Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet werden – und zwar nur von Lehrern des eigenen Geschlechts. Außerdem sollten Mädchen ab der Pubertät nicht mehr zur Schule gehen. Teils wurde der Lehrplan auf Koranunterricht reduziert. In den vergangenen Jahren sei ihr Ansatz jedoch weniger restriktiv geworden, berichtet Ruttig. Im August 2013 verkündeten sie, dass Kinder – nicht nur Jungen – sowohl religiöse als auch moderne Bildung bräuchten, und betonten dabei Computerkenntnisse und Fremdsprachen.

 

 

Kopftuch statt Burka

Auch die Einstellung der Taliban zu Frauenrechten ändere sich langsam, schreibt der deutsche Experte. Bei den Verhandlungen in Katar unter der Schirmherrschaft der USA erklärten sie beispielsweise, die islamische Kleiderordnung erfordere nicht, dass Frauen ihr Gesicht mit Burkas verdecken, da Kopftücher genügten.

Früher seien die Taliban zivilgesellschaftlichen Organisationen gegenüber grundsätzlich feindlich gesinnt gewesen, fügt Ruttig hinzu. Inzwischen seien sie in gewissem Maße bereit, mit unabhängigen Institutionen und Behörden zu kooperieren.

Inwieweit die Taliban bereit sind, eine politische Kraft unter anderen in Afghanistan zu werden, ist laut Ruttig unklar. Er erkennt an, dass sie sich in Doha auf Verhandlungen eingelassen haben. Andererseits hätten sie nicht deutlich gemacht, wie sie sich die politische Zukunft Afghanistans – abgesehen von der Forderung nach einem islamischen System und dem Abzug aller ausländischen Truppen – vorstellen. Intern haben sich die Taliban Ruttig zufolge kaum verändert. Sie seien weiterhin eine militante Organisation mit einer autoritären Führung, die keinen Raum für offene Debatten und demokratische Entscheidungsfindung lasse.

Rishikesh Thapa

© Entwicklung und Zusammenarbeit 2021

Thomas Ruttig, Have the Taliban changed? In: CTC Sentinel, March 2021

Thomas Ruttig ist Co-Direktor des "Afghanistan Analysts Network" und war jahrelang als Mitarbeiter an UN-Missionen in Afghanistan beteiligt. Er spricht Paschtu und Dari.
 

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