Hassbotschaften im Netz

Inzwischen hat der Hass einen neuen Höhepunkt erreicht. Bereits kurze Zeit nach dem Anschlag äußerte sich der australische Senator Fraser Anning in rassistischer Weise zu dem Angriff. Er verurteilte zwar die Gewalt, verwies aber auf die wachsende Angst in Neuseeland vor der muslimischen Einwanderung und betonte, dass Muslime normalerweise die Täter seien.

In den sozialen Medien bezeichneten Nutzer den Attentäter von Christchurch als einen „Helden, der eine Ehrung verdient!“ In einem Tweet heißt es: „Er hat keine Unschuldigen ins Visier genommen. Er hat keine Teenager auf einem Popkonzert angegriffen oder Familien attackiert, die gemeinsam einen schönen Abend verbringen wollten. Aber er hat einen sehr wirkungsvollen Treffer gegen einen Teil des politischen Apparats gelandet, der nach wie vor aktiv an einem Angriff auf unser Volk beteiligt ist und daran arbeitet, es auszutauschen.“ Ein anderer Nutzer analysiert tiefgründig: „Jetzt sind die Anderen die Opfer, zum ersten Mal werden die Rollen vertauscht.“

Neben Stimmen, die den Anschlag klar verurteilen, finden sich zuhauf derartige Sympathiebekundungen im Internet. Andere rufen nach Vergeltung, was in Aussagen wie „Blut kann nur mit Blut vergolten werden“ zum Ausdruck kommt. Wo der Hass dominiert und das Recht des Stärkeren gilt, geht die Stimme der Vernunft zuerst verloren. Der Anschlag auf die zwei Moscheen hat enorme destruktive Kräfte entfesselt, die lange im Dunkeln verborgen lagen.

Muslime, Angehörige der Opfer und all jene, die überall auf der Welt unabhängig von ihrem Glauben und ihren religiösen Überzeugungen ihr Mitgefühl zum Ausdruck gebracht haben, sind in tiefer Trauer. Sie trauern nicht nur, weil der Terror dieses Mal an einem der friedlichsten und sichersten Orte auf der Welt zugeschlagen und ihn für immer seiner Unschuld beraubt hat.

Dass sie jetzt trauern, liegt auch daran, dass es sowohl Muslimen als auch der Politik in den westlichen Industrieländern nicht gelungen ist, einen Weg aus dem Kreislauf von Islamophobie und islamischem Extremismus zu weisen.  

Die führenden Vertreter der Muslime, insbesondere im Westen, haben sich in der eigenen Community zu wenig für eine staatsbürgerliche Identität stark gemacht. Sie haben die Integration nicht genügend befördert und zu wenig danach gesucht, im Einklang mit den aufnehmenden Gesellschaften zu leben.

Genauso wenig haben sie sich in den eigenen Reihen ausreichend gegen Extremismus engagiert oder der Tendenz Einhalt geboten, die Schuld für Missstände nur bei anderen zu suchen. Sie beklagen die durchaus vorhandene Islamophobie, haben sich jedoch selbst davon überzeugt, dass sie keinesfalls einen Einfluss auf deren stetige Zunahme haben. Nun ist die Islamophobie endgültig eskaliert.

Auf der anderen Seite wurden hingegen keine ernsthaften Bemühungen unternommen, die Idee der religiösen Koexistenz mit einem realistischen politischen Programm auf der Basis von Gerechtigkeit und Chancengleichheit in die Realität umzusetzen.

Entsprechend gelang es nicht, die Gesellschaften vor den Exzessen des ideologischen Fanatismus zu bewahren, in denen zuweilen die destruktiven Tendenzen des menschlichen Geistes ihren Ausdruck finden.  

Dann ersetzt blinder Glaube die Vernunft und das Vertrauen darauf, dass alle Seiten von einer Kultur des Konsenses und der friedlichen Koexistenz profitieren.

Auf grausamste und mordlüsterne Weise werden Religionskriege heraufbeschworen und die Taten extremistischer Attentäter live im Netz übertragen, als wären es Szenen aus dem populären Videospiel „PUBG“ (Player Unknown’s Battlegrounds). Die Spieler sollen auf einer abgelegenen Insel möglichst viele Gegner töten. Andernorts werden währenddessen die Vorbereitungen getroffen, um Lastwagen zu kapern und Kirchen, Theater, Nachtclubs oder Cafés in die Luft zu sprengen.

Terroristen wie Akilov und der Attentäter von Christchurch scheinen erreicht zu haben, was sie sich so sehnlich herbeigewünscht haben.

Mousa Barhouma

© Qantara.de 2019

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

Mousa Barhouma ist jordanischer Schriftsteller und Publizist. Er schreibt für führende arabische Zeitungen und war bis 2010 Chefredakteur der in Amman erscheinenden Tageszeitung "Al-Ghad" ("Der Morgen"). Zurzeit ist Barhouma außerordentlicher Professor für Kommunikations- und Informationswissenschaften an der American University in Dubai.

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Leserkommentare zum Artikel: Den Teufelskreis des Hasses durchbrechen

Vielen Dank für Ihren Bericht und Kommentar!. ich lese (fast !)regelmäßig Ihre Seite, da ich mich in einem palästinensischen Projekt engagiere

Gertrud Nehls20.03.2019 | 20:10 Uhr