Nabil Ayouchs Film "Razzia"

In Trauer und Nostalgie getränkt

Mit seinem neuen Film "Razzia" übt der französisch-marokkanische Filmemacher Nabil Ayouch erneut Gesellschaftskritik. Allerdings nimmt die multiperspektivische Handlung über fünf vom Schicksal geschlagene Marokkaner nie so richtig Fahrt auf. Von Schayan Riaz

Casablanca im Jahre 2015. Ein Demonstrationszug schreitet lauthals durch die Straßen, er besteht überwiegend aus bärtigen Männern und Frauen, die bunte Kopftücher tragen. "Die Scharia darf nicht geändert werden! Marokko ist ein islamisches Land! Frauen und Männer sind nicht gleich!" rufen sie nach und nach. "Das Erbschaftsrecht darf nicht reformiert werden!", fügen sie im Chorus hinzu.

Plötzlich taucht eine Frau auf und löst sich von der Menschenmenge. Sie trägt lange, schwarze Haare sowie ein Sommerkleid. Als sie am Strand ankommt, ist sie endlich unbekümmert. Sie läuft ins Wasser und befeuchtet ihre Beine.

Große Aufregung

Gleich in der ersten Viertelstunde liefert Regisseur Nabil Ayouch mehrere Statements. Und genau so wird er munter weitermachen. Denn "Razzia" ist weniger ein Spielfilm, vielmehr ist er eine Anreihung von Kommentaren über die Lage der Nation. Für den Zuschauer kann das schnell anstrengend werden, wenn sich fast jeder Moment mehr wie eine Schlagzeile als Filmszene anfühlt.

Nabil Ayouchs Film "Razzia"
Nabil Ayouch, der bereits mit "Much Loved" für große Aufregung sorgte, setzt sich in seinem neuen Film einmal mehr mit seiner Heimat auseinander. Und es sind stets große, wesentliche Fragen, die er abarbeitet: Wie ist es um religiöse Minderheiten im Land bestellt? Welche Rollen nehmen Frauen in der Gesellschaft ein? Und welche Zukunftsperspektiven werden jüngeren Bürgern geboten?

Ayouch, der bereits mit seinem letzten Film über Prostituierte in Marokko ("Much Loved") für große Aufregung sorgte, setzt sich einmal mehr mit seiner Heimat auseinander.

Und es sind stets große, wesentliche Fragen, die er abarbeitet: Wie ist es um religiöse Minderheiten im Land bestellt? Welche Rollen nehmen Frauen in der Gesellschaft ein? Und welche Zukunftsperspektiven werden jüngeren Bürgern geboten? Das ist ohne Zweifel wichtig, doch Ayouch verliert schnell den Überblick aufgrund von zu vielen Perspektiven.

"Razzia" beginnt in den Bergen. Der gutmütige Lehrer Abdallah (Amine Ennaji) bringt seinen Schülern Naturwissenschaften bei und liest selbst verbotene Lyrik. Es dauert nicht lange, bis die Behörden aufmerksam auf ihn werden. Nicht unbedingt wegen der rebellischen Bildungsinhalte, sondern weil er kein Arabisch spricht.

Laut Gesetz muss die Sprache des Korans gleich der Unterrichtssprache sein, doch die Kinder können gar kein Arabisch. Also unterrichtet der Lehrer auf Berberisch, sonst könnte niemand seinem Unterricht folgen. Als deutlich wird, dass die strenggläubigen Beamten ihn nicht in Ruhe lassen werden, flieht er.

Der Islam ist schuld

In dieser Anfangssequenz ertönt mehrfach folgender Satz als Voice-Over: "Was nützt dir dein Glauben, wenn du den Kindern ihre Träume wegnimmst?". Ayouchs Agenda ist kristallklar; der Islam, oder seine fundamentalistische Ausrichtung seitens der Regierung, ist schuld an allem.

Und den Nachklang spürt man bis in die Gegenwart. Vielleicht ist das auch gar nicht so unbegründet, doch Ayouch differenziert kaum.

Er scheint nur an groben Zügen interessiert: Ein jüdischer Restaurantbesitzer (Arieh Worthalter), der aufgrund seiner Religion von seiner Liebhaberin verlassen wird. Ein junger Freddie Mercury-Möchtegern (Abdelilah Rachid), der entgegen den Wünschen seiner – richtig – muslimischen Familie nach Frankreich auswandern möchte, um Sänger zu werden.

Die vorerwähnte schöne Frau am Strand (Maryam Touzani), die unter ihrem muslimischen Macho-Freund leidet, weil er ihr verbietet, feiern zu gehen, zu rauchen und generell Spaß zu haben. Und eine junge Muslima aus der Oberschicht (Dounia Binebine), die nicht weiß, was sie will, die betet, während im Hintergrund Musik läuft.

Casablanca im Zentrum

Aufgrund dieser verschiedenen Erzählstränge ist das Drehbuch von "Razzia", welches Ayouch zusammen mit Touzani geschrieben hat, zu unfokussiert. Auch wenn die Autoren im Kern vornehme Absichten hegen mögen, gelingt es ihnen einfach nicht, jenseits der plakativen Religionskritik eine Geschichte zu erzählen, die authentisch wirkt. Der Film funktioniert nur in wenigen Szenen, vor allem dann, wenn er als cineastischer Liebesbrief an Casablanca gelten soll.

Damit ist nicht nur die Stadt gemeint, es geht auch um den gleichnamigen Humphrey Bogart-Film aus den 40ern. Das Restaurant des jüdischen Besitzers Joe ist nämlich eine direkte Hommage an "Rick's Café Américan" aus dem Original – hier kommen verschiedene Personen aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten zusammen und verstehen sich ohne jegliche Probleme. Als Joe dann etwas resigniert zu seinem Kellner sagt, dass keine einzige Sekunde des Hollywood-Klassikers in der marokkanischen Küstenstadt gedreht wurde, hat das Ganze etwas Nostalgisches an sich.

Das Drehbuch ist nicht nur voller Nostalgie, jedes zweite Bild ist auch in Trauer getränkt. Wenn Hakim, der ja Rockstar werden will, den hoffnungsvoll euphorischen Queen-Klassiker "We Are the Champions" singt, sieht man nach und nach die Protagonisten des Films, die ja alles andere als Champions sind. Es ist ein genialer, ironischer Einfall von Ayouch und eine der wenigen gelungenen Montagen im Film.

Ein wenig später wird Hakim auf einer Hausparty für die Sicherheit sorgen und dort am Boden der Tatsachen ankommen, dass dies seine Welt ist und er nicht auf die Bühne gehört. Das tut einem leid, und auch als die ganze Stadt in Gewalt ausbricht, fühlt man mit der hoffnungslosen Jugend mit. Aus diesem Grund hätten die Figuren und ihre Handlung mehr verdient als bloße Karikaturen für eine unausgereifte Gesellschaftskritik zu sein.

Schayan Riaz

© Qantara.de 2019

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