Mustafa Akyol: "The Islamic Jesus"

Verbindendes im Glauben

In seinem neuen Buch "Der islamische Jesus: Wie der König der Juden zum muslimischen Propheten wurde" setzt sich der türkische Journalist Mustafa Akyol implizit für eine Reform des Islam ein, indem er die außergewöhnlichen Möglichkeiten des Einflusses herausstellt, den Jesus auf die Welt hatte. Lucy James hat das Buch gelesen.

Wenn es jemals ein Buch gegeben hat, das garantiert den Dialog zwischen Christen und Muslimen anregt, dann ist es dieses. Bereits 2012 wurde Mustafa Akyol für sein damaliges Werk "Islam without Extremes: A Muslim Case for Liberty" ("Islam ohne Extreme: Muslimische Argumente für die Freiheit") für den Lionel-Gelber-Preis nominiert. Und diesmal hat er ein Buch geschrieben, in dem es um die gemeinsamen Ursprünge von Islam und Christentum und die Rolle von Jesus Christus im muslimischen Glauben geht. Akyol zeigt, dass ein Großteil der messianischen Tradition des Islam ihren Ursprung tatsächlich im frühen "jüdischen" Christentum haben könnte.

Auf verständliche Art und Weise und mit akademischer Liebe zum Detail untersucht der türkische Journalist Akyol die Vorläufer und Quellen des Neuen Testaments, wie wir es heute kennen. Dazu fasst er die frühen Evangelien, das apokryphe Protoevangelium von Jakobus und das noch kontroversere Konzept der Logienquelle Q ins Auge, und stellt die Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum heraus, die in der Tat sehr umfangreich sind. Für Christen, die den muslimischen Glauben nicht kennen, oder für Muslime, deren Wissen über das Christentum bestenfalls lückenhaft ist, könnte dies sehr überraschend sein.

Das frühe Christentum in all seinen Formen

Buchcover Mustafa Akyol: "The Islamic Jesus: How the King of the Jews Became a Prophet of the Muslims" im Verlag St Martin's Press
Mustafa Akyol: "Ob wir nun Juden, Christen oder Muslime sind: Wir haben entweder einen Glauben, der von Jesus befolgt wird, einen Glauben, der auf Jesus aufbaut oder einen Glauben, der Jesus verehrt."

Akyol erinnert seine Leser an die Tatsache, dass das Christentum, wie wir es heute kennen, in seinen Gründungsjahren keineswegs in Stein gemeißelt war. Dabei zeigt er einige interessante Unterschiede zwischen drei frühen Ausprägungen dieser Religion auf: der Paulinischen Kirche, die auf den Lehren des heiligen Paulus beruht und letztlich der Vorläufer des modernen, westlichen Christentums ist, des "jüdischen" Christentums, das auf Jesus' Bruder Jakobus zurückgeht, und des Glaubens der frühen christlichen Väter in Jerusalem.

"The Islamic Jesus" untersucht auch die Marientradition innerhalb des Islam. Ein großer Teil der christlichen Verehrung Marias findet sich auch im Koran wieder. Dort wird Marias unbefleckte Empfängnis erwähnt, detailliert über ihre Verkündigung berichtet und die Doktrin der jungfräulichen Geburt betont.

Akyol legt sogar einige faszinierende christlich-archäologische Hinweise auf eine alternative Marienlegende vor, deren Umrisse später im Koran wieder auftauchen. Er schreibt: "Teile der christlichen Tradition glaubten, Jesus sei nicht in Bethlehem geboren worden, sondern außerhalb der Stadt, in der Nähe einer Palme und einer Quelle."

Nachdem Akyol eine Vielzahl von Verbindungen zwischen dem frühen "jüdischen" Christentum und dem Islam aufgezeigt hat, setzt er sich dafür ein, dass Jesus im Rahmen einer modernen Interpretation des Islam mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Der uralte Kampf gegen den Imperialismus

Akyol vergleicht die Situation der Muslime im 21. Jahrhundert mit der Lage der Juden während der römischen Besatzung. Auch diese kämpften damals gegen das, was sie als Imperialismus wahrnahmen. Weiterhin betrachtet er die verschiedenen Ausformungen des muslimischen Glaubens – wie er heute praktiziert wird – im Rahmen konformistischer islamischer Institutionen; durch konservative Muslime, die die Scharia befolgen; durch Sufi-Anhänger; durch Dschihadisten und Terroristen. Dabei sieht er interessante Parallelen zu den frühchristlichen Sadduzäern, den Pharisäern, den Essenern, den Zeloten und ihren "Dolchträger"-Nachkommen, den Sikariern.

Akyol argumentiert, Jesus sei gekommen, um Gottes Botschaft, die auf dessen Propheten Moses zurückgeht, für die Juden neu zu interpretieren. Und im gleichen Stil betont er, Jesus habe auch für die heutigen Muslime eine Botschaft. Diese liegt vielleicht nicht in seiner Kreuzigung oder Auferstehung – den Ereignissen, die für das heutige Christentum am wichtigsten sind.

Vielmehr glaubt Akyol, die Muslime könnten Jesus' Beispiel folgen und dadurch ihren eigenen, auf Regeln fixierten Glauben neu interpretieren. Er setzt die Halacha der Juden mit der islamischen Scharia gleich, da beide die Gesetze sehr wörtlich nehmen. Aber im Gegensatz zur Halacha, die im 18. Jahrhundert durch einen Aufklärungsprozess namens Haskala reformiert wurde, ist die Scharia seiner Ansicht nach in einer Zeitblase aus dem neunten Jahrhundert steckengeblieben.

Indem er betont, dass die Person des Jesus Christus letztlich der gemeinsame Nenner der drei großen abrahamitischen Religionen ist, setzt sich Akyol implizit für eine Reform des Islam ein. Dabei stellt er die außergewöhnlichen Möglichkeiten des Einflusses heraus, den Jesus auf die Welt hatte: Sowohl Muslime und Christen haben die Chance, zu einer menschlicheren und mitfühlenderen Gesellschaft beizutragen. Dazu müssen sie die außergewöhnliche Rolle akzeptieren, die Jesus in seiner Eigenschaft als Messias inne hatte – und die ihm nicht nur vom Christentum zuerkannt wird, sondern auch vom Islam. Wichtig ist dabei vor allem Jesus' Umgang mit Gottes Gesetz, der weniger von Buchstabengläubigkeit geprägt ist, sondern interpretativer Natur ist.

In einer Zeit, in der wir so häufig die Unterschiede zwischen uns betonen, gibt uns dieses Buch einen Hoffnungsschimmer. Wie Akyol auf prägnante Weise schreibt: "Ob wir nun Juden, Christen oder Muslime sind: Wir haben entweder einen Glauben, der von Jesus befolgt wird, einen Glauben, der auf Jesus aufbaut oder einen Glauben, der Jesus verehrt."

Lucy James

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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