Die Folgen des arabischen, türkischen und persischen Imperialismus

Dies zu unterstreichen ist kein penibler Vergleich, der die Gräueltaten der Europäer relativieren soll. Die Folgen des arabischen, türkischen und persischen Imperialismus sind bis heute in der politisch, wirtschaftlich und militärisch exponierten Stellung dieser Völker und ihrer Nationalstaaten deutlich spürbar. Die Amazigh, die Berber und die Kurden etwa haben kaum Möglichkeit, sich für ihre Interessen einzusetzen - auch wenn sie durch Assimilation als Individuen mitunter wichtige Positionen in der Gesellschaft einnehmen können.

Kurden und Palästinenser etwa profitieren jedoch zeitgleich auch von einer generellen muslimischen Dominanz im Nahen Osten. Ihr Problem ist in erster Linie die Staatenlosigkeit und begann in den vergangenen hundert Jahren - bis zur Erschaffung der Nationalstaaten gehörten sie, unabhängig von ökonomischer Position, als Muslime zur privilegierten Mehrheit. Kurden waren maßgeblich an der Ermordung der Armenier und Assyrer beteiligt, die Mehrheit der heutigen Palästinenser war als Muslime anderen Bevölkerungsgruppen gegenüber höhergestellt. Zudem können sie, wenn sie von ihren nationalen Befreiungsbewegungen absehen, auch heute als Teil einer muslimischen Mehrheit im Nahen Osten von zahlreichen Privilegien profitieren. 

Auch im Konflikt zwischen Israel und Palästina, genauer: in den Reaktionen hierauf, macht sich ein imperiales Erbe auf arabischer Seite bemerkbar. Keinesfalls sollen hier die Verbrechen der hochgerüsteten israelischen Armee kleingeredet werden, oder die Massaker an Zivilisten während der Staatsgründung. In der generellen Ablehnung eines jüdischen Staates nicht nur der Araber, sondern fast aller Muslime, offenbart sich nichts als eine privilegierte Sicht auf den Konflikt.

Dass auch die Juden im Zeitalter des Nationalstaates einen Staat für sich beanspruchen, wird als Frechheit gewertet. Bewusstsein dafür, dass Juden auch im Nahen Osten stets Opfer von Diskriminierung verschiedener Art (etwa das Verbot Waffen zu tragen) und als solche unter ständigem Rechtfertigungsdruck sowie angewiesen auf Schutz durch die Obrigkeiten waren, fehlt komplett. Kurz gesagt: es stimmt, das Palästina bis 1948 mehrheitlich arabisch-muslimisch war - dass auch dieser Umstand Ergebnis von Jahrhunderten von Kolonisierung und militärischer Herrschaft durch muslimische Imperien ist, wird jedoch ignoriert oder geleugnet. Dies ist eine privilegierte Sicht, die es zu überwinden gilt.

Selbstverständlich müssen auch die Israelis ihre aus militärischer Überlegenheit entstehenden Privilegien hinterfragen, doch dies ist nicht das Thema dieses Artikels. Im Gegensatz zu Arabern und Türken werden Juden, Jahrtausenden der Verfolgung zum Trotz, meist als privilegierte Weiße, sprich Unterdrücker, wahrgenommen und präsentiert.

Orientalistische Narrative überwinden

Dieses Denken durchzieht auch weitere Diskussionen: wenn Falafel und Hummus als israelische Küche präsentiert werden, so sei dies kulturelle Aneignung durch Kolonisatoren - an dieser Kritik ist sicher etwas dran. Doch wieviel der Kultur der Levante ist wahrhaft arabisch? Ist sie möglicherweise griechischen, jüdischen, assyrischen, kurdischen oder koptischen Ursprungs? Das Erbe dieser Kulturen wird durch den arabischen Nationalismus ebenso unsichtbar gemacht, wie die palästinensische Kultur durch den Staat Israel. Dass der Prozess der Arabisierung (Türkisierung, Kurdisierung, Muslimisierung) der lokalen Kultur langsamer und schleichender vonstatten ging, als die Israelisierung Palästinas ändert nichts am Grundproblem. 

Eine Adäquate Antwort auf die geschilderten Probleme ist es beileibe nicht, all dies umkehren zu wollen. Weder sollen die Türken zurück nach Zentralasien, noch die Araber nach Saudi-Arabien, oder die jüdischen Bewohner Israels in die Heimatländer ihren Urgroßeltern. Ob die Gründung eines Nationalstaates für jede Bevölkerungsgruppe Besserung bringt, ist ebenfalls sehr fraglich.

Ohnehin sind die auch in diesem Artikel wie monolithische Blöcke verhandelten ethnischen, sprachlichen und religiösen Gruppen keinesfalls so eindeutig, wie generell angenommen, sondern vielschichtig und umstritten. Oft sind die nationalen Bezeichnungen erst in jüngster Zeit populär geworden, und es ist nicht immer klar, wer unter welchen Umständen dazu gehört und wer nicht.

All dies erschwert eine auf Gerechtigkeit und Ausgleich abzielende Beschäftigung mit dem angerissenen Themenfeld. Es ist jedoch an der Zeit, die Diskussion um die Verantwortung von Arabern, Türken, Persern und Kurden anzustoßen. Eine vereinfachende Einteilung der Welt, in der ausschließlich Europäer Kolonisatoren und Ausbeuter, alle anderen bloß Opfer sein können, ist nicht nur irreführend, sie reproduziert auch orientalistische Narrative.

Schließlich versperrt die Annahme, der Westen sei stets rationales Subjekt seines Handelns, "der Orient" hingegen irrationales Objekt des Geschehens, nicht nur den Blick auf historische Tatsachen, er wertet Araber, Türken, Perser und Kurden auch subtil ab. Wer Weltreiche erschaffen und Kontinente unterworfen hat, muss jedoch Verantwortung tragen. Überlassen wir diese Diskussion nicht den Falschen.

Tayfun Guttstadt 

© Qantara.de 2020

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