Musliminnen in Deutschland

Von Kronzeugen und Halbwahrheiten

In den Diskussionen über Ehrenmorde und Zwangsheiraten sollten komplexe Sachverhalte weder reduziert, noch soziologisch verzerrt oder unverhältnismäßig überbewertet werden, wie Sabine Schiffer am Beispiel Necla Keleks und Seyran Ates erläutert.

Türkische Musliminnen am Kottbusser Tor in Berlin; Foto: AP
Ehrenmorde und Zwangsheiraten müssen gesetzlich streng geahndet werden, jedoch sollte sich in der Integrationsdebatte der politische und mediale Blick nicht allein auf diese Problematik verengen

​​Bassam Tibi ist out – eine Reihe junger Frauen hat seine Rolle übernommen. Als Ankläger gegen den Islam mit Insiderblick werden sie gerne als Kronzeugen gegen die Verwerflichkeiten einer Religion benutzt, die man nur von bestimmten Thematisierungen kennt.

Gemeinsam kämpfen sie gegen einen für rückständig und reaktionär erklärten Islam, den sie als Grund vielen Übels ausgemacht haben.

Innenperspektive als eine von vielen Blickwinkeln

Die deutschsprachige Seyran Ates ist seit einiger Zeit Lieblingsgast bei beim TV-Sender "arte". Sie zeichnet sich durch eigene Betroffenheit aus, was ja zunächst niemanden disqualifiziert – eine "Innenperspektive" ist eigentlich eine wertvolle Bereicherung, aber eben auch nur eine von vielen verschiedenen solcher Blickwinkel.

Mit 17 Jahren floh Seyran Ates aus ihrem sehr repressiven Elternhaus. Bei einem Attentat auf einen Kreuzberger Frauenladen, in dem sie arbeitete, um ihr Jurastudium zu finanzieren, wurde sie lebensgefährlich verletzt und benötigte 6 Jahre zur Rekonvaleszenz. Heute setzt sie sich als Anwältin für Frauen ein, die eingesperrt, misshandelt oder zwangsverheiratet werden.

Seyran Ates hat es erlebt, dass man bestimmte kulturelle Vorgaben als islamisch gerechtfertigt dargestellt hat. Und dies führt sie heute gegen eine vermeintliche Dominanz islamischer Werte an. Diese Werte und nicht deren Instrumentalisierung empfindet sie als Problem.

Ihre Beobachtungen sind auch sicherlich relevant, um gesellschaftliche Missstände anzuprangern, nur sollte dies im angemessenen Zusammenhang erfolgen.

Popularisierte Erlebniserzählungen

Dabei müsste dies eigentlich ihrer Kollegin Necla Kelek gelingen, zumal diese ihre Erkenntnisse in einer wissenschaftlichen Arbeit evaluieren konnte. Die Soziologin hatte mit ihrer Doktorarbeit auch ein durchaus differenziertes Ergebnis vorgelegt. Breite Resonanz fand das Buch jedoch nicht in seiner Originalfassung, sondern als popularisierte Erlebniserzählung mit wissenschaftlichem Impetus – und diametral entgegen gesetzter Aussage.

Die wissenschaftliche Herausforderung und Problematik der Soziologie besteht mitunter darin, dass umfangreiche Faktensammlungen ausgewertet, mögliche Zusammenhänge geprüft und schließlich mehrere Faktoren als Bedingungen für bestimmte Verhaltensweisen analysiert werden müssen.

So weit so gut und differenziert. Undifferenziert wird die Arbeit jedoch dann, wenn man versucht, die gemachten Beobachtungen nur einem einzigen Faktor zuzuordnen. Alles ist multikausal – und oft müssen Erklärungsmodelle korrigiert werden, wenn man etwa die erste Faktensammlung um weitere relevante Beobachtungen ergänzt.

Entsprechung anti-islamischer Lesererwartungen

Doch so viel Komplexität ist für den "sensationslüsternen" Buch- und Medienmarkt kaum dienlich. Wenn Necla Kelek sich mit ihrer reduzierten und zugespitzten Publikation für diesen Wirkungskreis entschieden hat, dann sollte sie auch als Meinungsmacherin und nicht als wissenschaftliche Analytikerin und soziologische Beraterin behandelt werden.

Dass sie überdies für die offensichtlich reißerische Veröffentlichung von "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" noch Preise, wie den "Geschwister-Scholl-Preis" erhielt, zeugt nicht von einer vielfach vermuteten Brillianz ihrer Arbeit, sondern vielmehr von einem Zeugnis mangelnder Kritikfähigkeit des Publikums, vor allem bei Aussagen, die der antiislamischen Lesererwartung entsprechen.

Alles was unsere renommierten Kronzeuginnen, wie Ates oder Kelek, berichten ist wahr. Es sind jedoch Einzelfälle, von denen auf das große Ganze geschlossen wird. So existieren auch im Nahen Osten Zwangsheiraten, genauso wie in Indien. Und in China werden viele Ehen arrangiert, manchmal auch erzwungen – sogar auch in deren Communities in europäischen Ländern.

Bezogen auf den Nahen und Mittleren Osten muss jedoch festgestellt werden, dass diese Praxis in christlichen, jüdischen und muslimischen Familien Anwendung findet – nicht in jeder, aber vor allem in ländlichen Gegenden noch in beklagenswerter Anzahl. Die Relation zwischen dieser Praxis und dem Islam, die von Autoren wie Necla Kelek hergestellt wird, ist daher schlichtweg falsch.

Oft handelt es sich einfach um eine verantwortungslose Reduktion eines komplexen Sachverhalts auf eine einzige Erklärung, die es uns nur vermeintlich einfach macht.

In Wirklichkeit verhindert sie den Fortschritt in der Sache. Richtet man die Anstrengungen gegen das zu Unrecht beschuldigte und hoch angesehene Wertesystem der betroffenen Menschen, dann eröffnet man einen "Nebenkriegsschauplatz", der von der eigentlichen Thematik nur ablenkt und diese nicht mehr sachlich behandelbar macht.

Wir brauchen also eine Verlagerung der Debatte hin zur Anprangerung grundsätzlich aller Missstände ohne dabei nur einzelne Facetten aus zeitgemäßen, politischen oder medialen Motiven übermäßig zu betonen. Nach wie vor bleibt es eine feministische Aufgabe, die weltweiten patriarchalischen Strukturen zu kritisieren, die sich jeweils regional äußern.

Sabine Schiffer

© Qantara.de 2006

Qantara.de

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