Muslime in Europa

Gemeinsam gegen die Prediger der Finsternis

Auch europäische Muslime sind für den Kampf gegen den Extremismus verantwortlich, sofern sie eines Tages nicht selbst unter die Räder geraten wollen – sprichwörtlich. Ein Kommentar des jordanischen Schriftstellers Mousa Barhouma

Düster sind die Aussichten für Muslime in den westlichen Ländern, wenn man die zunehmende Zahl von Anschlägen betrachtet, die in ihrem Namen verübt werden. Ob sie nun damit sympathisieren oder nicht: Sie werden in Mithaftung genommen.  Und sie könnten sogar selbst zum Ziel von Angriffen werden. Denn Gewalt sät Gewalt und wird oft mit gleicher Münze heimgezahlt.

Die Mitverantwortung der Muslime im Westen – von Extremisten gerne als "Land der Ungläubigen" bezeichnet – könnte sich aus ihrem Verharren in der Zuschauerrolle ableiten. Und dieses Verharren in der vermeintlichen Neutralität beeinflusst wohlmöglich das eigene Selbst, bedroht den Seelenfrieden und könnte sogar entwürdigend wirken.

Die Rede von Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Marginalisierung darf jungen Männern nicht als Rechtfertigung dienen, friedliche, wehrlose Menschen, darunter auch Kinder, auf öffentlichen Straßen und Plätzen zu überrollen. Wir befinden uns nicht auf einem Schlachtfeld oder Schießplatz. Welche Logik soll darin liegen, dass sich jemand das Recht nimmt, angeblich auf Gottes Befehl hin unschuldige Menschen zu ermorden und somit einen Ort des Frohsinns in einen Ort des Todes und der Zerstörung verwandelt?

Muslime im Westen sind mitverantwortlich, weil sie zu wenig dazu beitragen, die religiösen Schriften gemäß ihrem neuen Lebensumfeld auszulegen. Ein Islam afghanischer Prägung ist für Europa ungeeignet, weil er zu streng ist, zu demagogisch und nicht im Einklang mit Zeit und Ort. Dieser afghanische Islam und andere vergleichbare Ideologien, die von terroristischen Gruppierungen annektiert werden, begreifen nicht, dass die Schrift dauerhaft sein mag, ihre Auslegung jedoch variieren kann. Wie der Prophet Mohammed sagte: "O Muslime, Ihr wisst am besten Bescheid über die Angelegenheiten Eurer Welt".

Die Rhetorik des Hasses

Was die Herzen dieser fehlgeleiteten und hirngewaschenen Menschen ergreift, sind nicht die edlen Werte der Religion und Ökumene, sondern die Rhetorik des Hasses, wie er einst von Osama Bin Laden und heute von Abu Bakr al-Baghdadi verbreitet wurde und wird.

Mousa Barhouma; Foto: privat
Mousa Barhouma ist jordanischer Schriftsteller und Publizist. Er schreibt für führende arabische Zeitungen und war bis 2010 Chefredakteur der in Amman erscheinenden Tageszeitung "Al-Ghad" ("Der Morgen").

Vor drei Jahren forderte Al-Baghdadi in einer Rede vor seinen verblendeten Anhängern: "Muslime sollten den Nationalismus mit Füßen treten und den falschen Gott der Demokratie zerstören."  Wie Bin Laden unterteilt Al-Baghdadi die Welt in zwei Lager: hier der Islam und der wahre Glauben; dort der Unglauben und die Heuchelei. Im Letzeren "werden ungläubige Nationen von Amerika und Russland angeführt und von den Juden gesteuert".

Dieser Rhetorik öffentlich entgegenzutreten und die alten religiösen Texte neu auszulegen, erfordert von Rechtsgelehrten, Islamgelehrten und Akademikern großen Mut und den Willen, die religiöse Praxis auf neue Grundlagen zu stellen, die die Ziele der Scharia als religiöses Gesetz des Islam achten und gleichzeitig dem neuen Umfeld gerecht werden. 

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, ist davon auszugehen, dass die Mehrheit der Muslime im Westen an einer Auslegung des Islam festhält, der mit dem übereinstimmt, was sie gelernt haben, bevor sie in die "Länder der Ungläubigen" übersiedelten. Doch genau diese Länder waren es ja, die ihnen einen sicheren Hafen gewährten, wo sie ihren Glauben frei ausüben konnten, da der "ungläubige" Westen davon ausgeht, dass jede Religion das Ziel verfolgt, den Menschen Glück, Liebe und Vertrauen zu schenken, Frieden zu stiften und die Schöpfung zu achten.

Lizenz zum Mord im Namen des Islam

Die westlichen Gesellschaften ahnten nicht, dass es eine Religionsauffassung in ihrer Mitte gibt, die ihren Anhängern die Lizenz verleiht, wehrlose Kinder und Erwachsene bei ihren harmlosen Freizeitbeschäftigungen zu ermorden, sei es mit einem Sprengstoffgürtel, einer Autobombe oder einem Lastwagen, der alle gnadenlos unter seinen Rädern zerquetscht.

Woher nur kommt diese Gewalt? Woher kommt diese Hybris? Und woher nehmen diese vom Töten besessenen Menschen ihre Rechtfertigung? Die brennende Frage für die Menschen in Europa lautet: "Was ist das nur für eine Religion?" Doch in Wahrheit ist es keine Religion, sondern eine zerstörerische, paramilitärische religiöse Weltanschauung, die das Leben verachtet und sich angesichts der Morde ergötzt, so wie sich ein Psychopath am Blut seiner Opfer ergötzt!

Wenn Europas Muslime einen Weg aus ihrem Dilemma finden wollen, sollten sie sehr viel stärker versuchen, die Exegese der religiösen Schriften vor den Einflüsterungen der Prediger der Finsternis zu retten. Wenn ihnen das nicht gelingt, könnten sie eines Tages feststellen, dass sie es sind, die unter den Rädern eines LKW zerquetscht werden. Und dann wird es sicher nicht an Publikum mangeln, das sich an ihrem Ableben berauscht. In einer konfusen und komplexen Welt, in der wir heute leben, kann das, was wir uns vorstellen, zur einzigen Wahrscheinlichkeit werden.

Mousa Barhouma

© Qantara.de 2017

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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Leserkommentare zum Artikel: Gemeinsam gegen die Prediger der Finsternis

Es ist schon beachtenswert: Die besten Kommentare zu dieser Thematik (im weiten Sinn) kommen fast ausnahmslos aus Jordanien. Dank an den Autor für seine klaren Aussagen!

Ingrid Wecker22.09.2017 | 15:29 Uhr

Ein paar Worte zu dem sinnlosen Töten von unschuldigen Menschen in muslimischen Staaten durch westliche Aggressoren (darunter alle westlichen Staaten in denen Muslime Attentate verübt haben) hätten dem Autor ein wenig mehr Kredibilität verschafft. Es gibt keinen Rauch ohne Feuer.

Boumedien Habibes26.09.2017 | 12:56 Uhr