Muslime in Deutschland

Ein deutscher Islam?

Zur Debatte über ein neues Muslim-Sein in Deutschland jenseits ethnischer Selbstghettoisierung. Ein Essay von Charlotte Wiedemann

Kann es einen "deutschen Islam" geben, der nicht vom Innenministerium definiert wird? Sondern der im Gegenteil ein Ausdruck von Selbstbewusstsein und Emanzipation wäre? Die Debatte darüber wird unter Muslimen hitzig geführt, und sie ist in der gegenwärtigen politischen Situation auch für Nicht-Muslime von Interesse.

Das Deutsch-Islam-Projekt wird von einem Kreis jüngerer Intellektueller um die Alhambra-Gesellschaft vorangetrieben; dazu zählen der Publizist Eren Güvercin und die Islamwissenschaftlerin Nimet Şeker, auch zwei aktive Grüne sind dabei, sowie der Rechtsanwalt und Blogger Murat Kayman, allesamt bekannte Namen in der muslimischen Zivilgesellschaft jenseits der etablierten Verbände.

Zunächst: Von einem deutschen Islam zu sprechen ist nicht neu. Denn der Islam kam entgegen landläufiger Mythen nicht mit den ersten Gastarbeitern. Die Anfänge der "Deutschen Muslim-Liga", der ältesten noch bestehende Organisation Deutschlands, reichen in das Jahr 1949 zurück. Einheimische Muslime, sogenannte Konvertiten, sprachen in der alten Bundesrepublik über zwei Jahrzehnte für den Islam – Bildungsbürger wie etwa der Volkshochschulleiter Wolf Ahmed Aries. Solche deutschen Muslime würden heute kaum mehr zu Islam-Debatten geladen, schreibt Aries, weil die Öffentlichkeit lieber mit denen streite, die zur Projektion von Fremdheit und Andersartigkeit taugten.

Verfangen in einer "Identitätspolitik"

Zu den herkunftsdeutschen Muslimen zählen Pionierinnen eines feministischen Islam wie die Theologin Rabeya Müller und schließlich die Initiatoren der "Islamischen Zeitung": Sie wurde Mitte der 1990er Jahre in Weimar gegründet und pflegte stets die Kritik an der ethnischen Struktur des hiesigen institutionellen Islam. Herausgeber Abu Bakr Rieger sieht die Muslime heute zunehmend in einer "Identitätspolitik" verfangen, die mit jener auf Seiten der Rechten Gemeinsamkeiten habe. Und dies ist nun genau die Nahtstelle zur jüngsten Debatte.

Eren Güvercin, Vorstandsmitglied der Alhambra-Gesellschaft; Foto: DW/Meriem Marghich
Ein gewachsener Anteil von Türkischstämmigen fühlt sich jüngsten Untersuchungen zufolge tatsächlich der Türkei heute näher als Deutschland. Eren Güvercin vom Vorstand der Alhambra-Gesellschaft spricht von einer "massiven Reethnisierung".

Sie wird mit Schärfe und mit Dringlichkeit geführt, einer doppelten Dringlichkeit, denn es gilt auf den anschwellenden Rechtspopulismus ebenso zu antworten wie auf den Machtanspruch des türkischen Staates über hiesige Muslime. Ein gewachsener Anteil von Türkischstämmigen fühlt sich jüngsten Untersuchungen zufolge tatsächlich der Türkei heute näher als Deutschland: Ein Signal, was sich verändert hat, gerade auch in der jüngeren Generation. Eren Güvercin vom Vorstand der Alhambra-Gesellschaft spricht von einer "massiven Reethnisierung".

Vordergründig geht es in der aktuellen Debatte zunächst um die Rolle des größten Moschee-Verbands, um die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" (Ditib). Deren neue Zentralmoschee in Köln wurde kürzlich vom türkischen Staatspräsidenten Erdoğan eröffnet; dies markiere den Status der Ditib als bloße Deutschland-Filiale der türkischen Religionsbehörde, schreibt der Blogger Murat Kayman. AKP-nahe Medien werfen ihm und der Alhambra-Gesellschaft vor, die Muslime zu spalten, die Türkischstämmigen der Türkei zu entfremden und sich obendrein dem deutschen Staat an die Brust zu werfen. Die Veröffentlichung unabhängiger religiöser "Freitagsworte" durch die Alhambristen ist aus dieser Sicht bereits ein Delikt – das macht den Konflikt grundsätzlich.

"Dass jemand sein Gesicht der deutschen Gesellschaft zuwendet, ist für sie nur ein Zeichen der Anbiederung, der Gefallsucht oder der Selbstverleugnung", schreibt Murat Kayman. "Sie kennen das Gefühl nicht, in Deutschland eine Heimat gefunden zu haben, ohne die türkische Heimat aufzugeben oder zu verleugnen. Diese Mehrdeutigkeit ist ihnen suspekt..."

Wer heute von einem deutschen Islam sprechen möchte, ringt also vorrangig nicht mit bosnischem oder marokkanischem Einfluss, sondern mit türkischem. Und dass in Deutschland 800 Imame predigen, die vom türkischen Staat bezahlt werden, wäre auch unter einem anderen türkischen Präsidenten bedenklich. Aber was kann man sich darüber hinaus unter einem deutschen Islam vorstellen?

Ein "entghettoisierter Islam"

Eren Güvercin spricht von einem "entghettoisierten Islam", der die geistigen ethnischen Ghettos überwinde. Und Spiritualität solle sich in deutscher Sprache ausdrücken, damit für die Mehrheitsgesellschaft nachvollziehbar sei, "warum es für deutsche Muslime schön ist, Muslim zu sein." Ein drittes Beispiel: Die Zakat, die muslimische Vermögenssteuer, solle nicht als Almosen ins Ausland transferiert werden, sondern ihrer religiösen Bestimmung gemäß zur Verantwortung für Bedürftige im eigenen Gemeinwesen genutzt werden – was ja nicht notgedrungen Muslime sind.

Der Journalist Murat Kayman; Foto: picture-alliance/dpa
"Dass jemand sein Gesicht der deutschen Gesellschaft zuwendet, ist für sie nur ein Zeichen der Anbiederung, der Gefallsucht oder der Selbstverleugnung", schreibt Murat Kayman. "Sie kennen das Gefühl nicht, in Deutschland eine Heimat gefunden zu haben, ohne die türkische Heimat aufzugeben oder zu verleugnen. Diese Mehrdeutigkeit ist ihnen suspekt..."

Entscheidender als solche Beispiele ist jedoch: Die Debatte über einen deutschen Islam hat heute ein anderes Umfeld als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Weil die Frage "Was ist deutsch?" zunehmend anders beantwortet wird. Es ist kein Alleinstellungsmerkmal von Muslimen, wenn sie als Staatsbürger Gleichheit reklamieren und zugleich auf einer Verschiedenheit bestehen, die wie im Fall des Kopftuchs auch sichtbar sein soll. In einer pluralen Gesellschaft gibt es eben mehr Verschiedenheiten als nur die religiösen. Es kann also gerade in der gegenwärtigen Atmosphäre von Kulturkampf eine sinnvolle Strategie sein, das Deutsche zu reklamieren - so wie sich Migranten-Bündnisse als "Neue Deutsche Organisationen" bezeichnen.

Kein weichgespülter, topsäkularisierter Reformislam

Spirituell betrachtet ist Islam hingegen nicht national zu definieren. Das Attribut "deutsch" kann also keine religiöse Praxis von Seehofers Gnaden meinen, auch wenn sich manche Verfassungsschützer und Journalisten so etwas vorstellen mögen: den weichgespülten, topsäkularisierten Reformmuslim. Dafür stehen die Alhambristen nicht, wie aus vergangenen Kontroversen innerlich ist.

Aber sie wollen sich eben auch nicht als People of Color definieren, was ja quasi das progressive Gegenangebot darstellt: Behaupte Dich als Muslim, in dem ein Du intersektional diskriminierter Migrant bist. Derart auf die rechte Rassifizierung von Muslim-Sein zu antworten, ist letztlich defensiv und eine andere Art von Selbst-Ghettoisierung. Wer Religion und Spiritualität ernst nimmt, müsste vielmehr fragen: Was tragen Muslime bei zu den großen Debatten der Zeit? Wie betrachten sie die Allmacht ökonomischen Denkens? Wie definieren sie Solidarität? Wer sich an solchen Debatten selbstverständlich beteiligt, wäre vermutlich ein deutscher Muslim, eine deutsche Muslima.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2018

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