Muslime in den USA

Die amerikanischen Werte des Islam

In den USA stellen die "Black Muslims" einen Teil der schätzungsweise sechs Millionen Muslime, die mit der Bürgerrechtsbewegung populär wurden. Doch nicht alle afroamerikanischen Muslime trauen deren radikalen Botschaften, wie Katrin Simon berichtet.

In den USA stellen die "Black Muslims" einen Teil der schätzungsweise sechs Millionen Muslime, die mit der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren populär wurden. Doch nicht alle afroamerikanischen Muslime trauen deren radikalen Botschaften, wie Katrin Simon berichtet.

Kleiner Junge spricht muslimisches Glaubensbekenntnis in der Taqwa-Moschee; Foto: Semir Chouaibi
Nach Angaben der US-Regierung sind von den schätzungsweise sechs Millionen US-Muslimen mehr als ein Drittel Afroamerikaner, die zum Islam konvertiert sind.

​​"Im Islam gibt es keinen Rassismus und keinen Sexismus", sagt Sakina*. "Im Islam habe ich Würde – als Schwarze und als Frau." Sie zupft an dem bunten Stoff, den sie sich wie einen Turban um ihr Haar gewickelt hat. Deshalb sei sie als 16-jährige zum Islam konvertiert.

Vor fünf Jahren hieß Sakina noch Vivien, ging auf eine High School in Brooklyn und hatte ausschließlich afroamerikanische Freunde aus christlichen Elternhäusern. Die Großmutter ging jeden Sonntag zur Kirche.

Die Mutter musste hingegen auch am Wochenende meist arbeiten, kellnern, um die drei Kinder zu ernähren. Ihren Vater hat die junge Frau nie kennen gelernt, er verschwand, als sie noch ein Baby war.

Als Vivien im Alter von 15 Jahren Bekanntschaft mit Jamal machte, hatte sie bereits einige Erfahrungen mit Jungs hinter sich: "Sie haben mich benutzt – ich war eine dumme Tussi, die sich schnell verliebte. Und sie wollten nur schlanke Mädchen, weiß und blond."

Neuanfang bei der "Nation of Islam"

Jamal* war anders. Nicht nur, dass er ihr sagte, wie schön er sie fand, obwohl sie nicht schlank war, obwohl sich ihr Haar einfach nicht glätten lassen wollte, obwohl ihre Haut so dunkel war.

Der 20jährige erzählte Vivien, wie er wegen eines Drogendelikts bei einem Jugendsozialprojekt mithelfen musste. Wie er dort von anderen, jungen afroamerikanischen Männern gehört hatte, wie sie ihr Leben wieder in den Griff gekriegt hätten. Und: Wie ihnen der Islam dabei geholfen hätte – die Regeln, die Gemeinschaft. Denn das Christentum sei nur für Weiße, eine Religion der Sklavenhalter, die Schwarze kaputt machen wolle.

Jamal landete daraufhin zunächst bei der "Nation of Islam", die sehr aktiv bei der Missionierung junger afroamerikanischer Männer ist, vor allem in den Ghettos und Gefängnissen der USA.

Die bereits 1930 gegründete "Nation of Islam" (NOI) ist eine afroamerikanische Gruppierung, die den Islam als wahre Religion aller Schwarzen propagiert und das Christentum - zumal die Religion der Weißen - als inhärent rassistisch interpretiert.

Bekannt wurde sie in der Zeit der Bürgerrechtsbewegung durch Malcolm X als einem ihrer Starprediger, aber auch der Boxer Muhammad Ali machte die Gruppe öffentlich bekannt.

Zuwendung zum sunnitischen Islam

​​Ihr heutiger Vorsitzender, der charismatische und – wegen seiner zahlreichen rassistischen Äußerungen umstrittene – Louis Farrakhan, gilt vielen Amerikanern als der Prototyp des schwarzen Muslims, obwohl die NOI bei vielen anderen Muslimen äußerst umstritten ist und sogar als häretisch betrachtet wird.

Die NOI befindet sich seit Jahren in einer Krise, und auch Farrakhan ist alt und krank und seine Führungskraft ist schwächer geworden.

So hatte sich auch Jamal im Laufe der Zeit, wie auch viele ehemalige NOI-Mitglieder, einer sunnitisch-muslimischen Glaubensgemeinschaft zugewandt und besuchte regelmäßig eine Moschee im Brooklyner Stadtteil Bedford-Stuyvesant, die "Masjid at-Taqwa". Deren Imam, Siraj Wahhaj, war in seiner Jugend ebenfalls einige Jahre in der NOI aktiv gewesen, bevor er den sunnitischen Islam für sich entdeckte.

Wahhaj gilt heute in Amerika als einer der bekanntesten und charismatischsten Imame, der ständig auf Reisen ist und dessen Reden vielfach im Internet abrufbar sind. Vor allem Jugendliche – und bei weitem nicht nur afroamerikanische Muslime – schätzen die Kombination aus politischen Predigten, konservativen Moralvorstellungen und einem beinahe evangelikal anmutenden Predigtstil.

Auch Männer in die Pflicht nehmen

Seine Moschee wird jedoch vor allem von Black Muslims besucht. Dies ist nicht außergewöhnlich, die große Mehrheit aller amerikanischen Moscheen sind so genannte 'ethnische Moscheen', die mehrheitlich von afroamerikanischen, pakistanischen oder nordafrikanischen Muslimen besucht werden.

Taqwa-Moschee; Foto: Katrin Simon
Anziehungspunkt für afroamerikanische, pakistanische und nordafrikanische Muslime: die Taqwa-Moschee im Brooklyner Stadtteil Bedford-Stuyvesant.

​​Als Jamal Vivien das erste Mal in die Moschee mitnimmt, ist das Mädchen beeindruckt von der Verve der Freitagspredigt. Imam Siraj spricht über die fehlende Moral der amerikanischen Gesellschaft. Über kaputte Familien. Alkohol und Drogen. Wie gerade Armut, Kriminalität und Rassismus vor allem schwarze Familien zerstören.

Damals, so erzählt Sakina, fand sie es toll, dass Imam Siraj gezielt die Männer in der Moschee ansprach: "Er schrie sie richtig an!" Dass sie mehr Verantwortung übernehmen und für ihre Familien da sein sollten.

Und dass es nur eine Lösung gebe, um alle Übel zu beseitigen: ein Leben nach den Regeln des Islam – ein Islamverständnis, wonach Frauen nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte hätten und wo Männern nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hätten. Außerdem verbiete der Koran Rassismus, so Siraj.

Gleichheit aller Gläubigen

Und dann erzählt Imam Siraj die Geschichte von Malcolm X, der ins kriminelle Millieu abrutschte, bevor er im Gefängnis zum Islam fand und dadurch ein besserer Mensch geworden sei.

Siraj Wahhaj; Foto: Semir Chouaibi
Siraj Wahhaj gilt heute in den Vereinigten Staaten als einer der bekanntesten und charismatischsten Imame, meint Katrin Simon.

​​Der seitdem Alkohol, Kriminalität und Promiskuität abschwor, den Tempel der Nation of Islam in Manhattan zunächst leitete, um dann bei seiner Pilgerfahrt in Mekka zum wahren Islam zu finden – einen Islam, in dem alle Gläubigen gleich sind, egal welcher Hautfarbe und welchen Geschlechts.

Bereits am folgenden Freitag spricht Vivien in der Moschee das Glaubensbekenntnis, die so genannte "Shahada". Fortan nimmt sie den Namen Sakina an und gehört nun zu einer großen und ständig wachsenden Gruppe von Afroamerikanern, die zum Islam konvertiert sind.

Die USA ist das einzige Land der westlichen Welt, in dem Konvertiten die größte Einzelgruppe bilden. Nach Schätzungen der US-Regierung sind von den schätzungsweise sechs Millionen Muslimen in den Vereinigten Staaten mehr als ein Drittel afroamerikanische Konvertiten.

Aufwertung der eigenen Identität

Wie Jamal sind es oft junge Männer, die durch eine Konversion dem Bruch in ihrer Biographie einen Sinn verleihen und damit versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Oder junge Frauen wie Sakina, die als schwarze Frauen Gefühle der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Missachtung der eigenen Würde erfahren haben und sich von einer Konversion eine Aufwertung ihrer Identität erhoffen, nach Sicherheit und stabilen Familienstrukturen streben.

Die schwarzen Kirchen, so berichten viele Konvertiten, aber auch selbstkritische Christen, nehmen diese Aufgaben nicht mehr ausreichend wahr. Statt sich um die Probleme in den Ghettos zu kümmern, hat sich ein Establishment herausgebildet, das sich vor allem nur der schwarzen Mittelschicht verbunden fühlt.

In diese Lücke stoßen nicht nur Gruppen wie die "Nation of Islam", sondern auch sunnitische Imame wie Siraj Wahhaj. Ein Weltbild, das patriarchale und konservative Werte mit einer Kritik am gesellschaftlichen Rassismus verbindet, scheint attraktiv – zumal, wenn es durch islamische Rhetorik und Symbolik vermittelt wird.

Sakina und Jamal haben kurz nach Sakinas Konversion geheiratet. Jamal arbeitet inzwischen als Sozialarbeiter mit ehemaligen Jugendgang-Mitgliedern. Sakina studiert mittlerweile am "Community College" und möchte Lehrerin werden.

Die beiden haben zwei Töchter, die, so Sakina, irgendwann mal Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen werden sollen. Während des Wahlkampfs haben die beiden sich für Obama engagiert und das, "obwohl er nicht gegen homosexuelle Ehen und Abtreibung ist", sagt Sakina, fügt aber schnell hinzu: "Aber er ist ein Bruder. Das ist wichtiger!"

Katrin Simon

© Qantara.de 2009

* Namen von der Autorin geändert

Die Autorin ist Islamwissenschaftlerin und promoviert über den afroamerikanischem Islam an der Freien Universität Berlin.

Qantara.de

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