Einige errichten Straßensperren, um die Milizen am Vorrücken zu hindern, oder schleichen sich bei den Todesschwadronen ein, um deren Pläne auszuspionieren und dadurch die Flüchtlinge rechtzeitig zu warnen und in sichere Gebiete führen zu können. Andere retten Tutsi vor dem Ertrinken oder veranstalten "Schein-­Massaker" und "Schein­-Beerdigungen", mit denen sie die Hutu­-Milizen täuschen und zum Abzug bewegen.

er ehemalige ruandische Präsident Pasteur Bizimungu; Foto: Reuters
Der ehemalige Präsident des Landes, Pasteur Bizimungu, hatte sich zu Lebzeiten stets gegen die Exzesse der Hutu-Mehrheit in seinem Land gewandt und galt lange als Symbolfigur im Versöhnungsprozess. Bei der Vereidigung des ersten muslimischen Ministers im Kabinett, hatte er sich an die ruandischen Muslime mit den Worten gewandt: "Lehrt die anderen Ruander, wie man zusammenlebt!"

All dies geschieht freilich unter höchster Lebensgefahr. Sowohl der öffentliche Widerstand der religiösen Führer als auch der direkte Einsatz der Gemeinden und jedes Einzelnen birgt ein enormes Risiko, erfordert großen Mut und Entschlossenheit.

Die historischen Wurzeln des gewaltlosen Widerstands

Dieses beispielhafte Verhalten der ruandischen Muslime lässt sich zum Teil mit ihrer eigenen Geschichte erklären. Seit im 19. Jahrhundert der Islam durch indische und arabische Händler nach Ruanda gelangte, zählen seine Anhänger zu einer marginalisierten Minderheit. Während der Kolonialherrschaft, die eng mit den christlichen Kirchen verbunden war, wurden sie als Bedrohung wahrgenommen und in isolierte Siedlungen verbannt.

Auch nach der Unabhängigkeit grenzen Regierung und die überwiegend christliche Bevölkerung die Muslime aus und brandmarken sie als Fremde. Sie gelten weder als Hutu noch als Tutsi oder Twa, sondern werden als eine vierte, befremdliche Gruppe wahrgenommen.

Dr. Markus A. Weingardt; Foto: privat
Dr. Markus A. Weingardt ist Politik- und Verwaltungswissenschaftler, Friedensforscher mit dem Schwerpunkt Religion sowie Bereichsleiter Frieden bei der Stiftung Weltethos (Tübingen). Er ist außerdem Mitbegründer des Forschungsverbundes Religion und Konflikt. Zu seinen Veröffentlichungen zählen u.a. das Grundlagenwerk "Religion Macht Frieden" (2010) und "Was Frieden schafft" (2014).

An diese Erfahrungen der muslimischen Gemeinschaft in Ruanda knüpfte ihr gewaltloser Widerstand von 1994 an: Aufgrund der weitgehenden gesellschaftlichen Ausgrenzung wird ihr innerer Zusammenhalt gestärkt. Das gemeinsame religiöse Leben fördert das Gemeinschaftsgefühl zusätzlich (z.B. durch tägliches gemeinsames Beten oder gemeinsames Fastenbrechen im Ramadan).

Durch die selbst erfahrene Diskriminierung können sie sich mit den verfolgten Tutsi identifizieren. Der Glaube an religiös begründete Werte wie Gewaltlosigkeit und interethnische Nächstenliebe ist (auch) aus eigenem Interesse tief verankert. Er verbietet das Töten und gebietet den Schutz der Schwachen.

"Lehrt die anderen Ruander, wie man zusammenlebt!"

Aufgrund der weitgehenden politischen Ausgrenzung bestehen zudem keinerlei Verbindungen zu den Parteien. Dadurch haben die Muslime – im Gegensatz zu den christlichen Kirchen – genug Distanz, um frühzeitig die Entwicklung von Politik und Propaganda richtig einschätzen zu können; überdies bieten sich ihnen keinerlei Vorteile durch eine Beteiligung am Genozid.

Durch den erschwerten Zugang zu öffentlichen Schulen werden Kinder und Jugendliche weniger mit hetzerischer Hutu­ bzw. Regierungspropaganda infiltriert; hingegen konnten an den eigenen muslimischen Schulen Sensibilisierungsprogramme gegen Hass und Gewalt durchgeführt werden.

Zwar gab es auch einzelne Muslime, die sich von ihrer Gemeinde abwandten und am Morden beteiligten. Gleichwohl wurden zahllose Menschen – Tutsi und oppositionelle Hutu, Muslime und Christen – durch die Hilfe von Muslimen gerettet, wie jüngst auch der offizielle Bericht des UN-­Sonderermittlers Christian P. Scherrer bestätigt.

Auch wurde bis heute kein einziger islamischer Geistlicher wegen Mithilfe am Genozid angeklagt. Stattdessen bat der ehemalige Präsident des Landes, Pasteur Bizimungu, bei der Vereidigung des ersten muslimischen Ministers im Kabinett, an die ruandischen Muslime gewandt: "Lehrt die anderen Ruander, wie man zusammenlebt!"

Markus Weingardt

© Qantara.de 2017

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