Muslime als journalistische Objekte und Subjekte

Medial vermittelter Islam und islamische Medien in Deutschland

Wenn in deutschen Medien über den Islam diskutiert wird, kommt es häufig zu einer Vermischung von politischen, sozialen und religiösen Themen. Werden Muslime jedoch selbst zu Akteuren der Mediengesellschaft, tragen sie zu einer Differenzierung bei.

Von Mona Naggar

Betende Muslime; Foto: AP
Meist stehen die Religion und die Riten des Islam im Vordergrund, eine differenzierte Berichterstattung über Muslime findet in deutschen Medien kaum statt

​​Nachtprogramm in einem dritten Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. In der Talkshow "Nachtcafé" Ende Oktober geht es um das Thema "Angst vor dem Islam". Die eingeladenen Gäste sollen über einige sehr komplexe Fragen diskutieren: Terrorismus, reformerische Potenziale im Islam, Zwangsheirat, Kopftuch, Ehrenmorde und radikale Tendenzen bei jungen Muslimen in Deutschland.

Diese Verquickung von sozialen, politischen und religiösen Themen mit der Etikettierung Islam sei in den deutschen Medien seit einigen Jahren verstärkt zu beobachten, erklärt Claudia Dantschke, freie Journalistin aus Berlin:

"Wir haben in Deutschland einen sehr stark homogenisierenden Diskurs. Der war in der Vergangenheit ethnisch konnotiert. Das heißt: wir ethnisch Deutsche versus ethnische Türken, Araber und so weiter. Mit dem 11.9. hat sich das etwas gewandelt: Wir debattieren faktisch nicht mehr ethnisch, sondern kulturalistisch. Das heißt, heute steht 'Moslem' als Synonym für das früher benutzte 'Araber' oder 'Türken'. Das ist ein gesellschaftlicher Diskurs, der sich in den Medien widerspiegelt. Medien stehen nicht außerhalb der Gesellschaft."

Themen wie Ehrenmord oder die Situation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund müssen natürlich in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Aber der religiöse Aspekt ist nur einer unter vielen, der keinesfalls den Blick auf die tieferen oder weiteren Ursachen eines Problems verstellen darf.

Fromm oder fanatisch?

Der generalisierende Umgang deutscher Medienschaffender mit Angehörigen einer Weltreligion wie dem Islam weist auch auf innergesellschaftliche Probleme hin. In einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft fällt es vielen Journalisten schwer, mit religiösen Ausdrucksformen umzugehen.

Wie soll ein Mensch, der fünf Mal am Tag betet, oder eine Frau, die ein Kopftuch trägt, beschrieben werden? Sind sie einfach fromm oder bereits fanatisch?

Dennoch gibt es auch Positives über deutsche Medien zu berichten: In den vergangenen Jahren hat der Islam es mit seinen Riten geschafft, regelmäßig auch in den Lokalmedien wahrgenommen werden. Berichte über den Fastenmonat Ramadan, über religiöse Feste oder über den "Tag der offenen Moschee" erscheinen kontinuierlich.

Und nichtmuslimische und muslimische Medienakteure bescheinigen den deutschen Journalisten zunehmende Kompetenzen in Bezug auf islamische Themen.

"Es ist insofern besser geworden, da früher Journalisten an uns herangetreten sind und meist fast keine Ahnung hatten über den Islam", sagt Ayman Mazyek, Chefredakteur der Website islam.de. "Nicht einmal ein Grundlagenwissen über den Islam. Das hat sich verbessert. Das journalistische Ethos des Journalisten, der über den Islam schreibt, ist gewachsen."

Muslime als Akteure der Mediengesellschaft

Hinzu kommt, dass Muslime in Deutschland nicht mehr ausschließlich Objekte der deutschen Medien sind, sondern längst zu Akteuren der deutschen Mediengesellschaft wurden. Ein Beispiel ist die seit 1996 bestehende "Islamische Zeitung". Sie erscheint alle drei Wochen mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Ihr Ziel ist es, die Kommunikation zwischen Muslimen zu fördern und als Brücke zwischen dem Islam und Europa zu dienen.

Ein weiteres Beispiel ist das Internetportal "islam.de", das 1996 als Sprachrohr des Zentralrats der Muslime startete. Heute will das Portal nach eigenen Angaben kritisch und konstruktiv über den Islam und die Muslime berichten und zum besseren Verständnis des Islam beitragen. Aber Ayman Mazyek macht sich keine Illusionen über die Rolle muslimischer Medien in Deutschland:

"Die wenigen Pflänzchen an muslimische Medien auch in Deutschland sind im Verhältnis zu den Massenmedien, die wir haben, wirklich kleine Pflänzchen. Sie können vielleicht überproportional etwas bewirken, weil es heutzutage bei der Berichterstattung über den Islam schwierig ist, eine Behauptung aufzustellen, ohne dass gefragt wird, was sagen die Muslime selber? Früher - weil sie keine Medienorgane hatten, auch kein Internet - stand die Behauptung da. Heute kann man zumindest, wenn man recherchiert, Muslime haben zu dieser oder jener Sache, zu dieser oder jener Position. Das hat zur Folge, dass Multiplikatoren in der Medienwelt auf muslimische authentische Websites oder Zeitungen zugreifen und erfahren, was Muslime sagen oder denken."

Unklare Loyalitäten sind jedoch eines der großen Probleme dieser Medien. Ist islam.de wirklich unabhängig oder nach wie vor Sprachrohr des Zentralrates der Muslime? Steckt der umstrittene Scheikh Abdalqadir hinter der Islamischen Zeitung, wie der Kölner Journalist Ahmet Senyurt behauptet? Fragen, die die Verantwortlichen von islam.de und der Islamischen Zeitung verneinen.

Bemerkenswert allerdings ist die Vielzahl an jungen freien Mitarbeitern, die in diesen Medien schreiben. Es ist unübersehbar, dass Migranten der zweiten und dritten Generation Zugang zu der deutschen Gesellschaft haben und mitdiskutieren wollen. Es wird höchste Zeit, dass sich die deutschen Massenmedien dieser gesellschaftlichen Gruppe als gestaltenden Journalisten noch stärker öffnen.

Mona Naggar

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

Qantara.de

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