Lass den Drachen fauchen! 

"Anadolu Ejderi“ (Anatolischer Drache) heißt das neueste Album der türkischen Musikerin Gaye Su Akyol. Akyol mischt traditionelle nahöstliche Musik mit beliebigen Stilrichtungen – bis hin zum psychedelischen Surf-Rock und überrascht damit wieder einmal die Zuhörer. Von Richard Marcus

Von Richard Marcus

Wie viele andere Musiker weltweit nutzte auch Gaye Su Akyol den COVID-Lockdown zur Entwicklung kreativer Ideen. In dieser Zeit schrieb sie etwa 100 neue Titel. Das jetzt veröffentlichte Album ist eine Auswahl daraus. Diese Auswahl dürfte ihr nicht leicht gefallen sein. Und doch wirkt dieses Album wie aus einem Guss. 

Akyol geht in ihren Songs nicht konkret auf die problematische Lage in ihrem Heimatland Türkei ein, was nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, wie viele regierungskritische Kunstschaffende im Gefängnis sitzen. Die frenetische Energie ihrer Musik darf man aber durchaus als kritischen Kommentar lesen. Dem Album liegen zwar die englischen Übersetzungen der türkischen Texte bei, wer aber die Bedeutung der einzelnen Songs nachempfinden möchte, sollte der Intonation von Akyols Stimme folgen. 

Das ist vielleicht eine etwas vage Herangehensweise, offenbart aber ihren grimmigen und bisweilen bitteren Tonfall, wenn sie bestimmte Lieder singt. In ihren Notizen zum Album verweist sie auf den Ausnahmezustand, in dem sich die Türkei seit zehn Jahren befindet. Ihre Musik darf also durchaus in diesem Kontext verstanden werden. Die Geschehnisse in ihrem Heimatland extrapoliert sie auf die gesamte Welt und widerspricht damit allen, die denken, sie sei blind dafür. 

Kraftvoll und virtuos 

Man spürt, dass sie Spaß an ihrer Musik hat. Ein schönes Beispiel für ihren durchaus grimmigen Humor ist der Song "İçinde Uyanıyoruz Hakikatin“ (Wir erwachen in der Wirklichkeit). 

Der Song mag eine Reflexion darüber sein, dass wir in der Vergangenheit leben und uns vielleicht zu sehr von der Nostalgie vereinnahmen lassen. Dieser Erkenntnis nähert sie sich mit spitzer Zunge: "Ich bin Syd Barrett von Pink Floyd/Brian Jones von den Rolling Stones/Nach vier Double Shots bin ich der Graf von Monte Christo vom verschollenen Kontinent“.

Gaye Su Akyol streckt ihren rechten Arm in die Luft während sie zusammen mit zwei maskierten Musikern auf der  Bühne singt (Foto: Nuno Pinto Fernandes/GlobalImagens/IMAGO)
"When this talent with words is combined with her remarkable ability to create songs using a multitude of styles and genres, and her amazing voice, you have the ingredients for an incredible album of music," writes Richard Marcus



Syd Barrett und Brian Jones sind Rock'n'Roll-Stars, die auf mysteriöse Weise ums Leben kamen. Der ebenfalls erwähnte Graf von Monte Christo hat sich als Romanfigur der Vergeltung für erlittenes Unrecht verschrieben. Dies alles verleiht dem Thema des Songs eine besondere Wendung. Es scheint, als besinge Akyol die Tugenden der Erinnerung und der Vergangenheit, während sie gleichzeitig auf die Gefahr verweist, sich von der Vergangenheit beherrschen zu lassen. 

An der inhaltlichen Tiefe dieser Interpretation hätte jeder Song in seinen ersten drei Zeilen schwer zu tragen. Und doch scheint die Beurteilung zuzutreffen, wenn man den Song in seiner weiteren Entwicklung verfolgt. Sogar der langsame, schleppende Vortrag trägt zur Mehrdeutigkeit bei. 

Die Vergangenheit nicht verklären 

Akyol verleiht ihrer Stimme eine Schwermut, die fast melodramatisch wirkt. Eine Mischung aus Jazz mit Blues, aus der Sehnsucht und Bedauern klingen. Es scheint, als wolle sie uns davor warnen, die Vergangenheit zu verklären: So großartig die Musik auch gewesen sein mag, die Zeit hat allen Beteiligten einen hohen Preis abverlangt. 

Dies kann als subtile Kritik an den autoritären Regimen gelesen werden, die weltweit im Aufschwung sind. Indem deren Protagonisten ein vermeintlich goldenes Zeitalter in der Vergangenheit beschwören, versuchen sie, uns Menschen einzureden, man müsse nur in der Zeit zurückgehen, damit alles besser werde. 

Die weiteren Songs auf diesem Album sind nicht weniger interessant und zeichnen sich ebenfalls durch eine verborgene Tiefe aus. So klingt der Eröffnungssong „Anadolu Ejderi“ wie eine Mischung aus Disco und Funk, die in einem Istanbuler Untergrund-Tanzclub gespielt werden könnte, enthält aber gleichzeitig Elemente der nahöstlichen Volksmusik. 

Selbst in den Dance Beats steckt eine Warnung an diejenigen, die in ihren prächtigen Palästen sitzen und über den Rest der Welt herrschen: Unter den Armen könnten Drachen lauern, die sich erheben und Feuer speien könnten! „Ich bin weder super noch Held/Ich warte darauf, dass die Zeit dafür da ist./Ich denke, du wirst nach einem Loch suchen, in das du rennen kannst, wenn du zurückkommst.“ 

Faszinierende Musik einer spannenden Künstlerin 

Bei Übersetzungen gehen manchmal Feinheiten in den Texten verloren. Doch die Lektüre mancher Texte von Akyol erinnert an Poesie. So zum Beispiel "Vurgunum Ama Acelesi Yok“. Eine Liebeserklärung an jemanden, der noch nicht aufgetaucht ist. Daher "ist es nicht eilig“. "Komm, mein Mondgeist, meine Sonne./ Komm, mein süßer Freund./ Komm näher an mich heran./ Du bist meine Droge und mein Feuer./Ich bin ganz vernarrt in dich./Aber es ist nicht eilig.“ 

Akyol ist eine spannende und faszinierende Künstlerin, was dieses Album erneut beweist. Ihre Texte sprechen zu uns auf mehreren Ebenen. Sie scheinen unverfänglich, aber wenn wir genau hinhören, offenbart sich uns eine tiefere Bedeutung. Vielleicht ist dies ein Phänomen, das aus der Existenz unter einer autoritären Regierung erwachsen ist, wo bei offener Kritik das Gefängnis droht. Es könnte aber auch ein Hinweis auf ihre Tiefgründigkeit sein. 

Kombiniert man ihr sprachliches Talent mit der Fähigkeit, Songs in einer Vielzahl von Stilen und Genres zu schreiben und mit einer außergewöhnlichen Stimme zu singen, so hat man die Zutaten für ein phantastisches Musikalbum. Und genau das sind die Elemente von Anadolu Ejderi. Möglicherweise mögen viele Hörer die Texte nicht verstehen können, ohne das Begleitheft zu lesen. Aber die Musik und die Virtuosität von Gaye Su Akyol werden Sie begeistern. 

Richard Marcus

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