"2004 sah ich einen US-Offizier durch das Viertel gehen", erzählt Saad Rachawi, während er die Besucher auf sein Dach führt, um einen Blick auf die jüdische Schule gegenüber zu werfen. Der IS hatte dort Waffen gelagert, berichtet der 56-Jährige, was ihm große Angst eingejagt habe. Anderswo in Mossul seien diese Schulen Ziele der Anti-IS-Koalition gewesen. Aber hier geschah nichts - wegen des Besuchs eines US-Amerikaners vor über 14 Jahren, glaubt Rachawi. "Er hatte eine Karte der Gegend und machte sich darauf Notizen."

Möglicherweise meint er Carlos C. Huerta, Rabbiner bei den US-Truppen in Mossul nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003. In einem Blog berichtet Huerta davon, wie er eine Synagoge entdeckte hatte. "Mein Herz zerriss, als ich über die Müllberge im Innern stieg, von wo aus hunderte Jahre lang die Gebete von Juden den Himmel erreichten. Mir wurde bewusst, dass ich wahrscheinlich der erste Jude war, der diesen heiligen Ort nach mehr als 50 Jahren betrat." Der Müll lagert noch immer dort.

Im vergangenen Jahr erkannte Saad Rachawi erneut US-Amerikaner in der Nähe seines Hauses. Sie kamen, um mit Robotern das explosive Material aus der Schule zu entfernen.

Neue Gefahren für das jüdische Erbe

Straßenverkäufer im jüdischen Viertel von Mossul; Foto: Eddy van Wessel
Einer neuen Bedrohung ausgesetzt: Obwohl die Preise für Häuser um die Hälfte gefallen sind, sind viele Besitzer gezwungen, ihr Eigentum aus Geldmangel zu verkaufen. Faisal Jeber vom Gilgamesh Center befürchtet, Schnäppchenjäger könnten die Häuser kaufen, um sie abzureißen, neue zu bauen und Profit daraus zu schlagen. Er warnt daher, dass das wichtige jüdische Kulturerbe womöglich verloren gehen könnte.

Jetzt, da der IS keine Gefahr mehr darstellt, sind jedoch neue Bedrohungen entstanden. Obwohl die Preise für Häuser um die Hälfte gefallen sind, sind viele Besitzer gezwungen, ihr Eigentum aus Geldmangel zu verkaufen. Faisal Jeber vom Gilgamesh Center befürchtet, Schnäppchenjäger könnten die Häuser kaufen, um sie abzureißen, neue zu bauen und Profit daraus zu schlagen. Er warnt daher, dass das wichtige jüdische Kulturerbe womöglich verloren gehen könnte.

Seine Sorge richtet sich insbesondere auf die Synagoge, die für umgerechnet 1,8 Millionen Euro angeboten wird. Der Betrag sei viel zu hoch, sagt Jeber. "Wir möchten das Grundstück kaufen oder wenigstens mieten, um unser Hauptquartier dort einzurichten. Wir suchen nach einer Finanzierung, damit wir der Gemeinschaft das Gebäude zurückgeben können." Gleichzeitig zieht er in Betracht, juristische Maßnahmen zu ergreifen. Die Synagoge war staatliches Eigentum und hätte niemals an einen Privatmann verkauft werden sollen.

Jeber träumt davon, dem verlassenen Viertel zu altem Glanz zu verhelfen. "Das wäre wichtig, um das Bewusstsein dafür schaffen, dass das jüdische Viertel ein untrennbarer Teil von Mossul ist. Lange Zeit hatten Menschen versucht, die Juden aus unserer Geschichte auszulöschen. Aber es ist unser Erbe, unsere Identität und unsere wahre Geschichte."

Ein schwieriges Unterfangen, dem sich Faisal Jeber da ausgesetzt hat - und als sollte das illustriert werden, wurde er bereits kurz nach diesem Gespräch von der irakischen Sicherheitspolizei wegen angeblicher Spionagetätigkeiten für Israel festgesetzt und mehr als zwei Monate lang verhört. Zuvor hatte er einen irakischen Juden, der im Ausland lebt, durch Mossul herumgeführt. Dieser Vorfall zeigt auch, wie tief das Misstrauen gegenüber Juden in der irakischen Gesellschaft noch immer verankert ist. Inzwischen hat Faisal Jeber die Stadt verlassen.

Judit Neurink & Eddy van Wessel

© Deutsche Welle 2019

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