Mossuls jüdisches Erbe

Vor dem IS gerettet

Das jüdische Viertel in Mossul hat das Regime der Terrormiliz IS und deren militärische Vertreibung relativ unbeschadet überstanden. Warum? Reporterin Judit Neurink und Fotograf Eddy van Wessel auf Spurensuche im Irak.

Als Mossul 2017 von der Terrororganisation "Islamischer Staaat" (IS) befreit wurde, lag der Großteil des Westens der Stadt in Trümmern. Jedoch nicht das jüdische Viertel. Zwar müssen die Menschen auch hier ihre Häuser instandsetzen. Doch sie stehen überwiegend noch, auch wenn sie reparaturbedürftig sind und einen neuen Farbanstrich benötigen, um die Spuren von drei Jahren Besatzung zu beseitigen.

Die meisten Einwohner Mossuls waren geflohen, als die Kämpfe zwischen dem IS und der irakischen Armee mit ihren Verbündeten ihr Stadtviertel erreichten. Nun kehren sie in ihre Häuser im Mahallat al-Jahud, im jüdischen Viertel, zurück.

Wie der 72-jährige Imad Fetah, der in einer makellosen Dischdascha, dem langen weißen Männergewand, vor seinem frisch gestrichenen Tor steht, einen Schal um den Kopf geschlungen. Während er sich die Besatzungsjahre in Erinnerung ruft, zeigt er auf die geschwärzten Überreste eines Gebäudes auf der anderen Seite der schmalen Straße. Das Feuer habe der IS gelegt, sagt er, nachdem sie den Bewohnern befohlen hätten zu gehen. Das Haus - errichtet in traditioneller Mossuler Bauweise um einen überdachten Innenhof - ist schwer zerstört, kann aber wieder aufgebaut werden.

Als den Menschen klar wurde, was der IS mit ihren Häusern im Sinn hatte, weigerten sie sich zu gehen. Auch Imad Fetah rührte sich nicht vom Fleck. "Daesh zerstört alte Dinge", sagte er mit trauriger Stimme und benutzte dabei die arabische Bezeichnung für die Terrormiliz. Dabei ging es dem IS nicht nur um diese Nachbarschaft. Alles, was nicht zu ihrer äußerst rigiden Auslegung des Islam passte, musste weg: Statuen von Dichtern und Schriftstellern, religiöse Stätten der Sufis, Bibliotheken mit einzigartigen Buchsammlungen.

Flucht vor Terror und Vertreibung

Die Islamisten hätten nur Dinge toleriert, für die sie einen Nutzen gehabt hätten, so Imad Fetah. "Wie die Tunnel in unserem Viertel, die die Juden gegraben hatten." Die Tunnel wurden vor vielen Jahrzehnten gebaut, um den Bewohnern im Falle einer Gefahr als Fluchtweg zu dienen. Bis der IS kam, wurden sie vermutlich das letzte Mal 1948 genutzt, als nach der Gründung des Staates Israel anti-jüdische Unruhen ausbrachen. Bis dahin hatten die Juden im Irak kulturell, gesellschaftlich und politisch eine wichtige Rolle gespielt.

Blick aus dem jüdischen Viertel in die angrenzenden Stadtteile Mossuls; Foto: Eddy van Wessel
Trümmermeer rund um das jüdische Viertel: Im Vergleich zum Rest von West-Mossul hat das jüdische Viertel die Bombardierung während der Befreiungsschlacht vom IS verhältnismäßig unbeschadet überstanden hat - wahrscheinlich auch dank des Einsatzes US-amerikanischer Truppen. Im Wissen um den besonderen Wert des jüdischen Erbes in Mossul hatten sie den Bereich in ihren Karten markiert.

Die meisten irakischen Juden flohen oder emigrierten in den nachfolgenden Jahren. Die Häuser, die sie leer zurückließen, waren beliebt, weil sie solide gebaut waren. Viele Gebäude wurden aber auch später vernachlässigt, sodass sich die Nachbarschaft nach und nach in einen Slum verwandelte.

Dennoch habe er hier viele Jahre glücklich gelebt, so Imad Fetah. Alle seine Nachbarn hätten die jüdische Geschichte Mossuls gekannt und seien sogar stolz gewesen, hier zu leben. In einem wiedereröffneten kleinen Supermarkt in der nahegelegenen Basarstraße bestätigte das der 62-jährige Younis Abdullah: "Meine Eltern kauften unser Haus 1948 von einer jüdischen Familie. Meine 90jährige Mutter erinnert sich gerne daran, wie sehr sie unsere jüdischen Nachbarn mochte. Sie vermisst sie."

In Mossul erinnere man sich an die Juden hauptsächlich als "gute Nachbarn", berichtete Faisal Jeber, Direktor des Gilgamesh Center zum Schutz von Antiquitäten und Kulturerbe, während eines Spaziergangs durch das jüdische Viertel. "Die Ressentiments bezogen sich nur auf den Staat Israel."

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