Moscheebesuch bei Salafisten

Das Gesetz kommt von Gott

Salafisten praktizieren eine buchstabengetreue Interpretation des Korans. Für Außenstehende ist es schwer, Zugang zu einer Gemeinde zu bekommen. Unserem Reporter Albrecht Metzger ist es dennoch gelungen, eine Salafisten-Moschee in Aachen zu besuchen.

Innenraum einer Moschee; Foto: Arian Fariborz
Längst nicht alle Salafis befürworten bin Ladens Jihad gegen die Ungläubigen. Aber manche eben doch.

​​Aachen, Brabantsraße Nummer. 8. In einer ehemaligen Tanzschule befindet sich die Rahman-Moschee. Wo früher Walzer getanzt wurde, versammeln sich heute rund dreißig junge Männer, um gemeinsam das Fasten zu brechen. Es gibt Linsensuppe, Couscous mit Hühnchen und zum Nachtisch Apfelsinen.

Es ist nicht selbstverständlich, dass wir an dem Fastenbrechen teilnehmen können. Viele Moscheen in Deutschland empfangen mittlerweile regelmäßig fremde Besucher. Hier ist das anders, wie Abu Hafza, der zweite Vorsitzende erklärt:

"Die Leute sind an solche Besuche nicht gewöhnt. Zum ersten Mal ist ein Journalist in die Moschee gekommen. Zweitens haben sie das Gefühl, dass der Islam von den Medien angegriffen wird. Deswegen haben sie vor jedem Fremden Angst, der hierher kommt und sie fragen sich, was er will."

Demokratie als Anmaßung des Menschen

Abu Hafza bezeichnet sich selbst als Salafi. Er gibt sich damit als Anhänger eines besonders strengen Islams zu erkennen. Die Salafis richten sich ausschließlich nach dem Koran und der Sunna, dem vorbildhaften Verhalten des Propheten Mohammed. Alle Veränderungen, die der Islam danach erfahren hat, lehnen sie ab. Dazu gehört zum Beispiel die Demokratie. Dazu der Prediger Omar Babri:

"Demokratie bedeutet, dass die Menschen über sich selbst herrschen. Aber Gott sagt: Die Herrschaft gehört nur ihm! Demokratie ist unislamisch."

"Hallo, Bombenleger"

Omar Bakri hält sich trotzdem an die deutschen Gesetze, auch wenn ihm ein Gottesstaat lieber wäre. Was den Salafismus allerdings potentiell gefährlich macht, ist die Gewaltbereitschaft, die einige Salafis an den Tag legen. Dazu gehört zum Beispiel Osama bin Laden, der ebenfalls behauptet, Koran und Sunna seien die Maßstäbe seines Handelns.

Längst nicht alle Salafis befürworten bin Ladens Jihad gegen die Ungläubigen. Aber manche eben doch. Und das sorgt für Unruhe bei deutschen Staatsschützern.

Abu Malik hat früher ein ausschweifendes Leben geführt, ehe er zum Glauben zurückgefunden hat. Abu Malik trägt einen langen Bart und steht zum Islam. Seine Kollegen auf der Arbeit nennen ihn deswegen "Bombenleger".

"Ich nehme das gelassen, als Spaß. Wenn die so denken: dann bitte schön."

Das stimmt nur halb. Als das Mikrofon aus ist, beklagt er sich über solche Diskriminierungen. Omar Bakri, der Prediger in der Rahman-Moschee, fordert von seiner Gemeinde jedoch Selbstbeherrschung. Nachdem im vergangenen Jahr deutsche Zeitungen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen nachdruckten, warnte er die aufgebrachten Gläubigen davor, auf die Straße zu gehen.

Jihad und der Abfall vom Glauben

Nicht alle Salafis sind so stoisch. Vielmehr gibt es unterschiedliche Strömungen, die sich ideologisch heftig bekriegen. Zwei Punkte stehen dabei im Mittelpunkt: zum einen der Jihad, der Krieg gegen die Feinde des Islams; zum anderen die Frage, ob es rechtens sei, islamische Herrscher zu Ungläubigen zu erklären, wenn sie die Gesetze Gottes verletzen. Nach klassischem islamischem Recht darf ein Muslim, der vom Glauben abgefallen ist, getötet werden.

Die so genannten Jihad-Salafis befürworten beides: den Jihad gegen Nichtmuslime wie den Kampf gegen vermeintlich unislamische Herrscher. Die friedlichen lehnen das ab und wollen den Islam durch Mission verbreiten.

Angst vor Höllenqualen

Es ist zwölf Uhr nachts, einige Gläubige haben sich in der Rahman-Moschee zum Gebet versammelt. Ein Vorbeter liest Suren aus dem Koran vor. Zwischendurch fangen einige der Männer an zu schluchzen – aus Furcht vor den Höllenqualen, die ihnen drohen, falls sie vom rechten Glauben abweichen.

Die Jihad-Salafis machen sich diese religiösen Gefühle zunutze. Sie versprechen ihren Anhängern den direkten Weg ins Paradies – wenn sie nur den Märtyrertod im Kampf gegen die Ungläubigen sterben. Abu Malik distanziert sich indes von diesem Gedankengut.

"Ich halte davon nichts. Du kannst nicht irgendwo in einem Land reingehen und na ja, ok, weil meine Nachbar jetzt keine Lammfleisch isst, er isst Schweinefleisch, ich soll ihm umbringen, das hat nix mit dem Glauben zu tun."

Die Rahman-Moschee grenzt sich von den Jihad-Salafis ab. Imam Omar Bakri sagt, er wolle den Islam auf friedlichem Wege verbreiten. Ungeachtet dessen gibt es auch unter friedlichen Salafis äußerst bedenkliche Tendenzen. Ihr Weltbild ist stark von Gut und Böse geprägt. Der Verfassungsschutz im Bundesland Baden-Württemberg beobachtet deswegen ihre Missionstätigkeit.

Islam als Absolutismus des Glaubens

So tauchte in einer Moschee eine Schrift des saudischen Gelehrten al-Utheimin auf, der auch bei friedlichen Salafis anerkannt ist. In dieser Schrift erklärte er jeden Muslim zum Ungläubigen, der nur behauptet, eine andere Religion als der Islam könnte vor Gott Bestand haben. Dieser Muslim müsse zur Reue aufgefordert werden, so Utheimin weiter. Verweigert er sich, sei er als Abtrünniger hinzurichten, weil er den Koran verleugne.

Benno Köpfer vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg meint dazu: "Ich denke, solche Sätze sind natürlich ein deutlicher Hinweis dafür, dass dieses Gedankengut, mit dem hier mit Andersgläubigen, mit Agnostikern, Atheisten umgegangen werden soll, ein Aspekt ist, den wir beobachten müssen. Welches Weltbild, welche Gesellschaftsvorstellungen werden hier für den künftigen, möglichen Anhänger prägend…"

Unterschiede im Salafismus

Darüber hinaus beobachten Staatsschützer immer häufiger, wie aus friedlichen Salafis Anhänger des Jihads werden. Wann und wie das passiert, weiß niemand so genau. Dennoch drängen selbst Staatsschützer darauf, die Unterschiede im Salafismus ernst zu nehmen. So lange sich friedliche Salafis öffentlich vom Jihad distanzieren, sei das eine Chance, um die Radikalen zurückzudrängen, so das Argument.

Tatsächlich sind in der Vergangenheit gelegentlich junge Männer in der Rahman-Moschee aufgetaucht und haben versucht, die Gemeinde aufzuhetzen. Abu Hafza:

"Ein Tunesier kam öfter in die Moschee und hat Ideen verbreitet, die wir ablehnen. Er hat islamische Herrscher zu Ungläubigen erklärt und zum Angriff gegen sie aufgerufen. Wir haben ihn gewarnt. Als er nicht reagiert hat, haben wir ihn rausgeworfen."

Albrecht Metzger

© Deutsche Welle 2007

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