Mord an türkisch-armenischem Journalisten Hrant Dink
Ein Leben für Versöhnung und Dialog

Nach dem Mord an dem prominenten Journalisten Hrant Dink steht die Türkei noch immer unter Schock. Dorian Jones berichtet aus Istanbul über den couragierten Publizisten, der sich sein Leben lang für Demokratie und Freiheit einsetzte.

Blumen und Kerzen rahmen das Bild des ermordeten Dink vor dem Agos-Redaktionsbüro in Istanbul ein; Foto: AP
Sah sich in der Türkei ständig Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt - Hrant Dink wurde am 19. Januar vor seinem Redaktionsbüro erschossen.

​​Der 53-jährige Hrant Dink hatte sich sein Leben lang für ein friedliches Zusammenleben von Türken und Armeniern eingesetzt. Die Zeitung "Agos", bei der Dink seit 1996 als Herausgeber tätig war, ist die einzige zweisprachige Tageszeitung Medium des Landes.

Unermüdlich forderte Dink die Türkei dazu auf, sich mit dem Mord an der armenischen Minderheit im Land vor 90 Jahren zu befassen und sich diesem Kapitel der Landesgeschichte zu stellen. Dink selbst nannte diese Morde einen Genozid, was die Türkei bis heute von sich weist.

Teufelskreis durchbrechen

Seine Bemühungen rührten nicht aus Rachegefühlen oder Bitterkeit. Er wollte die Verständigung zwischen den beiden Völkern fördern. Dink sagte: "Die Türken spielen für die Identität der Armenier eine wichtige Rolle, vor allem für die armenische Diaspora. Das Bestreben nach Annerkennung durch die Weltgemeinschaft und besonders durch die Türkei, dass ein Genozid an ihrem Volk stattgefunden hat, ist es, was die Armenier miteinander verbindet, was ihnen hilft, sich selbst zu definieren.

Für die Türken sei es ähnlich, betonte der couragierte Journalist: "Sie sehen die Armenier als Feinde an und betrachten die Forderung nach Anerkennung eines Genozids als Bedrohung für ihr Land. Beide Völker sind als Feinde miteinander verbunden. Diesen Teufelskreis gilt es endlich zu durchbrechen."

Kritiker und Tabu-Brecher

Mit diesem stillen Nachdruck stand er an vorderster Front, wenn es darum ging, politische Tabus zu brechen. Die Ungerechtigkeit, der die kurdische Bevölkerung in der Türkei ausgesetzt ist, war häufig Thema seiner Reden und Artikel - wie überhaupt das Thema Menschenrechte. Dink war außerdem ein leidenschaftlicher Sozialist.

Seine Unerschrockenheit brachte Dink zahllose Fernsehauftritte ein, bei denen er häufig aggressive Gegner mit seinen klugen und rationalen Argumenten besiegen konnte. Stets waren diese erfüllt von einem Sinn für Menschlichkeit und – bisweilen – Humor. Seine Argumente zeichneten sich nie durch latente Verbitterung über die moderne Türkei aus, die so oft innerhalb der armenischen Diaspora präsent ist.

In einem Interview sagte Dink einmal, der Unterschied zwischen ihm und den Armeniern in der Diaspora sei, dass er mit den Türken von heute lebe, während die anderen mit den Türken von 1915 lebten.

Doch mit seinen Bemühungen, die Versöhnung zu fördern, geriet er oftmals mit der mächtigen Nationalistenbewegung der Türkei und auch dem türkischen Parlament aneinander.

Anklage wegen Beleidigung des Türkentums

Jahrelang kämpfte Dink mit Strafen, die ihm im Zuge verschiedener Gesetze zur Einschränkung der Redefreiheit auferlegt wurden. Im letzten Jahr wurde er wegen Verletzung des berüchtigten Paragraphen 301("Beleidigung des Türkentums") verurteilt.

Während zahlreiche Autoren wegen der Verletzung des Paragraphen 301 angeklagt worden waren, unter anderem auch der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, wurde nur Hrant Dink verurteilt. Dies habe der Hauptverdächtige in dem Mordfall Dink, Ogun Samast, als sein Tatmotiv angegeben, erklärte die Polizei.

Zwar hatte Dink im Laufe seiner Karriere häufig Morddrohungen erhalten, doch seit seiner letzten Verurteilung nahm sowohl die Anzahl als auch die Ernsthaftigkeit dieser Drohungen zu.

In seinem letzten Artikel vor seiner Ermordung schrieb Dink: "Wer weiß, welchen Ungerechtigkeiten ich noch ausgesetzt sein werde … Das eigentlich Bedrohliche und Unerträgliche ist der psychische Druck, unter dem ich stehe."

Er schrieb auch über seine Frustrationen mit der Regierung, die die Drohungen gegen ihn nicht ernst nahm. Sich selbst beschrieb er dabei als Taube: "Vielleicht bin ich ebenso unentspannt wie eine Taube, aber ich weiß auch, dass Menschen in diesem Land Tauben nichts anhaben. Tauben leben mitten in der Stadt, selbst inmitten der Menschenmengen - ängstlich, aber auch frei."

"Wir sind alle Hrant, wir sind alle Armenier!"

Trotz der Warnungen einiger Freunde lehnte Dink es ab, das Land zu verlassen. Er sagte, der einzige Grund, aus dem er erwägen würde, das Land zu verlassen, sei nicht die Angst um seine eigene Sicherheit, sondern lediglich, der Fall, wenn das Urteil wegen "Beleidigung des Türkentums" gegen ihn aufrechterhalten werden würde.

"Ich glaube nicht, dass ich mit dem Ruf leben könnte, die Türken in diesem Land beleidigt zu haben … Wenn ich nicht in der Lage bin, das Gegenteil zu beweisen, wird es nur Recht und Billig, dass ich das Land verlasse", so Dink.

Viele Menschen wünschten, er hätte das Land verlassen und so sein Leben bewahrt. Tiefe Trauer herrscht nicht nur unter den Armeniern in der Türkei, sondern auch bei den Türken. Wenigen Stunden nach seinem Tod marschierten tausende Menschen zum Gebäude seiner Zeitung und skandierten: "Heute sind wir alle Hrant, wir sind alle Armenier!"

Der Mord an Dink hat nicht nur ein tiefes Entsetzen hervorgerufen, es bedeutet vor allem auch ein Gefühl des Verlustes: Das Land am Bosporus hat eine einmalige Stimme verloren, eine Stimme der Verständigung, der Menschlichkeit - und das zu einer Zeit, in der die Türkei mehr und mehr gespalten ist und von zunehmender politischer Gewalt erfasst wird.

Der türkische Kolumnist Yavuz Baydar schrieb: "Nicht nur ich habe einen Freund verloren, sondern die gesamte Bewegung für Frieden und Verständigung in diesem Land. Dinks Traum war eine Türkei, die Frieden mit ihrer Vergangenheit schließt, eine Türkei in der Redefreiheit garantiert ist. Möge seine große Seele in Frieden ruhen." Dink hinterlässt seine Frau und drei Kinder.

Dorian Jones

© Qantara.de 2007

Aus dem Englischen von Rasha Khayat

Qantara.de

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