Missionierung in der Türkei

Hetzkampagne von allen Seiten

Obwohl in der Türkei nur sehr wenige Menschen eine andere Religion annehmen, rufen Rechte wie Linke wegen der christlichen Missionierung den Alarmzustand aus. Tarık Işık und İsmail Saymaz berichten.

Protest gegen die Ermordung von drei Christen in Malatya; Foto: AP
"Schulter an Schulter gegen den Faschismus - Wir sind alle Christen" - Protest gegen die Ermordung von drei Christen im türkischen Malatya

​​Mit dem blutigen Überfall auf den Zirve-Verlag in Malatya wurde das Thema Missionierung erneut Tagesgespräch in der Türkei. Die Zahl der von den Missionaren zum Christentum bekehrten Personen übersteigt – wie sogar 2001 im Nationalen Sicherheitsrat (MGK) erörtert - auch nach strengster wissenschaftlicher Bewertung jedoch nicht die Zahl von zehntausend Menschen.

Nach den Zahlen des Innenministeriums für 2006 sind in den vergangenen sieben Jahren nur 338 Muslime zum Christentum übergetreten. Entgegen diesen Fakten glauben Linke, Islamisten wie Nationalisten, dass in der Türkei die Gefahr durch die Missionierung eine Dimension angenommen habe, die das Land zu spalten droht.

"Arme sind Ziel der Missionare"

Die Missionstätigkeit ist in den letzten zehn Jahren nicht von der Tagesordnung der gesellschaftlichen Organisationen verschwunden, und auch die staatlichen Institutionen haben sich von Zeit zu Zeit mit dieser Frage beschäftigt.

Vom Rednerpult der Türkischen Nationalversammlung (TBMM) her kam die schärfste Reaktion vom damaligen Innenminister Sadettin Tantan. So behauptete Tantan im März 2000: "Unsere Menschen stecken in einer armutsbedingten Falle, und deshalb werden sie rasch den Missionaren in die Arme getrieben."

Der Nationale Sicherheitsrat (MGK) dementierte nicht, dass er im Jahr 2001 den Bericht über die Missionierung diskutierte habe. In den Publikationen des Ministeriums für Religiöse Angelegenheiten, und in den auf der offiziellen Website des Kulturministeriums vorgestellten Büchern wird Aussagen, die sich gegen Missionare richten, breiter Raum eingeräumt.

Erdoğan: "Keine Angst vor Glaubensfreiheit"

Der frühere Ministerpräsident Bülent Ecevit hatte kurz vor seinem Tod zusammen mit seiner Frau Rahşan Ecevit den Kampf gegen die Missionare aufgenommen.

Rahşan Ecevit erklärte damals: "Im Lauf des EU-Beitrittsprozesses verlieren wir unsere Religion. Doch ich kann mich nicht mit dem allmählichen Niedergang des Islam einverstanden erklären. Mit dem vermehrten Grundstückskauf der Ausländer haben sich auch die Missionstätigkeiten ausgeweitet. Die Ermunterung der Bürger, ihre Religion zu wechseln, ist auch ein Weg zur Spaltung der Türkei."

Ehemaliger türkischer Ministerpräsident Bülent Ecevit; Foto: AP
Ehemaliger türkischer Ministerpräsident Bülent Ecevit

​​In seiner Antwort an Ecevit im Januar 2005 sagte Ministerpräsident Erdoğan: "Der eine sagt: 'Uns entgleitet die Religion.' Der andere meint: 'In diesem Land werden Kirchen errichtet.' Der nächste sagt: 'Im Kellergeschoss von Wohnblocks werden Kirchen gebaut.' Wenn es die deutsche Regierung erlaubt, dass alleine in Deutschland tausende Moscheen eröffnet werden, dann müssen wir für diese verständnisvolle Haltung eine Gegenleistung erbringen. Fürchten Sie sich nicht vor der Glaubensfreiheit."

Bürgermeister Muzaffer Eryılmaz von der Republikanischen Volkspartei (CHP) wies darauf hin, dass es zum Zeitpunkt seiner Amtsübernahme in Çankaya lediglich eine Kirche gegeben habe, und führte aus: "Die Zahl der Kirchen und Synagogen ist auf sieben gestiegen. So einen Ort gibt es zum Beispiel in Çebeci. Wer dorthin geht und sich dazu bekennt, dem zahlen sie auch noch zweihundertfünfzig Dollar im Monat. Das ist wirklich eine Katastrophe."

Zur gleichen Zeit betonte der Stellvertretende Vorsitzende der "Partei der Nationalistischen Bewegung" (MHP), Mehmet Şandır, dass die MHP die Missionierung nicht als ein Frage der Religions- und Gewissensfreiheit ansehe. Er führte aus, dass die türkischen Nationalisten, die MHP und die idealistisch Gesinnten der Missionsarbeit auf legalem Boden, die sie für eine politischen Tätigkeit halten, mit aller Kraft entgegenwirken werden.

Illegale Kellerkirchen

Die oberste Polizeibehörde der Türkei teilte in einem Bericht vom Februar 2005 für den Nationalen Sicherheitsrat (MGK) mit, dass die Missionare Istanbul zu ihrem Stützpunkt gemacht hätten. Sie hätten sich dann in Richtung Anatolien verbreitet und dort innerhalb des letzten Jahres 230 illegale Kirchen eröffnet.

St.-Esprit-Kathedrale in Istanbul; Foto: AP
St.-Esprit-Kathedrale in Istanbul

​​In dem Bericht wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man sich in den Kellerkirchen von Wohnblocks, die allesamt ungesetzlich seien, getroffen und insbesondere arbeitslose Jugendliche als Zielgruppe ausgewählt habe.

Recai Kutan, der Vorsitzende der "Partei der Glückseligkeit" (Saadet Partisi), sagte im Dezember 2006 auf dem Parteikongress für die Provinz in Trabzon: "Eine Familie kann ihr Kind, falls sie das möchte, nicht auf eine Koranschule schicken, bevor es nicht die Grundschule absolviert hat. Die Missionare dagegen können sich in unserem Land frei tummeln. In jedem einzelnen Wohnviertel wird an irgendeiner Ecke eine Kirche eröffnet. Darüber verliert niemand ein Wort."

BBP: Sie werden hinausgeworfen

Muhsin Yazıcıoğlu, der Vorsitzende der BBP sagte nach der Ermordung des Mönchs Santoro in Trabzon: "Wenn man einmal schaut, was hinter der Missionierung steckt, stellt man fest, dass diese Leute von der CIA unterstützt werden." Auf dem Parteitag der nationalistischen Großen Einheitspartei (BBP) am vorletzten Sonntag teilte er mit, dass die Missionare aus dem Land geworfen würden, sollte die BBP an die Macht kommen.

Nach Ansicht von Staatsminister Mehmet Aydın, der für das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten verantwortlich ist, bedrohen die Missionare die gesellschaftlichen Werte: "Es geht nicht um eine unschuldige religiöse Bekanntmachung oder die Inanspruchnahme der Religionsfreiheit, ganz im Gegenteil, es handelt sich um eine planmäßige Aktion, bei der die Geschichte keine große Rolle spielt, sehr wohl jedoch die Politik."

Daraufhin ließ das Ministerium für religiöse Angelegenheiten anlässlich des 90. Jahrestags des Siegs von Çanakkale in den Moscheen eine Predigt gegen die Missionstätigkeit verlesen, was innerhalb der EU und in den USA Unbehagen auslöste.

Weiterhin installierte das Ministerium zur Kontrolle der Missionierung eine "Beobachtungskommission", richtete einen Informationspool ein und regte an, Teams zur geistigen und ethischen Führung zu bilden, die sich aus Imamen zusammensetzen.

Außerdem teilte Innenminister Abdülkadir Aksu 2006 mit, dass die Missionare beobachtet würden. Nach Aksu profitierten die Missionare von der Armut vieler Familien und von Schicksalsschlägen einzelner. Die von Aksu genannten Zahlen zeigten das Ausmaß der Bedrohung: "In den letzten sieben Jahren haben 344 Muslime ihre Religion gewechselt. 338 von ihnen wurden Christen, acht wurden Juden."

"Missionare sind gefährlicher als Terror-Organisationen"

Bevor letzte Woche in der Türkischen Großen Nationalversammlung (TBMM) mit der Lesung des Gesetzentwurfs für das Türkische Handelsgesetz begonnen wurde, erklärte Niyazi Güney, Generaldirektor für das Gesetzeswesen des Justizministeriums, der die Regierung vertrat, dass die Missionstätigkeiten inzwischen gefährlicher geworden seien als die Terror-Organisationen. Sie hätten sich genau wie in der letzten Periode des Osmanischen Reiches unkontrolliert verbreitet.

Güney, der sogar behauptete, dass die Ermordung Necip Hablemitoğlu im Zusammenhang mit der Missionierung zu sehen sei, stellte fest, dass dem Generalstab zu diesem Thema Berichte mit Erkenntnissen vorlägen.

Tarık Işık und İsmail Saymaz

© www.Radikal.com.tr 2007

Übersetzung aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann

Qantara.de

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