Mikrokredite in Marokko

Erfolgsrezept gegen Armut?

Im arabischen Raum ist Marokko auf dem Gebiet der Mikrokredite seit einigen Jahren führend. Unterstützt wird das marokkanische Mikrokreditwesen auch von der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau. Martina Sabra berichtet.

Marokko ist im arabischen Raum und auf dem afrikanischen Kontinent in Sachen Mikrokredite seit einigen Jahren führend. Die ersten Mikrokredite vergab Anfang der neunziger Jahre die marokkanische Nichtregierungsorganisation AMSED. Heute betreuen insgesamt 13 zugelassene Organisationen im ganzen Land mehr als eine Million KreditnehmerInnen. Davon waren im Jahr 2006 laut der Organisation "PlanetFinance Maroc" rund 75 Prozent Frauen.

Mahjouba Dahiban, dank eines Mikrokredits der Zakoura-Stiftung betreibt sie einen kleinen Handel; Foto: Zakoura-Fondation
Mahjouba Dahiban: Dank eines Mikrokredits der Zakoura-Stiftung betreibt sie einen kleinen Handel

Führend sind die Nichtregierungsorganisationen Al-Amana (40 Prozent des Marktes) und Zakoura (30 Prozent) sowie zwei große Vereinigungen, die von marokkanischen Großbanken gegründet wurden; sie teilen gemeinsam rund 80 Prozent des Marktes unter sich auf. Al-Amana allein zählte Ende April 2007 rund 450.000 KreditnehmerInnen; die Mini-Assoziation INMAA dagegen nur 6500. Das marokkanische Know-How in Bezug auf Mikrokredite zur Armutsbekämpfung ist in der Region zunehmend gefragt.

"Gerade haben wir eine Delegation aus Ägypten zu Besuch, und demnächst werden wir unsere Arbeit bei einem Forum im Senegal vorstellen", berichtet Rida Lamrini, Vorsitzender und Geschäftsführer des Dachverbandes FNAM (Fédération Nationale des Associations de Microcrédits). Auch im arabischen Mikrofinanz-Netzwerk SANABEL spielt Marokko eine führende Rolle.

Einheitliches Gesetz

Alle marokkanischen Mikrokreditorganisationen wurde seit 1999 einem einheitlichen Gesetz unterworfen, das inzwischen mehrmals angepasst wurde. Danach sind Konsumentenkredite verboten. Zudem legt das Gesetz eine Obergrenze für die Kredite fest (50.000 Dirham, umgerechnet 5000 Euro) und es schreibt vor, dass die Mikrokredit-Organisationen selbst nicht gewinnorientiert arbeiten dürfen. Somit ist zumindest theoretisch dafür gesorgt, dass die hohen Kreditgebühren den Kreditnehmerinnen selbst zugute kommen, unter anderem in Form von flankierenden Bildungsmaßnahmen und Service.

Bei Al-Amana betragen die Kreditkosten zurzeit rund 20,5 Prozent. "Wir sind mittlerweile finanziell eigenständig und nicht mehr auf Subventionen angewiesen", erklärt Zakia Lalaloui, Marketingdirektorin bei Al-Amana. "Dadurch konnten wir die Kosten für die KreditnehmerInnen auf fast die Hälfte reduzieren."

Förderung von Frauen

Die erste Organisation, die in Marokko Mikrokredite für die große Masse anbot, war 1996 die private "Stiftung Zakoura". Gründer war der Werbeunternehmer Noureddine Ayouch, ein bekannter Förderer von Sozialarbeit, Kunst und Kultur, der zudem über gute Verbindungen zum marokkanischen Königshaus verfügt. Wie die Grameen-Bank in Bangladesch favorisiert die Stiftung Zakoura die Kreditvergabe an Frauen und an Gruppen, deren Mitglieder sich bei der Rückzahlung und beim Existenzaufbau gegenseitig unterstützen sollen.

Ibtissam Alami Idrissi baute mit ihrem Kredit ein mobiles Labor auf, mit dem sie Aufträge für die staatliche Wasserbehörde erledigt
Ibtissam Alami Idrissi baute mit ihrem Kredit ein mobiles Labor auf, mit dem sie Aufträge für die staatliche Wasserbehörde erledigt

Außerdem müssen sich die Kreditnehmerinnen bei Zakoura vertraglich zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern und zur Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen verpflichten. "Es geht nicht nur um Kapital, sondern auch um Werte. In Marokko brauchen wir eine Kultur des Vertrauens und Respekts vor dem Anderen", erklärt Noureddine Ayouch. Die Rückzahlungsquote lag bei der Stiftung Zakoura von Anfang an bei rund 90 Prozent und beträgt heute nahezu 100 Prozent.

Das liegt laut der Stiftung nicht nur an der besseren Zahlungsmoral von Frauen, sondern auch daran, dass die KundInnen intensiv begleitet und geschult werden. ​​Wer von der Zakoura-Stiftung Geld will, muss gegebenenfalls Kurse in Lesen, Schreiben, Rechnen, Betriebsführung und Staatsbürgerkunde absolvieren. Um mittellosen jungen Leuten eine längerfristige Perspektive zu geben, sucht die Stiftung auch die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen: So baute die 29-jährige Biologin Ibtissam Alami Idrissi mit ihrem Kredit ein mobiles Labor auf, mit dem sie Aufträge für die staatliche Wasserbehörde erledigt.

"Ich komme aus sehr bescheidenen Verhältnissen", sagt die junge Frau. "Meine Familie konnte mir nicht helfen, und eine normale Bank hätte mir als arbeitsloser Akademikerin nie einen Kredit gegeben." Heute setzt Ibtissam Alami mit ihrem Kleinstunternehmen jährlich rund 35.000 Euro um und beschäftigt drei Angestellte.

Unterstützung durch deutsche KfW

Mit zuletzt rund 330.000 Kreditnehmerinnen pro Jahr (eigene Angaben der Stiftung für 2006), die landesweit von rund 1000 so genannten "Kredit-AgentInnen" in 450 Zweigstellen begleitet werden, liegt die Stiftung Zakoura im marokkanischen Mikrokreditgeschäft zurzeit an zweiter Stelle – direkt hinter der Organisation Al-Amana. ​​

Al-Amana gehört heute weltweit zu den erfolgreichsten Mikrofinanz-NRO. Die Organisation wurde 1997 gegründet. Im Gegensatz zu den meist privat finanzierten anderen Mikrokredit-Assoziationen erhielt sie von Anfang an massive Hilfe von der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID. Im Verwaltungsrat von Al-Amana sitzt unter anderem der marokkanische Premierminister.

Mitarbeiter von Al Amana im marokkanischen Gebirgsort Ifrane; Foto: Al Amana
Mitarbeiter von Al Amana im marokkanischen Gebirgsort Ifrane

Al-Amana bietet mittlerweile nicht nur Existenzgründerkredite an, sondern auch Unterstützungskredite für Wohneigentum oder für Renovierungsarbeiten an Wohnung und Haus. Neben der US-Regierung, staatlichen marokkanischen Institutionen und marokkanischen Banken sowie anderen internationalen Finanzakteuren (europäische Investmentbank, Weltbank, Arabischer Entwicklungsfonds FADES) beteiligt sich seit April 2007 auch die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) am marokkanischen Mikrofinanz-Sektor.

Umfassende, fundierte Studien über die Wirksamkeit von Mikrokrediten als Instrument der Entwicklungspolitik sind allerdings noch rar.

Schuldenfalle durch Mikrokredite

Der Duisburger Ostasienwissenschaftler Thorsten Nilges, der die Auswirkungen von Mikrokrediten auf das Zusammenleben von Dorfgemeinden in Südindien erforscht hat, kommt zu dem Schluss, dass Mikrokredite mehr schaden als nützen. Er bezeichnet die Mikrokredite als "weiche" Version des Neoliberalismus. Der Menschenrechtsaktivist Khorshed Alam aus Bangladesch befand jüngst in der in Österreich erscheinenden entwicklungspolitischen Zeitschrift "Südwind" die Berichterstattung über die Grameen-Bank und den Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus als viel zu unkritisch. ​​

Eine Mitarbeiterin von Al Amana unterwegs zu den geförderten Projekten; Foto: Al Amana
Eine Mitarbeiterin von Al Amana unterwegs zu den geförderten Projekten

Zwar hätten die Mikrokredite im ländlichen Raum teilweise für ökonomische Impulse gesorgt. Doch zahlreiche Kreditnehmerinnen in Bangladesch seien aufgrund mangelnden follow-ups in der Schuldenfalle gelandet. Um die strengen Rückzahlungsmodalitäten einhalten zu können, hätten viele KreditnehmerInnen sich anderweitig verschulden müssen.

Die Rückzahlungsquote falle auf diese Weise zwar beeindruckend hoch aus, so Alam. Doch die tatsächliche finanzielle Situation der Kreditnehmerinnen sei oft schlecht. In Marokko haben die Mikrokreditorganisationen bislang zumindest einen sehr positiven Effekt erzielt: Tausende junge Leute haben als Kreditagenten und Trainer Arbeitsplätze und ein Einkommen gefunden. Allein Al-Amana beschäftigt über 2500 Angestellte landesweit.

Die KreditnehmerInnen von Al-Amana haben nach Auskunft der Organisation bislang im Durchschnitt ein besseres Einkommen erzielt. Das klingt gut, doch angesichts der extrem niedrigen Ausgangseinkommen vieler KreditnehmerInnen stellen 20 Euro mehr oft keine wirklich einschneidende Veränderung dar. Und über die sozialen und kulturellen Auswirkungen der Mikrokredite sagen nüchterne Einkommenszahlen nichts aus.

Martina Sabra

© Qantara.de 2007

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Erfolgsrezept gegen Armut?

Sehr geehrte Damen und Herren,
wie Sie sicher wissen, meinte der Spiegel das neue Jahr wieder einen negativen Artikel zu den Kleinstkrediten eröffnen zu müssen. Ich habe dazu bei www.Bonner-Aufruf.eu unter Allgemeines einen Kommentar geschrieben. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie dort -unter Hinweis auf Ihre Erfahrungen-ebenso Stellung nehmen könnten.
Mit freundlichen Grüßen
Volker Seitz, Botschafter a.D. und Buchautor

Volker Seitz02.01.2014 | 13:43 Uhr