Zwischen März und August 1942 liefen täglich Schiffe in der iranischen Hafenstadt Bandar Pahlavi (heute Bandar Anzali) am Kaspischen Meer ein. Das Rote Kreuz kümmerte sich um die ausgemergelten Ankömmlinge, bevor sie über das Land verteilt wurden, die meisten von ihnen in die Hauptstadt Teheran.

In den als Provisorium gedachten Lagern entwickelte sich eine starke Exilkultur. Dekel nennt dies in der Kapitelüberschrift treffend "Polish and Jewish Nation Building in Tehran". Schulen, Cafés, Zeitungen, sogar Kinos wurden gegründet. Bis heute zeugen polnische Gräber auf diversen iranischen Friedhöfen von dieser verwobenen Vergangenheit, etwa auf dem katholischen Friedhof Doulab oder dem jüdischen Beheshtiyeh-Friedhof im Osten Teherans.

Mithilfe der Zionistischen Weltorganisation wurden die "Tehran Children" schließlich Anfang 1943 nach Palästina geholt. Zehntausende nicht-jüdische Polen hingegen gingen ins Exil nach Ostafrika und Indien. Ihre Geschichten wurden zuletzt unter anderem von der Historikerin Julia Devlin sowie in der Dokumentation "Memory Is Our Homeland" aufbereitet.

Anschluss an andere Fluchtgeschichten

Dekel verwebt die auf Archivmaterialien, Interviews und Fachliteratur gestützten historischen Schilderungen konsequent mit Reflexionen über ihre Recherchereisen und den Entstehungsprozess des Buches. Den Aufenthalten in der väterlichen polnischen Heimat räumt sie immer wieder viel Platz ein. Das Land sei eine "vererbte Wunde", ein Trauma, über das in ihrer Familie so gut wie nie gesprochen wurde. Ihre Tante beschreibt, wie Bewohner Ostróws in Jubel ausgebrochen seien, als die Teitels ihre Brauerei zurückließen.

Auch das Verhältnis zu aktueller Geschichtspolitik wird thematisiert. Dass in Ostrów nichts auf die ausgeprägte jüdische Vergangenheit hinweist, führt sie als beispielhaft für das Unsichtbarmachen spezifisch jüdischen Leids durch die nationalistisch-katholische Erinnerungspolitik der polnischen Regierungspartei PiS an.

Es ist eine Stärke des Buches, dass Dekel diese Spezifität für alle Stationen ihres Vaters herausarbeitet und zugleich den Anschluss an andere Fluchtgeschichten sucht. Dabei schießt die Suche nach Analogien stellenweise auch über das Ziel hinaus, etwa wenn die Autorin von ihrer Lebensmittelvergiftung auf Recherche in Usbekistan zur Typhusepidemie in den 1940ern überleitet.

Die Arbeit an "Tehran Children" war für Dekel ein aufschlussreicher, aber auch ernüchternder Prozess, an dem sie den Leser teilhaben lässt. Der Wunsch nach einer Umgehung der die israelisch-iranischen Sackgasse erfüllte sich nicht. Nach relativierenden Aussagen, die typisch für ein nationalistisches iranisches Geschichtsbild sind, bricht sie die Zusammenarbeit mit Salar Abdoh ab. Dieser erkenntnisgeleitete Mut trägt letztendlich zur lohnenden Lektüre bei.

Daniel Walter

© Qantara.de 2020

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