Mein neues Selbst steckte noch in den Babyschuhen; ich war ein "Work in Progress", wie man hier in England sagte. In meinem Inneren stießen mein altes Ich samt Muttersprache mit meinem neuen Ich und der Drittsprache heftig aufeinander. Einerseits war diese Reise, mein neues Ich durch die Drittsprache zu ergründen, eine aufregende – wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Aber andererseits krallte sich mein altes Ich an seine Muttersprache. Ich hing über dem Abgrund zwischen beiden Ichs.

Hannah Arendt im Jahr 1958; Foto: dpa/picture-alliance
Hannah Arendt schrieb über ihre Muttersprache als Konstante in ihrem Leben, von der Flucht aus Nazi-Deutschland nach Frankreich, von Frankreich in die USA bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland nach dem Krieg.

Wenn du in einer komplett neuen Welt wie dieser ankommst, bist du erst einmal nur körperlich an einem neuen Ort, aber dein Geist ist noch nicht da. Du lebst und wohnst noch in deiner eigenen Muttersprache, du denkst noch in deiner eigenen Sprache. Zu tief sind deine Gedanken und Erinnerungen in deiner Muttersprache verwurzelt. Wenn du mit deiner neuen Welt kommunizieren willst, musst du das in ihrer Sprache tun.

Begrenzte Sprachkenntnisse, begrenzte Macht

Aber das kann ein verzwickter Prozess sein, denn zunächst wirst du das Gefühl haben, deine Gedanken in der Muttersprache denken zu müssen, ehe du sie in Übersetzung aussprichst. Wenn du deine Gefühle, deine Ideen und, in der Tat, dich selbst nicht leicht ausdrücken kannst, kommt es unweigerlich zu Problemen. Dann fühlst du dich fremd und als ob deine ganze Identität und Persönlichkeit auf dem Spiel stünden. Du fühlst dich schwach und verletzlich, denn die Waffe der Sprache steht dir noch nicht zur Verfügung, um dich zu verteidigen. Begrenzte Sprachkenntnisse bedeuten begrenzte Macht.

Nach einer gefühlt unendlich langen Konfrontation mit der anderen Sprache passiert es endlich, dass man sie meistert. Die ganze Zeit, die man in Sprachkurse und peinliche, unbeholfene Konversationen mit Einheimischen investiert hat, zahlt sich endlich aus. Daher hat das Fremdsprachenlernen eine epistemologische Dimension.

Eine zweite oder dritte Sprache wird nie deine erste ersetzen können, die für dich natürlich und ontologisch ist. Du kannst dich in deiner Muttersprache in einer Weise ausdrücken, wie es dir in der Fremdsprache nie möglich sein wird. Vielleicht hast du in deiner Muttersprache ein paar Gedichte auswendig gelernt, Redewendungen, Sprichwörter, Witze, Geschichten, Märchen und Flüche, aber die Wahrscheinlich ist gering, dass du diesen Zustand in einer anderen Sprache replizieren kannst.

Muttersprache als Konstante im Leben

In einem Interview mit dem deutschen Journalisten Günter Gaus sprach Hannah Arendt über ihre Muttersprache als Konstante in ihrem Leben, von der Flucht aus Nazi-Deutschland nach Frankreich, von Frankreich in die USA bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland nach dem Krieg:

"Was ist geblieben? Geblieben ist die Sprache. […] Und ich habe immer bewusst abgelehnt, die Muttersprache zu verlieren. Ich habe immer eine gewisse Distanz behalten, sowohl zum Französischen, das ich damals sehr gut sprach, wie zum Englischen, das ich ja heute schreibe. […] Sehen Sie, es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen Muttersprache und allen anderen Sprachen. Bei mir kann ich das furchtbar einfach sagen. Im Deutschen kenne ich einen ziemlich großen Teil deutscher Gedichte auswendig. […] Das ist natürlich nie wieder zu erreichen".

Eine zweite Sprache zu sprechen, wird sich nie ganz so anfühlen, wie die eigene Muttersprache. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie es nicht wert ist, gelernt zu werden. Schließlich könnte es sein, dass du in diesem Prozess ein neues Ich entdeckst.

Nabaz Samad Ahmed

© Goethe-Institut/Perspektiven 2018

Nabaz Samad Ahmed wurde 1988 in Koya, Irak-Kurdistan, geboren. Er hat einen Master in Ethik und politischer Philosophie von der Universität Manchester, England, und einen Bachelor in Philosophie von der Universität Koya, Irak. Zurzeit arbeitet Ahmed als Lehrbeauftragter an der Universität von Sulaimaniya. Er ist Schriftsteller, Übersetzer und Redakteur für das "Culture Magazine", einem vierteljährlich erscheinenden kurdischen Magazin.

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