Als ich das Wort anfal zum ersten Mal hörte, klang es merkwürdig und fremd für mich. Ich verstand das Wort nicht, denn es war ein arabisch-islamisches Wort aus dem Koran. Ich realisierte jedoch bald, dass es irgendwie im Zusammenhang mit der Abwesenheit und dem Tod meines Vaters stand. Schließlich wurde anfal für mich zum Synonym für Vaterlosigkeit.

Als nächstes hörte ich das Wort im Islamunterricht, wo wir beim Auswendiglernen der koranischen Verse zwar Form, nicht aber Inhalt der Wörter beigebracht bekamen. Das Wort anfal verfolgt mich bis heute. Es beeinflusst, wie ich die arabische Sprache wahrnehme und trägt zu meinem Gefühl der Fremdheit bzw. Befremdung in dieser Sprache bei.

Eine Frau sitzt zwischen den Gräbern auf dem Massenfriedhof für die Halabdscha-Opfer; Foto: Reuters
Genozid an der irakisch-kurdischen Bevölkerungsminderheit - die Anfal-Operation Saddam Husseins von 1988 bis 1989: Vor über 30 Jahren begann die sogenannte Anfal-Operation im kurdischen Teil des Irak. Mehr als 100.000 Menschen wurden verschleppt. Die anhaltenden Konflikte im Irak lassen die Opfer in Vergessenheit geraten.

Meine Erfahrung mit dem Englischen ist völlig anders, da ich es freiwillig gelernt habe. Ich hatte ein konkretes Ziel, nämlich in einem englischsprachigen Land zu studieren, und dafür brauchte ich die Sprache. Als ich nach England kam, um dort den Master in Philosophie zu absolvieren, war alles neu für mich.

Es fühlte sich an, als wäre meine vertraute Welt zerstört, über Nacht auf den Kopf gestellt worden. Ich sah mich mit radikalen Veränderungen um mich herum konfrontiert, in Sachen Kultur, Glauben und Überzeugungen, sowie in meinem eigenen Selbst und meiner Sprachexistenz. Ich fühlte mich fremd im Englischen, weil ich die Sprache noch nicht gut sprach und mich nicht ausdrücken konnte. Ich musste mich erst mit dieser neuen linguistischen Welt vertraut machen.

Eine Reflexion der neuen Welt

Meine Drittsprache Englisch war eine Reflexion der neuen Welt um mich herum und gleichzeitig der Fremdheit, die ich verspürte, da alles anders aussah und sich fremd anfühlte. Mein altes Ich stand auf dem Spiel und mein neues war noch nicht angekommen. Ich musste mich von Grund auf und auf Kosten meines alten Selbst neu aufbauen. Ich hatte das alte Ich zur Seite zu schieben und mein neues Ich ausfindig zu machen.

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