Migration und Spracherwerb

Die Fremdsprache als Fremde

Der kurdische Schriftsteller und Übersetzer Nabaz Samad Ahmed berichtet über sein gespaltenes Verhältnis zur Zweitsprache als Folge seiner Sozialisation und tragischen Familiengeschichte im Irak.

Wenn man sein Zuhause oder familiäres Umfeld verlässt – frei- oder unfreiwillig, durch Migration oder Vertreibung – ist es sehr wahrscheinlich, dass man sich in seiner neuen Umgebung fremd fühlt. Menschen migrieren aus verschiedensten Gründen und erleben auch das Gefühl der Fremdheit auf unterschiedliche Weise, denn es ist eine sehr individuelle Empfindung.

Zum Beispiel könnte es der Ort an sich sein, der ihnen fremd anmutet, oder die Sprache, die sie nun umgibt. Fremd kann man sich nicht nur fühlen, wenn man im Ausland, in der Fremde ist, sondern sogar im Heimatland oder in der eigenen Familie, wenn man sich von dem, was einst vertraut war, entfremdet.

Schmerzliche oder traumatische Erlebnisse – verursacht durch Menschenhand oder Naturkatastrophen – tragen meist zur Intensivierung diesen Erfahrungen bei.

Prozesse der Sozialisierung und Enkulturation machen uns alle zu Produkten der spezifischen Lokalität und Kultur, in die wir hineingeboren wurden. Dies ist die Welt, an die wir uns gewöhnt haben, in der wir uns sicher und geborgen fühlen. Hier sind wir selbstbewusst, denn wir kennen sie und sie kennt uns. Wir haben das Gefühl, dazuzugehören.

Das Gegenteil ist der Fall an Orten, die wir nicht kennen und uns verunsichern und beängstigen können. Diese Unterscheidung zwischen Vertrautheit und Nichtvertrautheit, zwischen Heimat und Fremde, formt unsere Gedanken, unseren Geist und Lebensstil. Weil Menschen Heim- und Gewohnheitstiere sind, ziehen sie eine Grenze zwischen familiärer und nichtfamiliärer Welt. Daher versuchen sie alles, was sich fremd und ungewohnt anfühlt, zu familiarisieren und anzupassen, bis sie sich heimisch fühlen.

"Die Sprache ist das Haus des Seins"

In der Tat wurden wir alle in eine bestimmte Kultur, Gesellschaft, Familie und Sprache hineingeboren. Und es ist unsere Muttersprache, durch die wir Kultur, Überzeugungen, Ideen und zahllose andere Dinge vermittelt bekommen und durch die wir kommunizieren. Wir leben und wachsen in dieser Sprache; sie prägt maßgeblich unser Denken, unser gesamtes Leben.

Da unsere Muttersprache in Beziehung zu unserem Sein, unserer Existenz an sich steht, hat sie eine gewisse ontologische Dimension. Wie Heidegger schrieb, "Die Sprache ist das Haus des Seins". Aber könnten wir sagen, dass dies besonders auf unsere Zweitsprache zutrifft?

Nach dem Sturz Saddam Husseins zerstört ein Kurde am 10. April 2003 ein Wandbild des Diktators im Nordirak; Foto: AP
"Mit Ausnahme des Irak, wo Kurdisch 2003 nach dem Sturz von Saddam Husseins Regime, eine offizielle Amtssprache wurde, ist die Sprache in den meisten Ländern, in denen wir leben, nicht nur keine offizielle, sondern auch verboten. Uns bleibt keine andere Wahl als eine Fremdsprache zu lernen, in der wir uns dann oft fremd fühlen", berichtet Nabaz Samad Ahmed.

Die Zweitsprache kann nicht auf dieselbe Weise unser "Haus des Seins" sein, wie es die Muttersprache ist. Die ontologische Dimension existiert lediglich in unserer Muttersprache. Weil wir in sie geboren wurden, mit ihr gelebt haben, damit aufgewachsen sind, ist unser gesamtes Leben von ihr geprägt. Wenn Wissen Macht ist, wie Francis Bacon einst sagte, dann wurden wir in unserer Muttersprache mit Wissen ausgestattet und in dieser sind wir am mächtigsten.

Ich wurde in eine kurdische Familie hineingeboren. Als Kurden haben wir keinen eigenen unabhängigen Staat und müssen stattdessen irakische, türkische oder syrische Ausweise tragen. Wir sind Flüchtlinge in unseren Heimatländern. Mit Ausnahme des Irak, wo Kurdisch 2003 nach dem Sturz von Saddam Husseins Regime, eine offizielle Amtssprache wurde, ist die Sprache in den meisten Ländern, in denen wir leben, nicht nur keine offizielle, sondern auch verboten. Uns bleibt keine andere Wahl als eine Fremdsprache zu lernen, in der wir uns dann oft fremd fühlen.

"Anfalisierung"

Meine erste Konfrontation mit einer Zweitsprache hatte ich mit der arabischen Sprache, da wir im Irak Arabisch lernen mussten. Mein Vater war "anfalisiert" worden, ermordet in der Anfal-Operation von 1988 (anfal, zu Deutsch "Beute"), dem vom Baath-Regime begangenen Völkermord an den Kurden, um die sogenannte "kurdische Frage" im Irak ein für alle Mal zu lösen. Ich habe ihn nie kennengelernt, da ich erst drei Monate alt war, als er "anfalisiert" wurde.

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