Migration und kulturelle Globalisierung

Kulturen in Bewegung

Seit etwa zwei Jahren ist es offiziell: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Diese Einsicht kommt reichlich spät, denn 50 Jahre reguläre Arbeitsmigration und Aussiedlerzuwanderung haben längst nachhaltige Spuren hinterlassen.

Seit etwa zwei Jahren ist es offiziell: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Diese Einsicht kommt reichlich spät, denn 50 Jahre reguläre Arbeitsmigration und Aussiedlerzuwanderung, aber auch noch die viel längere Geschichte von Flucht, Vertreibung und Exil haben längst nachhaltige Spuren hinterlassen.

​​Ein öffentliches Bewusstsein darüber, wie Migration die bundesrepublikanische Kulturlandschaft insgesamt verändert hat und weiter verändert, fehlt indes. Jenseits der Integrations-Logik haben sich die Migranten längst eigene Räume für ihre transnationalen Lebensentwürfe geschaffen - und dabei die daran beteiligten Gesellschaften insgesamt verändert.

Denn es ist ein Trugschluss des Integrationsmodells, die kulturellen Folgen von Migration als ein Problem zu konzipieren, dass die Einwanderer bewältigen müssen – während die nationale Mehrheit der Deutschen davon anscheinend unberührt bleiben kann.

Faktisch aber erzeugt Migration kulturelle Globalisierung, und das heißt aus der lokalen Perspektive der Einheimischen: kulturelle Pluralisierung. Denn mit den vielen unterschiedlichen transnationalen Projekten der Migranten entsteht eine neue kulturelle Vielfalt.

Diese Vielfalt ordnet sich weder dem nationalen Einheitsmodell noch der Einheitskultur eines "global village" unter und hat genauso wenig mit der kulturellen Vielfalt einer nach nationalen Herkünften sortierten Multikultur zu tun. Kulturelle Globalisierung bedeutet vor allem auch, dass die Kulturen selbst mobil werden und im Prozess dieser Bewegung neu erfunden werden.

Kulturelle Verwandtschaften im globalen Raum

Die deutsch-türkische Jugendkultur in Berlin ist ein Ausschnitt dieser kulturellen Globalisierung. Dabei sind deutsch-türkischer HipHop und Rap nur die spektakulärsten Entwicklungen, die inzwischen auch bei einem deutschen Publikum als musikalische Avantgarde gelten.

Die deutsch-türkischen HipHopper stellen eine Verbindung her zur afroamerikanischen Jugendkultur. Kreuzberg und Brooklyn werden zu Symbolen einer kulturellen Verwandtschaft im globalen Raum.

Und auch diese Entwicklungen haben ihre Entsprechungen auf europäischer Ebene, wo in allen Einwanderungsländern vergleichbare Produktionen der migrantischen Jugend entstehen – eine Bewegung des "European Rap", die in Italien oder Frankreich jeweils unterschiedliche Migrationsgeschichten in den globalen HipHop mit einschreibt.

Gerade die zweite Generation der Einwanderer artikuliert sich inzwischen offensiv in einem öffentlichen Raum und bezieht dabei auch politisch Stellung. Ihre Sprachrohre sind Musiker, Filmemacher und Literaten wie der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der die Kanak Sprak salonfähig gemacht hat, oder die politische Aktionsgruppe Kanak Attak.

Sprache und Kultur der "Ghetto Kids" sind dabei allerdings längst aus dem Ghetto herausgetreten und inzwischen Teil der kommerzialisierten deutschen Multikultur geworden.

Jenseits der Multikulturnostalgie

Das Phänomen der Transnationalisierung lässt sich auch an anderen deutsch-türkischen Orten finden: Cafés und Clubs, die in den teuren Innenstadtvierteln entstehen, sich also mitten im Mainstream etablieren und dennoch ein fast ausschließlich türkisches Publikum, insbesondere aus der etablierten Mittelschicht, ansprechen. Hier läuft türkischer Pop, wie er auch in Istanbul oder Ankara gespielt wird; die Inneneinrichtung ist urban, gestylt.

Hier wird weder das Ghetto inszeniert, noch auf arabeske Folklore gesetzt. Imaginärer Bezugsraum dieser Szene ist die urbane Türkei, die als modern und europäisch verstanden wird.

Auch in Frankfurt und Offenbach gibt es diese Orte, von denen das deutsche Publikum oft wenig mitbekommt. Die deutsche Multikultur hat andere Institutionen: Der sprichwörtliche "Grieche" mit Souvlaki, Sirtaki und Hirtenteppichen an der Wand ist eine solche Institution, in die sich aber kaum je ein Grieche verirrt, wenn er nicht dort arbeitet.

Die jungen Frankfurter Griechen distanzieren sich von solcher Art deutscher Multikulturnostalgie; sie bevorzugen Lokale, die ihrem urbanen, modernen Selbstverständnis mehr entsprechen, die allenfalls an New York oder Athen erinnern, nicht aber an eine romantisierte mediterrane Dorfkultur.

In all diesen Orten und Szenen schreibt sich die Transnationalisierung und die kulturelle Globalisierung unserer Gesellschaft fort und erzeugt eine Vielfältigkeit, die sich weder von internationaler Produktvermarktung noch von nationalen Leitkultur-Entwürfen eindämmen lässt, sondern diese vielmehr immer wieder als Referenzrahmen für Eigenproduktionen aufgreift.

Regina Römhild

© Goethe-Institut, Online-Redaktion

Dr. Regina Römhild ist Mitarbeiterin am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Frankfurt und Kuratoriumsmitglied des Projekts Migration der Kulturstiftung des Bundes.

Qantara.de

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Dossier des Goethe-Insituts "Kulturen in Bewegung"

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