Migranten mit psychischen Problemen

Krankheit im Herzen

Bei psychischen Erkrankungen von Muslimen gibt es besondere Probleme. Viele Ärzte können damit nicht umgehen, und in Deutschland mangelt es an Handlungskonzepten und patientenorientierten Angeboten. Einzelheiten von Cigdem Akyol

Frau bei einer Lichttherapie gegen Depressionen; Foto:dpa
Wie der Rest der Bevölkerung leiden auch viele Muslime unter Depressionen, allerdings erhalten sie nur selten eine adäquate Behandlung.

​​Wenn seine Kinder ihn am Telefon fragen "Wie geht es dir", dann antwortet er: "Gut." Dabei sitzt die Depression wie ein Virus in seinem Körper und wirkt chronisch: kommt und geht, mal schwächer - mal stärker, aber immer da. Yilmaz A., 60 Jahre alt, ist vor 36 Jahren gemeinsam mit seiner Frau aus der Osttürkei ins Ruhrgebiet eingewandert. Der Kurde arbeitete als Schweißer, das Paar bekam drei Töchter, sie leben unauffällig mitten im Ruhrgebiet mit einer Satellitenschüssel, die die heimischen Programme ins Wohnzimmer bringt.

Die Familie ist nicht besonders gläubig, seine Frau trägt kein Kopftuch, seine Töchter sowieso nicht und Herr A. geht nie in die Moschee, er sitzt lieber in der Teestube. Vor zehn Jahren verlor er seinen Job und er suchte sich keinen neuen. Er tauchte gedanklich ab in ferne Welten, seine Psyche geriet aus den Fugen. Herr A. sagt, er habe lange nicht verstanden, was eigentlich los sei, und die Mediziner hätten ihn auch nicht verstanden. Ein Psychiater erkannte dann die Depression, und seitdem nimmt er das Antidepressivum Fluoxetin.

Herr A. ist einer von den 15 Millionen Migranten, die in Deutschland leben. Von denen gehören 3,5 Millionen dem muslimischen Glauben an - damit ist der Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland. Die Mehrheitsgesellschaft interessierte sich viel zu lange nicht für das Leben, das die Fremden neben der Arbeit in Kohlegruben und auf Baustellen führten.

Vorbehalte und Mißtrauen auf beiden Seiten

Es wurde immer von "uns" und "ihnen" gesprochen, Vorbehalte und Misstrauen prägen beide Seiten. Aber die Migranten sind ein Teil dieser Gesellschaft mit ihren Stärken - auch mit ihren Nöten und Sorgen, und natürlich werden auch sie von psychischen Krankheiten befallen wie andere Gruppen auch. Aber die Psychotherapie für Muslime ist im Westen immer noch ein Randthema. Zu fast jedem Detail muslimischen Lebens gibt es eine Statistik: etwa zum Bildungsniveau oder dem Internetverhalten, aber mit dem Seelenheil beschäftigte sich bisher kaum jemand.

Statistische Erhebungen über psychisch kranke Muslime gibt es keine. Als gestern Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt den Bericht über psychisch Kranke vorstellte, blieben Muslime unerwähnt. "Diese Nichtbeachtung trägt auch dazu bei, dass die Zahl der seelisch depressiv erkrankten Muslime zunimmt", beobachtet Meryam Schouler-Ocak, Leiterin des Berliner Bündnisses gegen Depression und Chefin der Psychiatrischen Institutsambulanz an der Psychiatrischen Uniklinik der Charité. Es gebe Untersuchungen, die zeigen, dass gerade Menschen mit Migrationshintergrund seltener Psychotherapie empfohlen werde. Viele würden versuchen, ihre Leiden innerhalb der Familie zu bewältigen, aus Angst, nicht richtig verstanden zu werden.

"Deswegen muss man sich stärker um diese Patienten bemühen", so Schouler-Ocak.

Psychopharmaka in Form von Tabletten; Foto: DW
Generell bedeutet die Verabreichung von Medikamenten nicht die Lösung psychischer Probleme, auch wenn sie in manchen Fällen unterstützend wirken kann.

​​ Natürlich ist für jeden Menschen die Hürde sehr hoch, sich ein psychisches Problem einzugestehen, und vor allem, sich Hilfe zu suchen. Aber wie ist jemandem zumute, der einen Arzt oder Therapeuten aufsucht, der ihn kaum versteht, ob sprachlich oder kulturell? Um Fachleuten und Patienten für solch schwierigen Situationen eine Orientierung zu bieten, hat das Rüsselsheimer Therapeutenpaar Ibrahim Rüschoff und Malika Laabdallaoui einen "Ratgeber für Muslime" geschrieben.

Umweg als Lösungsweg

Es gebe Betroffene, die aus Scham aus anderen Bundesländern oder dem Ausland nach Rüsselsheim fahren, berichtet Rüschoff, der als Oberarzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie arbeitete und nun mit seiner Frau, einer Diplompsychologin, eine eigene Praxis führt. In einem kulturellen Umfeld, in dem die Wahrung des Gesichts und der Ehrbegriff einen hohen Stellenwert haben, nehmen Menschen in Not gern weite Wege auf sich, um bloß keine Bekannten anzutreffen. Gründe für diese Geheimhaltung liegen neben der Kultur auch in der Religion: Die Privatsphäre hat im Islam einen sehr hohen Stellenwert. Familiäre und intime Details sollen nicht mit Außenstehenden besprochen werden.

Praktizierende Muslime befürchten, mit ihren Problemen nicht ganz ernst genommen zu werden und dass ihnen daher nicht geholfen werden kann, erklärt Rüschoff. Natürlich sei das auch ein Reflex, um eine Therapie zu umgehen, aber das Misstrauen sei nicht ganz unbegründet, schiebt er hinterher. "Denn auch Therapeuten sind ein Abbild der Gesellschaft und haben viele Vorurteile gegenüber dem Islam." So könne es sein, dass das Tragen eines Kopftuchs von einigen Kollegen als überflüssig bezeichnet oder andere religiöse Riten nicht ernst genommen werden würden. Eine Einstellung mit Folgen: "Die Patienten haben Angst, dass ihnen jemand ihren Glauben wegtherapieren will, und meiden den Fachmann", weiß Rüschoff.

In Deutschland mangelt es an Handlungskonzepten und patientenorientierten Angeboten - etwa an muttersprachlichen Beratungen. Es gibt zwar vereinzelte Projekte wie den Arbeitskreis türkischsprachiger Psychotherapeutinnen und die Deutsch-Türkische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosoziale Gesundheit, die bei der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung türkischstämmiger Migranten behilflich sind.

"Mitfühlen allein reicht nicht"

Von einem flächendeckenden Angebot an Migranten kann jedoch nicht die Rede sein. Denn es fallen diejenigen durch das System, die zwar Muslime, aber keine Türken sind. Natürlich geht es bei einer guten Behandlung nicht um die Religionszugehörigkeit des Therapeuten, doch wer den Glauben seines Patienten versteht, kann Berührungsängste besser abbauen. Dass Muslime aber nur durch Muslime am besten behandelt werden können, lehnt Rüschoff ab. "Mitfühlen allein reicht nicht. Ein guter nichtmuslimischer Therapeut kann seine Wissenslücken leichter ausgleichen als ein schlechter muslimischer Therapeut seine fachlichen Defizite."

Aber um Krankheitsverläufe besser verstehen zu können, kann eine religiöse Anamnese hilfreich sein, denn das Krankheitsverständnis im Islam unterscheidet sich von dem in der westlichen Welt.

Der Koran; Foto: dpa
"Der Koran ist kein Medizinbuch. Doch finden sich in ihm Angaben über das Verhältnis zwischen Heilmittel, Heilwirkung und Gott sowie Anweisungen über das Pflichtgebet im Krankheitsfall, welche die Entstehung des muslimischen Krankheitsverständnisses prägen."

​​So kennt der Koran die "Krankheit im Herzen", was eine Störung des seelischen Gleichgewichts bedeutet. Geheilt werden kann diese Störung nach islamischem Verständnis nur, wenn das Gleichgewicht auf seelischer, leiblicher und sozialer Ebene wieder hergestellt wird. Der Koran ist kein Medizinbuch. Dennoch finden sich in ihm Angaben über das Verhältnis zwischen Heilmittel, Heilwirkung und Gott sowie Anweisungen über das Pflichtgebet im Krankheitsfall, welche die Entstehung des muslimischen Krankheitsverständnisses prägen. Weil der Glaube auch bei der Gesundung helfen kann, schließen viele Ärzte in den USA die religiöse Biografie der Hilfesuchenden ein.

Im Gegenzug ist denkbar, dass die Religion und die Einbindung in die Gemeinde - neben Psychotherapie oder der Gabe von Psychopharmaka - eine wichtige Stütze für psychisch erkrankte Gläubige sein könnte. Allerdings fehlt noch in vielen Moscheegemeinden das Verständnis für psychische seelische und Therapien. Es gibt in vielen islamischen Kulturen einen ausgeprägten Dschinnen-, also Geister-Glauben.

Besonders für Symptome wie Halluzinationen, "Stimmen-Hören" werden daher übersinnliche Kräfte oder der "böse Blick" (türkisch: Nazar) verantwortlich gemacht. Weil dieser Volksglaube weit verbreitet ist, suchen viele Muslime mit psychischen Sorgen zunächst einmal einen vertrauten Imam oder Hodscha auf. Im Gegensatz zu einem Imam, der als Prediger und Vorbeter in der Moschee tätig ist, haben Hodschas selten eine theologischen Ausbildung. Sie verkaufen etwa Kräuter, die angeblich heilen.

Herr A. kann sich für solche Behandlungsmöglichkeiten nicht begeistern. Seine Depressionen haben sich verschlimmert, deswegen hat er im letzten Jahr vieles probiert - neue Psychopharmaka und eine stationäre Therapie. Dann verschwindet er immer wieder im Nebel von Medikamentenbehandlungen, die Diazepam oder Atosil heißen. Geholfen hat es bisher wenig. "Ich verstehe die nicht", sagt Herr A. "und die mich auch nicht."

Cigdem Akyol

© Die Tageszeitung 2009

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