Die Filmregisseurin Ghazaleh Soltani sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Irna zu den Lösungsvorschlägen des HdK: "Manchmal schwirren seltsame Ideen in den Köpfen der Verantwortlichen des HdK herum.“ Das Problem sei nicht in "Altherrenmanier“ zu lösen. Es müsse an der Wurzel gepackt und könne nicht einfach "weggewünscht“ werden.

Ensieh Khazali, als Stellvertreterin des iranischen Staatspräsidenten zuständig für Frauenfragen, forderte laut der Nachrichtenagentur Imena, "die Würde der Künstlerinnen zu schützen“. Die "wertvolle Präsenz von Frauen“ in der Filmbranche dürfe keinen Schaden erleiden. "Seit vier Jahrzehnten arbeiteten unsere Frauen Schulter an Schulter mit Männern und sind bemüht, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur des Landes voranzubringen.

Wir sind verpflichtet, uns mit jeglicher Verdorbenheit und Misshandlung, seien sie administrativer, finanzieller oder moralischer Art, auseinanderzusetzen und wir werden hier keinerlei Zugeständnisse machen.“ Khazali lud die Unterzeichnerinnen zu einem Gespräch ein: "Als Stellvertreterin des Staatspräsidente, die zuständig ist für Frauen und Familienfragen, halte ich es für notwendig, auf die Forderungen der Künstlerinnen im Bereich des iranischen Kinos einzugehen und ein offenes Ohr für sie zu haben, um am Schutz der Würde von Frauen in diesem Bereich mitzuwirken.“

Das Ministerium für Kultur und islamische Führung reagierte auf die Erklärung der Filmschaffenden mit der Errichtung eines Rates für Berufsethik und forderte, den Schutz durch das HdK zu erweitern.

Der Abgeordnete Morteza Mahmoudvand erklärte im iranischen Parlament: „Eine Künstlerin sagt offiziell in einem Interview, sie sei Backstage sexuell belästigt und genötigt worden. Als sie protestiert habe, habe der Täter, eine namhafte Person in der Filmbranche, sie geschlagen. Ich frage: Wer ist dieser unverschämte Lump, der es wagt, sich in einem islamischen Land, das Märtyrer hervorgebracht hat, so aufzuführen?“ Wenn die zuständigen Behörden mit solchen Typen nicht fertig werden könnten, stünden "die Kämpfer und Verteidiger der Ehre der iranischen Nation“ (ein Synonym für die Schlägertrupps der Hizbollah – Anm. der Redaktion) bereit und könnten einspringen, so Mahmoudvand.

Kritik an den Unterzeichnerinnen

Die Regisseurin und Drehbuchautorin Chista Yasrabi hat vor 15 Jahren sexuelle Gewalt erfahren. Sie wurde damals von einem namhaften Kollegen, mit dem sie an einem Drehbuch arbeitete, aufgefordert, bei ihm zuhause weiterzuarbeiten, es seien auch andere Personen dort. Doch dem war nicht so.

Als sie dort an dem Drehbuch arbeitete, packte der Mann sie von hinten und wollte sie mit Gewalt nehmen. Sie wehrte sich und wurde geschlagen. "Ich habe einen Gegenstand auf dem Tisch gepackt und mit Wucht gegen das Fenster geworfen, so dass es laut krachte. Der Hausmeister kam und ich wollte gehen, aber mein Kollege weigerte sich, mir meine Tasche zu geben. Das Haus lag am Stadtrand, es war dunkel und mein Geld war in der Tasche. Ich bin ohne Tasche weggerannt. Ein Motorradfahrer hatte Erbarmen mit mir und brachte mich nach Hause.“

Yasrabi hat ihren Belästiger verklagt und verloren, weil sie kein ärztliches Attest hatte, um den Vorfall beweisen zu können. Nach der Erklärung der Filmschaffenden hat sie nun öffentlich über den Fall gesprochen, ohne den Täter namentlich zu nennen.

Auf Instagram kritisiert Yasrabi die Unterzeichnerinnen scharf, weil sie sie damals nicht unterstützt hätten: "Ihr seid ein Pack von Lügnerinnen und Opportunistinnen! Wie wagt ihr es, heute diese Position einzunehmen? Damals habt ihr mir gesagt: Du sollst schweigen! Das Haus des Kinos sagte: Wenn Du nicht schweigst, werden wir Dich zum Schweigen bringen! Ich habe 15 Jahre lang in Furcht, Panik und Stress verbracht, und ihr habt Ehen auf Zeit abgeschlossen, wurdet Liebespartnerin für eine Stunde oder einen Tag! Habt Preise erhalten, seid als keusche, würdevolle und mit Tüchern gut verhüllte Ehrendamen des Kinos gelobt worden. Ihr habt Eure Seelen und Körper verkauft und habt mich als verrückt gebrandmarkt.“

Auch andere Frauen haben die Erklärung der Filmschaffenden nicht unterzeichnet, weil sie sich vor einer weiteren Einengung fürchten. Die Filmproduzentin und Regisseurin Manijeh Hekmat etwa sieht darin eine "Falle“. Die Machthaber würden so die Gelegenheit haben, bei Film-Produktionen die Sittenpolizei wie auf der Straße überprüfen zu lassen, ob das Kopftuch richtig sitzt oder einige Haarsträhne zu sehen sind und ob die Crew richtig gekleidet ist.

Hekmat hat vor fünf Jahren den Spielfilm "Jaddeh Ghadim“ über eine Vergewaltigung gedreht. Sie versichert, dass es schwierig ist für Frauen, Täter anzuzeigen. Alle Expertinnen und Experten würden meinen, dass bei der derzeitigen Gesetzeslage und Arbeitsweise der Justiz Frauen den größten Schaden erleiden, wenn sie gegen einen Vergewaltiger einen Prozess führen. Auch Anwälte hätten davon abgeraten.

Ihre Tochter Pegah Ahangarani, Schauspielerin und Dokumentarfilmerin, überzeugten diese Argumente offenbar nicht. Sie gehört zu den Erstunterzeichnerinnen der Erklärung  filmschaffender Frauen.

Nasrin Bassiri

Die Forderungen der filmschaffenden Frauen im Iran sind bisher vom Internationalen Frauen Film Dortmund/Köln und vom Verband der deutschen Filmkritik unterstützt worden.

© Iran Journal 2022

Die Redaktion empfiehlt