Menstruation ist nichts, wofür sich ein Mädchen schämen muss: Szene aus der #HelpSaira-Storyline.

Menstruation in Pakistan
Was alle Mädchen wissen sollten

In Pakistan haftet der Menstruation ein Stigma an. Ein neues Online-Angebot hilft dabei, das zu ändern, indem Mädchen spielerisch Informationen und Tipps erhalten. Von Mahwish Gul

In einigen Ländern ist es ein Grund zum Feiern, wenn ein Mädchen zum ersten Mal seine Periode bekommt. Die internationale Hilfsorganisation ActionAid nennt Fidschi als Beispiel. Am vierten Tag der ersten Periode bereitet dort die Familie des Mädchens ein Fest vor, um seinen Eintritt in die Weiblichkeit zu feiern. In manchen Gegenden in Brasilien können sich die Mädchen zu Beginn der Menstruation eine Auszeit nehmen, um etwas über sich selbst und ihre Herkunft zu lernen. Danach werden sie mit einem Fest wieder willkommen geheißen. Und in Teilen Südindiens wird die erste Periode eines Mädchens, die sogenannte Menarche, mit einer Erwachsenwerden-Zeremonie gefeiert, bei der das Mädchen Geschenke erhält und ein traditionelles Sari-Gewand trägt.

In Pakistan ist das ganz anders: Alles, was mit Menstruation zusammenhängt, ist mit Scham und Tabu belegt. Niemand spricht darüber. Tatsächlich erfahren nur wenige Mädchen überhaupt rechtzeitig, dass sie eines Tages menstruieren werden. Generell verdienen Frauengesundheit und Sexualerziehung in Pakistan wesentlich mehr Aufmerksamkeit.

Fast zwei Drittel der pakistanischen Mädchen wissen vor ihrer ersten Periode nicht, was Menstruation bedeutet. Dies geht aus einem Bericht hervor, den der Population Council mit Sitz in New York zusammen mit UK Aid und dem UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) 2019 veröffentlicht hat. Wüssten Jungen und Mädchen im Voraus, welche körperlichen Veränderungen die Pubertät mit sich bringt, könnten sie sich besser auf das Erwachsenwerden vorbereiten, so der Bericht. Dies könne sie vor Stress bewahren.

Die erste Regelblutung ist oft ein Schock

Ohne Vorwissen ist das Einsetzen der ersten Regelblutung ein Schock. Ein 13-jähriges Mädchen erinnert sich an den Beginn ihrer Periode so: "Ich dachte, das passiert nur mir. Ich dachte, meine Mutter würde wütend, wenn sie das erfährt. Ich dachte, sie würde sagen, dass es passiert, weil ich mir etwas angetan habe.“
 

Solche Ängste und Missverständnisse sind weit verbreitet. Stigmatisierung und Unwissenheit können großen Schaden anrichten. Vor allem Angst und Scham führen zu emotionaler Belastung und wirken sich oft negativ auf die schulischen Leistungen der Mädchen aus. Nach Angaben von UNICEF führen falsche Vorstellungen über Menstruation dazu, dass viele Mädchen ganz normale Aktivitäten meiden, wie mit anderen zu spielen oder zur Schule zu gehen.

In einer Gesellschaft, die Menstruation stigmatisiert, ist es nicht sinnvoll, sich auf die Mütter oder älteren Schwestern der Mädchen zu verlassen, wenn es darum geht, die nötigen Informationen weiterzugeben und emotionale Unterstützung zu leisten. Denn die älteren Mädchen und Frauen haben das Stigma oft verinnerlicht. Sie reproduzieren die patriarchale Sichtweise, die Scham und Angst aufrechterhält. Darüber hinaus sind sie oft selbst nicht gut informiert und geben schlechte Hygienepraktiken unbeabsichtigt weiter. Das birgt erhebliche gesundheitliche Risiken. Laut UNICEF kann eine schlechte Menstruationshygiene Gesundheitsrisiken bergen und wird mit Infektionen der Geschlechtsorgane und der Harnwege in Verbindung gebracht.

Die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschärft. Beispielsweise haben Schulschließungen den Zugang der Mädchen zu Informationen und Hygieneartikeln eingeschränkt. Und manche Eltern, die durch die Pandemie in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, mussten ihre Ausgaben für Hygieneartikel kürzen.

Konstruktiver Dialog über das Erwachsenwerden

Anstatt das Thema Menstruation weiterhin zu stigmatisieren, sollte Pakistan einen Dialog fördern, der das Erwachsenwerden von Mädchen normalisiert und ihnen dabei hilft, die Veränderungen in ihrem Körper zu verstehen. Dazu können auch Online-Plattformen beitragen, die Informationen über Gesundheits- und Hygienethemen im Zusammenhang mit der Menstruation vermitteln. Ihnen kommt zugute, dass viele Pakistaner aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen neue Wlan-Anschlüsse installiert und Smartphones gekauft haben. Viele informieren sich verstärkt online oder nutzen Online-Shopping.

Informationen ins Internet zu stellen ist sicherlich kein Allheilmittel, schließlich können sie ungenau, zu technisch oder unvollständig sein. Einige Online-Angebote treffen aber den richtigen Ton und verwenden Formate, mit denen junge Mädchen etwas anfangen können. Eines dieser Angebote ist die Browser-App #HelpSaira, die ich gemeinsam mit dem East-West Center Hawaii entwickelt habe, mit technischer Unterstützung des Center for Communication Programs Pakistan, einer PR-Organisation.

 

 

 

#HelpSaira gibt es sowohl auf Englisch als auch auf Urdu. Saira ist ein fiktives Mädchen, das mit der Menstruation zu kämpfen hat. Sie ist in der App als illustrierte Figur dargestellt. Die Userinnen sollen Saira "helfen“, indem sie einige grundlegende Fragen zu Menstruation und der richtigen Hygiene beantworten. Die Idee dahinter ist, den Nutzerinnen korrektes Wissen über die biologischen Fakten und Hygienepraktiken zu vermitteln. Die richtigen Antworten können im Verlauf der Geschichte ausgewählt werden.

#HelpSaira ist als interaktive Geschichte erzählt, die aus drei Episoden besteht. Sie beginnt damit, dass Saira zum ersten Mal ihre Periode bekommt. Wie viele andere Mädchen weiß sie nicht, was mit ihr passiert und wie sie damit umgehen soll. Die Geschichte zeigt, wie Saira Hilfe und Ratschläge von ihrer Familie, ihren Freundinnen und ihrer Lehrerin erhält. Gegen Ende der Geschichte hilft sie anderen: Sie setzt sich dafür ein, dass alle Mädchen über Menstruation informiert werden und dass ihre Schule einen angemessenen Sanitärbereich und Damenbinden zur Verfügung stellt.

Das Angebot richtet sich an Mädchen im Teenageralter und soll ihnen Wissen vermitteln und ihr Selbstvertrauen stärken. Vor allem macht es klar, dass Mens­truation nichts Schändliches oder Falsches ist. Die App zeigt, wie Eltern, Lehrer und andere Mädchen reagieren sollten, wenn ein Mädchen zum ersten Mal seine Periode bekommt: indem sie ihre Unterstützung anbieten und das Mädchen nicht ausgrenzen.
 

 

Sairas Geschichte räumt auch mit verschiedenen Mythen und falschen Vorstellungen über Menstruation auf, die wir in Gesprächen mit Mädchen gesammelt haben. Alle Teenager – ob männlich oder weiblich – sollten rechtzeitig lernen, dass Frauen normalerweise etwa einmal im Monat menstruieren, es sei denn, sie sind schwanger, sie haben vor kurzem entbunden oder sie sind nicht im gebärfähigen Alter.

Das ist etwas Natürliches und nichts, wofür man sich schämen müsste. Manche Frauen haben während ihrer Periode Schmerzen oder ihnen ist übel, aber sie bleiben trotzdem vollwertige und voll verantwortliche Personen. Gleichzeitig sind Körperpflege und Hygiene sehr wichtig. Alle Mädchen müssen solche Dinge wissen, damit sie selbstbewusste Erwachsene werden. Und wenn aus Jungen einmal Männer werden sollen, die Frauen respektieren, dann müssen auch sie darüber Bescheid wissen.

Ein Angebot wie #HelpSaira kann der Beginn eines größeren schulischen Programms zur Aufklärung von Mädchen (und Jungen) über Menstruation sein. Es kann helfen, dieses kulturelle Tabu zu brechen, doch das wird nicht einfach sein: Auf unserer Website finden sich bereits Hasskommentare, die uns vorwerfen, eine "ausländische Agenda“ zu verfolgen, um die einheimische Kultur zu untergraben. Nach und nach könnte es der pakistanischen Gesellschaft aber gelingen, alte Tabus zu überwinden und den Beginn der Pubertät bei Mädchen endlich als etwas zu sehen, das man feiert – und nichts, vor dem man sich fürchten muss.

Mahwish Gul

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