Die Rolle solcher Auftragstrolle bestand darin, jede Meinungsäußerung ausfindig zu machen, die ihren Überzeugungen zuwiderlief, und dann auf deren Autor*in einen Schwall dutzender, manchmal sogar hunderter Kommentare einprasseln zu lassen.

Bei den meisten davon handelte es sich um frei erfundene Anschuldigungen und bizarre Lügengebilde über das Privatleben der Autor*innen. Mal wurde der Vater der betreffenden Person der Verübung von Kriegsverbrechen bezichtigt, mal war deren Mutter eine die gesellschaftlichen Werte bedrohende Freudenhaus-Tänzerin. Keine Lüge war zu krude oder unwahrscheinlich, um nicht ins Spiel gebracht zu werden. Hauptsache, der Ruf derjenigen Personen, die es wagte, einen Text aus einem innovativen Blickwinkel zu schreiben, wurde in den Schmutz gezogen.

„Das Beschneiden der Meinungsfreiheit korrespondiert mit dem Beschneiden der Gedankenfreiheit“

In einem Artikel mit dem Titel „Islam, Freiheit, Kreativität – freier Zugang zu Rechten ja, aber kein Freibrief für Ausschweifungen“ schreibt der islamische Rechtsgelehrte Yusuf al-Qaradawi zum Thema Freiheit der Rede und der Kritik: „Der Islam gesteht die Freiheit der Rede und der Kritik zu, ja er hat sie zu etwas transformiert, was über die Freiheit hinausgeht. Denn er hat die Rede und die Kritik – wenn es zum Wohle der Umma (also der Gemeinschaft der Muslime), zum Wohle der Moral ist – zu einer Verpflichtung erhoben.“

Wie bereits dem Titel des Artikels zu entnehmen ist, gibt es eine Freiheit, die zu Ausschweifungen führt. Eine solche wird als verwerflich angesehen. Kritik ist an die Bedingung gebunden, dass sie zum Wohle der Umma erfolgen muss. Wie lässt sich dieses Wohl definieren? Und was ist unter Umma genau zu verstehen? Und warum Umma und nicht Staat? All das sind inhaltsleere Schlagworte.

Proteste ägyptischer Journalisten in Kairo; Foto: picture-alliance/Zumapress/A. Sayed
Wenn die Flügel der Phantasie, des Denkens und der Kreativität gestutzt werden: In einer Zeit der Ineffizienz arbeitet die gesellschaftliche Maschinerie zur Knebelung der Phantasie auf höchst effiziente Weise. In den arabischen Gesellschaften wird nur gefeiert und bejubelt, was banal und oberflächlich ist, was sich nicht ernsthaft mit den großen Gedanken auseinandersetzt, moniert Khaled al-Khamissi.

Nach dem Muster solcher Artikel sind zehntausende, wenn nicht hunderttausende von Online-Kommentaren gestrickt. So bin ich auch heute wieder unter einem Artikel, der sich auf neues Terrain vorwagt, auf folgende Fragen und Kommentare gestoßen, verfasst von ganz normalen Menschen ohne Verbindung zum politischen Betrieb:

Sind Sie Fachmann für das Thema?

Sie scheinen offensichtlich jemand mit hohem Geltungsdrang zu sein.

Handeln Sie im Auftrag ausländischer Geldgeber?

Verachten Sie den Islam?

Sie stellen die tief verwurzelten Werte der Gesellschaft in Frage.

Was Sie schreiben, ist eine Bedrohung für die nationale Sicherheit.   

Haben Sie konkrete Alternativen anzubieten, oder kritisieren Sie einfach nur um des Kritisierens willen?

Haben Sie praktische Lösungen, die sich umsetzen lassen?

Was sind Ihre Quellen?

Sind Sie Rassist?

Sind Sie Atheist?

Viele bedienen sich des Terminus „Agenda“, der in den letzten zehn Jahren zu einem Modebegriff geworden ist. So liest man etwa: Sie verfolgen eine ausländische Agenda. Oder: Was ist Ihre Agenda?

Wir haben es hier mit einem vorgefertigten Arsenal an Sätzen und Fragen zu tun, deren Hauptfunktion darin besteht, der Phantasie all jener, die schreiben, Zügel anzulegen und sie daran zu hindern, neue Ideen zu veröffentlichen.

In einer Zeit der Ineffizienz arbeitet die gesellschaftliche Maschinerie zur Knebelung der Phantasie auf höchst effiziente Weise. Und gemahnt mich an die Aussage Kants, wonach das Beschneiden der Meinungsfreiheit mit dem Beschneiden der Gedankenfreiheit korrespondiert.

Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der misslichen Lage, in der sich die arabischen Gesellschaften befinden: Indem man sich vor Augen führt, wie alle Bewohner*innen der arabischen Welt immer wieder an eiserne Grenzen stoßen, wie ihnen die Flügel der Phantasie, des Denkens und der Kreativität gestutzt werden.

In den arabischen Gesellschaften wird nur gefeiert und bejubelt, was banal und oberflächlich ist, was sich nicht ernsthaft mit den großen Gedanken auseinandersetzt. Während Texte, die Fake-News verbreiten, Hochkonjunktur haben, geht der Traum vom Fortschritt in die Brüche.

Khaled al-Khamissi

© Qantara.de 2020

Übersetzt aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

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