Diese Gesellschaften fördern es geradezu, dass ihre Mitglieder sich in die Angelegenheiten anderer Individuen einmischen und deren Verhalten moralisch beurteilen. In den meisten Fällen sind es die Ungebildetsten und Rückständigsten, die am hemmungslosesten ihre Nase in das Leben ihrer Mitmenschen stecken.

Einige sehen den Grund für das dreiste Verhalten dieser Personen darin, dass sie die im Islam überlieferte Doktrin von der „Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasterhaften“ so verstehen, wie sie sich im folgenden Hadith manifestiert: „Wer von euch etwas Lasterhaftes sieht, der soll es mit eigener Hand verändern, und wenn er das nicht vermag, dann mit den Worten seiner Zunge, und wenn er auch das nicht vermag, dann mit dem Wunsch seines Herzens. Dies ist die schwächste Form des Glaubens.“

Leider hinterfragen die sich einmischenden Personen meist nicht, weshalb ausregerechnet sie dazu qualifiziert sein sollten, Lasterhaftigkeit zu definieren.

Die gesellschaftliche Identität ist nichts Feststehendes

Letztendlich führen die Mitglieder von konservativen Gesellschaften unentwegt das Wort „Identität“ im Munde. Sie setzen voraus, dass diese gesellschaftliche Identität eine feststehende, unabänderliche Identität ist. Diese anzutasten bedeutet für sie den Untergang des Schiffes, ein Zerbersten des sozialen Gefüges, einen Verfall der Werte.

Der ägyptische Schriftsteller Khaled al-Khamissi; Foto: Screenshot Youtube / France 24
Khaled al-Khamissi ist ein bekannter ägyptischer Schriftsteller, Autor mehrerer Romane, Hochschuldozent und Kulturaktivist. In seinen Romanen "Im Taxi. Unterwegs in Kairo", "Arche Noah" (beide in deutscher Übersetzung erschienen) und "Shamandar" seziert al-Khamissi die ägyptische Gesellschaft in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2014 erschien sein erstes nicht-fiktionales Werk "2011" (Titel der englischen Übersetzung). Seine in Ägypten und im Ausland publizierten Essays gewähren einen vielseitigen Einblick in sein Schaffen als politischer Analyst und Romancier.

Mit dem Erstarken islamistischer Strömungen ab den späten 1970er Jahren beschränkte sich die Sache nicht mehr nur auf die Einmischung des allgegenwärtigen Portiers in den Lebenswandel dieses und jenes Bewohners von Etage X. Nun begannen ganze Heerscharen von Rechtsanwälten, die jenen Strömungen nahe standen, Anklage gegen all jene zu erheben, die etwas schrieben, was ihresgleichen gegen den Strich ging.

In den 1990er Jahren übernahmen diese Funktion dann zunehmend Cyber-Schwadrone, die sich das Internet zunutze machten, um den User*innen repressive Attitüden gegen jedwede neuartigen Ideen anzutrainieren und zum Angriff auf Freiheitsliebe und Kreativität zu blasen. Es war die Zeit, in der die Printmedien damit begannen, Online-Angebote mit Kommentarfunktion zu etablieren.

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