Auch in Sachen Giftgas und Chlorin gibt es eine öffentliche Faktenlage. Von 39 seit 2013 dokumentierten Fällen schreibt die unabhängige UN-Untersuchungskommission 33 dem Regime zu, für die übrigen sechs lässt sich keine eindeutige Täterschaft nachweisen.

Wann immer in Syrien Sarin eingesetzt wurde, stammte es aus den Beständen des Regimes. Das ergab ein Abgleich der Proben mit den Stoffen, die Damaskus der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) zur Vernichtung übergeben hatte. Daneben dokumentiert die UN-Kommission seit Jahren die gezielten Angriffe des Regimes und seiner Unterstützer auf zivile Infrastruktur, insbesondere Krankenhäuser, das Aushungern von Zivilisten als Kriegswaffe sowie die systematische Vernichtung von Zivilisten in den Haftzentren des Regimes.

Berichte internationaler Nichtregierungsorganisationen wie Human Rights Watch, Amnesty International und Ärzte ohne Grenzen bestätigen diese Methoden, die juristisch in die Kategorien Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit fallen. Gegen Assads persönlichen Sicherheitsberater Ali Mamlouk und Luftwaffengeheimdienst-Chef Jamil Hassan liegen deshalb internationale Haftbefehle vor.

Wachsender Glaube an Verschwörungstheorien

Und doch vertraut eine wachsende Zahl "kritischer Bürger" im Internet kursierenden Verschwörungstheorien mehr als einer UN-Untersuchung, die wissenschaftliche Standards erfüllen muss. Etwa im Fall des Sarin-Angriffs auf Khan Sheikhoun am 4. April 2017 mit mehr als 80 Toten. Obwohl das Expertenteam von OPCW und UN nach der Auswertung aller Hinweise – Uhrzeit, Einschlagkrater, Luftangriff, Symptome der Opfer, Blut- und Bodenproben – die syrische Regierung für den Angriff verantwortlich macht, halten sich andere Darstellungen hartnäckig.

Bombardements von Duma im April 2018; Foto: picture-alliance/Xinhua
Unwiderlegbare Fakten statt Fake-News und "gefühlte Wahrheiten": In der lange von Rebellen kontrollierten syrischen Stadt Duma wurde nach Erkenntnissen des UN-Menschenrechtsrats im April 2018 Giftgas eingesetzt. Die vorliegenden Hinweise ständen in Einklang mit dem Gebrauch von Chlorgas, hieß es in einem im Juni in Genf veröffentlichten Bericht zum Kampf um das ehemalige Rebellengebiet Ost-Ghouta nahe der Hauptstadt Damaskus. Symptome bei Verletzten stimmten zudem mit dem Gebrauch eines weiteren chemischen Stoffes überein.

Werden diese von renommierten Journalisten oder Wissenschaftlern unterstützt, erscheinen sie umso glaubhafter, selbst wenn sich diese Experten auf zweifelhafte Quellen stützen und ihre Behauptungen durch den Untersuchungsbericht eindeutig widerlegt sind. Das Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen und Medien ist offensichtlich so groß, dass einzelne "Wahrheitsfinder" als mutige Underdogs gefeiert werden, egal welchen Müll sie erzählen.

Dies gilt auch für deutsche Professoren, die behaupten, sämtliche Chemiewaffenangriffe hätten "unter falscher Flagge" stattgefunden und damit den Boden der Wissenschaftlichkeit verlassen. Als Überzeugungstäter sind sie für die Verbreiter von Fake-News besonders effektive Propagandainstrumente. Ein Wissenschaftler, der glaubt was er sagt, wenn er Lügen verbreitet, ist das beste, was Russia Today, Sputnik oder Fox News passieren kann. Denn seine abstrusen Behauptungen erfüllen den Zweck jeder Desinformationskampagne: Zweifel an der Wahrheit zu säen bis diese als eine von mehreren möglichen Versionen erscheint.

Redaktionen, die im Syrien-Konflikt nur die Positionen der Kriegsparteien verlautbaren ohne sich die Mühe zu machen, diese mit einfach zu recherchierenden Fakten abzugleichen, werden Teil des Spiels. Morgens Experte A und nachmittags Experte B zu interviewen, hat nichts mit neutraler Berichterstattung zu tun, sondern entlarvt die eigene Unfähigkeit, Fake-News zu erkennen.

Wie also können wir der Wahrheit im Krieg Geltung verschaffen? Indem wir unterscheiden: Wahrnehmungen müssen wir versuchen zu verstehen, Analysen kontrovers diskutieren, aber Tatsachen sind zu respektieren – auch in Syrien.

Kristin Helberg

© taz.de 2018

Dieser Beitrag erscheint in der Wochenendausgabe der „tageszeitung“ am 17./18.11.2018.

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