Mazen Kerbaj: "Beirut Won't Cry"

"Die Bomben fallen und wir bellen"

Mazen Kerbajs Buch "Beirut wird nicht weinen", das er bereits vor elf Jahren verfasste, ist jetzt auch auf Englisch erschienen. Es enthält Blogeinträge, Textfragmente und Zeichnungen, die während einer kreativen Schaffensphase im libanesischen 33-Tage-Krieg entstanden sind. Marcia Lynx Qualey hat es gelesen.

Am 12. Juli 2006 brach der libanesische Juli-Krieg aus, und zwei Tage später eröffnete Mazen Kerbaj seinem Blog. Damals drangen Truppen der Hisbollah aus dem südlichen Libanon nach Israel ein, wo sie drei Soldaten töteten und zwei weitere entführten. Israel rächte sich nicht nur an der Hisbollah, sondern am ganzen Land – mit einem großen "Bang": Überall im Libanon wurden Brücken, Gebäude und andere Ziele bombardiert, darunter auch der größte Flughafen des Landes. Wie viele libanesische Zivilisten während des Krieges umgekommen sind, ist nicht genau bekannt. Klar scheint zu sein, dass es auf israelischer Seite etwa 44 zivile Opfer gab – aber Kerbaj widmet sein Buch den "1.187 nummerierten Kisten".

"Beirut Won’t Cry" gibt Kerbajs Kriegstagebuch so detailgetreu wieder, dass sogar die ursprünglichen Rechtschreib- und Grammatikfehler noch zu finden sind. Obwohl das Buch größtenteils aus Zeichnungen besteht, gibt es auch einige Seiten mit Text, die meist dann entstanden, als Kerbaj keine gute Internetverbindung hatte. Sämtliche Zeichnungen sind erfüllt von wütenden, ängstlichen und lärmenden Kreativitätsschüben dieser sechs Wochen. Seinen Blog hat Kerbaj auf Englisch verfasst, die Texte in seinen Zeichnungen wechseln jedoch ständig zwischen Englisch, Arabisch und Französisch.

Wie der gefeierte Graphic-Novel-Autor Joe Sacco in seiner Einleitung schreibt, entstand das Buch "in extremis, unter Bombenbeschuss. Als Mazen [Kerbaj] den Stift in die Hand nahm, wusste er nie, was morgen oder auch nur in der nächsten Stunde sein würde". Obwohl die Leser des Jahres 2017 wissen, wie der Krieg ausgegangen ist, vermittelt das Buch sehr gut die alltägliche Dringlichkeit der damaligen Lage. Nach elf Jahren Abstand vermittelt dies beim Lesen allerdings ein etwas hilfloses Gefühl: Wir hören, wie Kerbaj uns zum Handeln aufruft und uns bittet, seine Botschaft zu verbreiten. Aber dazu ist es jetzt über ein Jahrzehnt zu spät.

Buch-Cover Mazen Kerbaj: "Beirut won't cry"; Verlag Fantagraphics
"Obwohl die Leser des Jahres 2017 wissen, wie der Libanonkrieg ausgegangen ist, vermittelt Kerbajs Buch sehr gut die alltägliche Dringlichkeit der damaligen Situation. Nach elf Jahren Abstand vermittelt dies beim Lesen allerdings ein etwas hilfloses Gefühl: Wir hören, wie Kerbaj uns zum Handeln aufruft und uns bittet, seine Botschaft zu verbreiten. Aber dazu ist es jetzt über ein Jahrzehnt zu spät", schreibt Marcia Lynx Qualey.

Alle Texte wurden von Kerbaj selbst übersetzt. Nachdem er bereits über ein Dutzend Graphic Novels – meist auf Französisch – veröffentlicht hat, darunter auch eine französische Sprachversion dieses Buches, sehen wir hier nun sein lang erwartetes englisches Debüt.

Kunst gegen Krieg

Am 19. Juli, eine Woche nach den ersten Bomben auf Beirut, zeichnete Kerbaj ein Selbstporträt. Er stellt sich mit dunklen, scharfen Linien dar, die aus einem vergrößerten, unförmigen Fenster kommen. Mit seinem unnatürlich dünnen, verlängerten Arm hält er einen Stift in die Höhe. Über ihm, zwischen riesigen Sternen, fliegen in enger Formation zwei Flugzeuge. Seine Augen sind von tiefen Ringen gezeichnet, und er schreit aus seinem Fenster heraus: "Kommt runter, ihr Feiglinge! Ich töte euch alle mit meinem Stift!" Damit wir aber dieses Bild nicht zu ernst nehmen, ertönt aus dem dunklen Fenster darunter eine anonyme Stimme: "Halt doch's Maul!"

Dieser – sowohl ernste als auch selbstkritische – Versuch, sich zu wehren, verändert sich allmählich. In einigen Blogeinträgen ruft Kerbaj seine Leser auf, die Leidensgeschichte des Libanon bekannt zu machen. An anderen Stellen scheint er sein Projekt anzuzweifeln und sich selbst dafür zu kritisieren, dass er sich, während anderswo Kinder bombardiert werden, nur um seine Kunst kümmert.

Zwei Tage nach seinem Selbstporträt als Mann, der Flugzeuge mit einem Stift bedroht, stellt er sich auf ganz andere Weise dar, dieses Mal auf Französisch. Nun ist der Künstler keine Person mehr, sondern ein vermenschlichter Hund, aber mit denselben schwarzen Ringen unter den Augen. Auf diesem Bild findet Kerbaj keine Worte, und er hat auch keinen Stift und keine Hand, die ihn ergreifen könnte. Stattdessen gibt er ein animalisches Geheule von sich, und hinter ihm erkennt man den Schriftzug "Die Bomben fallen und wir bellen".

Wie sich seine Perspektive auf den Krieg wandelt, ist auf einer Zeichnung vom 27. Juli zu erkennen. In diesem Selbstporträt ist der Künstler gar nicht zu sehen. Über seinem Haus kreisen menschlich aussehende Flugzeuge, und aus einem Fenster erscheinen zwei arabische Sprechblasen, die dem Leser mitteilen, dass sich der Verfasser jetzt schlafen legt, weil oben die israelische Luftwaffe fliegt.

Über das gesamte Buch hinweg wechseln die Einträge wild zwischen Gefühlen von Entschlossenheit, Machtlosigkeit und dem Bedürfnis nach Essen und Schlaf hin und her. In einem Selbstporträt vom 10. August, wo er sich mit dunklem Gesicht und ohne Arme darstellt, gesteht Kerbaj auf Arabisch: "Ich weiß nicht, was ich tun soll".

Am gleichen Tag sind aber auch andere Bilder entstanden, die er gemeinsam mit seinem fünfjährigen Sohn Evan gezeichnet hat. Dort sieht man die beiden, wie sie zusammen in Kerbajs Lieblingscafé sitzen. Kerbaj trinkt einen Kaffee, während Evan sich einen Erdbeersaft gönnt. Und auf einer weiteren Zeichnung Evans ist ein seltsam beängstigender „patapouf“ (Fettkloß) zu sehen.

Eine Familie in Zeiten des Krieges

Überall in Kerbajs Memoiren lesen wir Hinweise auf seine Eltern, seine Ex-Frau, seine Freundin und seinen Sohn Evan. Besonders lag Kerbaj die Sicherheit und das Wohlergehen seines Sohnes am Herzen.

Das Buch erinnert stark an The Drone Eats With Me, die Chronik der israelischen Bombardierung von Gaza im Sommer 2014 von Atef Abu Saif. Gleichzeitig gibt es aber auch Unterschiede: Kerbaj hat viel mehr Möglichkeiten. Denn im Gegensatz zu Abu Saif hätte er aus dem Land fliehen können. Seine französische Ex-Frau und sein Sohn hätten dies auch beinahe getan. Doch Kerbaj wollte seine Stadt nicht verlassen. Am Ende blieb Evan mit seiner Mutter in den Bergen, während tief unter ihnen Beirut bombardiert wurde. Kerbaj sorgte sich um die Kinder, insbesondere diejenigen im libanesischen Süden, die durch Bomben und Feuer zu Tode kamen.

Wir hören auch kurz von Kerbajs Vater und seinen Geschwistern. Aber viel mehr erfahren wir von seiner Mutter, der Künstlerin Laure Ghorayeb. Ebenso wie er hat sie einen Blog verfasst, der schließlich in Buchform unter dem Titel 33 Jours (33 Tage) veröffentlicht wurde. Auch Künstlerkollegen und Musiker zählt Kerbaj zu seiner bunt gemischten Familie.

Letztlich ähnelt Kerbajs Lage viel mehr derjenigen seiner westlichen Leser, als es bei Abu Saif der Fall war. Kerbaj ist relativ mobil und kann den Konflikt deshalb sowohl von innen als auch von außen betrachten. Dabei muss er sich immer wieder entscheiden, auf welche Art er sich selbst und seine Botschaft künstlerisch darstellt. Am Ende des Buches teilt er uns mit, er werde jetzt für zehn Tage nach Schweden und Norwegen reisen. Genau wie für seine Leser, die das Buch zum Schluss aus der Hand legen, geht auch für Kerbaj das "normale" Leben weiter. Er erinnert sich daran, dass er ja ein Musiker ist, der seine Sachen packen und seine Trompete säubern muss. Der letzte Satz ist: "Bis wann?"

Indem er den Blog so beendet – ohne Schlusswort und ohne Nachtrag darüber, was in den nächsten Jahren im Libanon geschah – konfrontiert er uns mit einem recht unbefriedigenden Abschluss. Dennoch fühlt sich dieses Ende verblüffend real an: wie eine Mischung aus Erleichterung, Unsicherheit und einer schwer greifbaren Angst vor der Zukunft.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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