Mati Diops Film „Atlantique“

Ada, der die Zukunft gehört

Der herausragende Debütfilm von Mati Diop ist ein eklektischer Genremix und ein packendes Sozialdrama. Der Film handelt von einer gescheiterten Flucht über das Meer und der geisterhaften Wiederkehr der Ertrunkenen als eine Art Katalyse für Transformation und Umkehr. Von Adela Lovric

Im Umland von Dakar wird auf dem kargen Wüstenboden ein  futuristischer Wohnturm für Reiche errichtet. Der Muejiza-Turm steht für die real geplante Wohlstandsenklave, die nahe Dakar bis 2035 als Vorzeigeprojekt entstehen soll. Der Turm steht symbolisch für die Hybris der kleinen senegalesischen Elite in dem von sozialer Ungleichheit gebeutelten Land.

Die Eröffnungsszene zeigt diese Dichotomie in packenden Bildern. Dramatische Silhouetten verschwinden im gleißenden Licht hinter einem Staubschleier, der sich von den unbefestigten Straßen erhebt, während das ständige Dröhnen der Baufahrzeuge mit dem Brüllen einer nahen Viehherde verschmilzt.

Eine Gruppe von Arbeitern revoltiert. Die Männer warten seit drei Monaten vergebens auf ihren Lohn. Während der Rückfahrt der Arbeiter in die Stadt blickt der junge Souleiman (Ibrahima Traore) grimmig und verzweifelt auf das Meer wie auf eine unausweichliche Verheißung.

Er und seine Arbeitskollegen haben einen Plan zur Flucht nach Europa geschmiedet. Seine heimliche Freundin Ada (Mame Bineta Sane) ahnt davon nichts. Daher bleibt beim letzten Zusammentreffen des Liebespaars vor der Überfahrt vieles ungesagt und ungetan.

In der Falle

Am selben Abend treffen sich Ada und ihre lebenslustigen Freundinnen an einer Strandbar, wo sie eigentlich mit ihren Geliebten verabredet sind. Zu ihrem Entsetzen erfahren sie, dass die Männer in einem Holzboot aufs Meer gefahren sind. Keine der Frauen konnte sich verabschieden oder ihren Geliebten daran hindern, die gefährliche Reise anzutreten.

Filmplakat "Atlantique"; Quelle: Netflix
Einzigartige Vision: Mati Diop nahm mit „Atlantique“ 2019 am Oscar-Wettbewerb und an den Internationalen Filmfestspielen von Cannes teil. In Cannes war sie die erste schwarze Regisseurin, deren Film im Hauptwettbewerb um die Goldene Palme gezeigt wurde. Sie gewann damit den großen Preis der Jury.

Kurz darauf träumt Ada, dass Fischer den leblosen Körper von Souleiman in ihrem Netz finden. Das unbarmherzige Meer scheint ihn verschluckt und im Ganzen wieder ausgespuckt zu haben. Ada verzweifelt an ihrem Schmerz, während ihre Familie die Heirat mit Omar (Babacar Sylla) vorbereitet, einem stets unterkühlten Geschäftsmann, der sein im Ausland erworbenes Vermögen offen zur Schau stellt.

Ihre Mutter wischt alle Einwände von Ada beiseite. In der Verbindung mit dem wohlhabenden Omar sieht sie vor allem eine finanzielle Absicherung ihrer Tochter. Die junge Frau verstrickt sich immer mehr in der unterdrückerischen Hegemonie patriarchalischer und kapitalistischer Strukturen.

Am Hochzeitstag nimmt der Film eine übernatürliche Wende: Während die lebenslustigen Freundinnen versuchen, Ada die Vorzüge ihres künftigen Lebens im Wohlstand schmackhaft zu machen, entwickelt sich ein Streit mit den eher konservativ-religiösen Gefährtinnen Adas.

Plötzlich bricht im pompösen Schlafzimmer des Hochzeitspaars ein mysteriöses Feuer aus.  Der herbeigerufene Polizeiinspektor verdächtigt den vermissten Souleiman in Komplizenschaft mit Ada der Brandstiftung. Misstrauisch geworden, wird später Omars Familie Ada zur medizinischen Keuschheitsprobe schicken.

Grausige Rückkehr

Für afrikanische Männer auf der Flucht nach Europa ist das ersehnte Ziel wie eine Fata Morgana, die verschwindet, sobald man sich ihr nähert. In „Atlantique“ leben die Ertrunkenen nicht als Geister in Europa, sondern kehren als „Dschinn“ auf der Suche nach Gerechtigkeit in ihre Heimat zurück.

Ada entdeckt bald, dass Souleiman einer dieser Dschinns ist – angerufen von ihrem Weinen um den Verlust des Geliebten. Mati Diop rekurriert hier mit ihrer Erzählung auf die altarabisch-vorislamische und die islamische Mythologie. Dort gilt ein Dschinn als weder gutes noch böses übersinnliches Wesen, das aus Feuer und Luft erschaffen ist, seine Gestalt nach Belieben ändert und in die Körper der Menschen fahren kann.

Der Geist von Souleiman ergreift vom Körper des jungen Polizeiinspektors Issa (Amadou Mbow) Besitz. Mit ihm als Medium wird Souleiman für Ada sichtbar. So finden beide zur ersehnten Vereinigung. Diese romantische Szene markiert den ergreifenden Höhepunkt des Films, untermalt von Fatima Al Qadiris hypnotischem Soundtrack.

Auch die anderen ertrunkenen Männer kehren als Dschinns zurück. Sie fahren nachts in die Körper ihrer Geliebten, um den Lohn einzufordern, den der gierige Bauherr ihnen vorenthalten hat.

Die Erzählung überschreitet die körperlichen Grenzen parallel zu der Art und Weise, in der Frauen von dominanten religiösen und patriarchalischen Codes bestimmt, gemaßregelt und letztlich auch verletzt werden. Sie, die jetzt Besessenen, sind nicht länger Besitz, sondern werden als Dschinns zur Durchsetzung ihrer gerechten Sache ermächtigt.

So wie der Film die Migration thematisiert, ist er mehr als eine Geschichte von einer tragischen Flucht über den Atlantik. Seine filmische Umsetzung impliziert die Migration zwischen Körper und Geist – entlang des Geschlechterkontinuums und der Machtachse – und als Migration zu verschiedenen Formen des Jenseits.

Ein anderes Erwachsenwerden

Der Film spielt konsequent in Dakar und zeigt mehrere Facetten der senegalesischen Hauptstadt, aus der Diops Vater, der Musiker Wasis Diop, in den 1970er Jahren nach Frankreich auswanderte. Die Regisseurin folgt hier der Frage „Was-wäre-wenn“ und der Sehnsucht junger Menschen nach einem anderen Narrativ ihres eigenen Erwachsenwerdens.

Hierzu setzt sie scharfe Kontraste ins Bild: Schönheit vor einer Kulisse aus Schutt und Staub, Ausbeutung junger Menschen durch ein korruptes System, Selbstbestimmung gegenüber religiösem Konservatismus, weibliche Sexualität als Herausforderung des Patriarchats, bleierne Vergangenheit und das Ringen um Zukunft.

Das Ende der miteinander verwobenen Geschichten verschiebt die Machtverhältnisse entlang dieser Bruchlinien, während die quirlige Küstenstadt auf der kapverdischen Halbinsel langsam vor der brodelnden Kulisse des Ozeans versinkt.

Im Film erscheint der Ozean als stets bedrohliche Kulisse in geheimnisvoller Massivität; ein gewaltiges Gegenstück zur hyper-maskulinen Vertikalität des Muejiza-Turms. Der Ozean ist in seiner Melancholie endlos.

Ein Massengrab, das Erinnerungen an die Toten des grausamen transatlantischen Sklavenhandels und an die jungen Männer weckt, die den tödlichen Sprung in dem verzweifelten Versuch wagen, die europäische Küste zu erreichen. Alles zerbricht und verschwindet unter seiner kolossalen Wucht. Trotz aller Warnungen vor den bekannten Gefahren übt er eine fesselnde und unentrinnbare Verlockung aus.

Eine neue Welle der Repräsentationspolitik

Wer sich mit der begabten Mame Bineta Sane als Ada und Mati Diop als Regisseurin identifizieren kann, die beide tief in Adas Wesen eingeschrieben sind, wird sich Adas letzten Worten nicht entziehen können, als diese in der Schlussszene mit Blick in einen Spiegel sagt:  „Ich bin Ada. Die Ada, der die Zukunft gehört.“ Und ihr gehört tatsächlich die Zukunft. Ihrer vom kolonialen Erbe befreiten weiblichen Entschlossenheit.

Mati Diop nahm mit „Atlantique“ 2019 am Oscar-Wettbewerb und an den Internationalen Filmfestspielen von Cannes teil. In Cannes war sie die erste schwarze Regisseurin, deren Film im Hauptwettbewerb um die Goldene Palme gezeigt wurde. Sie gewann damit den großen Preis der Jury. 

Nur wenige Monate, nachdem der Film die Verantwortlichen der großen Festivals begeisterte, holte ihn Netflix auf die Streaming-Plattform. Die intensive Inszenierung und die Anerkennung von Mati Diops einzigartiger Vision beflügeln die Vorstellung einer neuen Bewegung, die die abgestandenen Repräsentationsmuster des Mainstreams aufmischt.

Adela Lovric

© Qantara.de 2020

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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