Mir gegenüber äußerte sich ein Bewohner Najafs, der namentlich nicht genannt werden wollte, dass die Regierungen seit nunmehr einem Jahrzehnt die finanziellen Sorgen der irakischen Bürger nicht ernst nähmen. Seit die irakische Regierung im Dezember 2017 den Sieg gegen IS erklärt hat, zeigen sich die Menschen noch frustrierter über die Willkür der Behörden und über einen Machtapparat, der es mit der ewigen Routine des Feilschens hält, anstatt sich um die wirtschaftlichen Belange der Iraker ernsthaft zu kümmern.

Interessanterweise begannen die jüngsten Demonstrationen in mehrheitlich von Schiiten bewohnten Städten. Die Zentralregierung in Bagdad wird seit dem Sturz Saddams hauptsächlich von schiitischen Parteien dominiert. Dass ausgerechnet die heiligen Städte der Schiiten im Irak, nämlich Najaf und Kerbala, Schauplatz solcher Massendemonstrationen sein sollten, ist wohl beispiellos.

Bislang hatten sich Unruhen im Irak vor allem auf die sunnitischen Gebiete im Zentral-Irak konzentriert. Im Jahr 2014 gelang es den IS-Dschihadisten, das Versagen der Zentralregierung zu nutzen, um marginalisierte sunnitische Gemeinschaften in lokalen Regierungsapparaten zu integrieren und ein sogenanntes Kalifat zu etablieren, das drei Jahre dauern sollte.

Anhänger Muqtada al-Sadrs halten Plakate mit Bildern des schiitischen Geistlichen Ayatollah Ali al-Sistani während einer Protestveranstaltung in Bagdad; Foto: picture-alliance/AP Photo/K. Kadim
Proteste gegen Korruption und Vetternwirtschaft: Die Unruhen im Irak hatten am 8. Juli in der Hafenstadt Basra begonnen, wo Sicherheitskräfte das Feuer auf Demonstranten eröffneten, und weiteten sich dann auf andere irakische Städte aus. Der führende schiitische Geistliche Großayatollah Ali al-Sistani hatte sich mit den Demonstranten solidarisiert. Er äußert sich zwar selten zur Politik, hat aber großen Einfluss auf die öffentliche Meinung.

Auffallend bei den jüngsten Protesten ist ebenfalls das Fehlen jedweder sektiererischer Rhetorik unter den Demonstranten. In Sprechchören war lediglich das Fehlen von Dienstleistungen und Arbeitsplätzen sowie das Versagen der politischen Eliten ein Thema. Obwohl die Reaktionen der irakischen Übergangsregierung hierauf bislang recht verhalten ausfielen, halten die Demonstranten bis heute an ihren wirtschaftlichen Forderungen fest.

Schiiten, Sunniten und Kurden vereint in ihren Forderungen

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der erwähnt werden sollte, ist die Tatsache, dass Großayatollah Ali al-Sistani, der von Millionen von Schiiten im Irak verehrt wird, die jüngsten Proteste unterstützte. Ein Vertreter von Al-Sistani erklärte, dass "die amtierende Regierung dringend daran arbeiten muss, die Forderungen der Bürger endlich umzusetzen, um ihr Leid und Elend zu lindern".

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