Massenhinrichtungen im Iran vor 30 Jahren

Ein dunkles Kapitel der iranischen Geschichte

Im Sommer 1988 erließ Ayatollah Ruhollah Khomeini ein Dekret, mit dem Tausende politische Häftlinge zum Tode verurteilt wurden. Monireh Baradaran war in dieser Zeit als linke Aktivistin im Gefängnis und erlebte, wie ihre Zellengenossinnen zur Hinrichtung abgeholt wurden. Mit ihr sprach Farhad Payar.

Warum hat das Regime die Massenhinrichtungen im Sommer 1988 durchgeführt – warum nicht früher oder später?

Monireh Baradaran: Die sogenannten Säuberungen in den iranischen Gefängnissen im Sommer 1988 waren Teil einer Strategie, die die Islamisten zur Verfestigung eines islamischen Systems schon seit 1979, direkt nach der Revolution, angewendet hatten, nämlich die Beseitigung aller Andersdenkenden und Oppositionellen. Es ging darum, keine Gegenstimmen von Linken, Volksmudschaheddin oder parteipolitisch neutralen Intellektuellen in der Gesellschaft zuzulassen. Sie alle wurden entweder hingerichtet, verhaftet oder ins Exil getrieben. Diese Praxis hält in veränderter Form bis heute an.

Glauben Sie, dass das eine spontane Aktion seitens des Regimes war, oder war dies von langer Hand geplant?

Baradaran: Das Regime hatte diese Massenhinrichtungen bereits länger geplant. Wochen vorher wurden viele Gefangene voneinander getrennt, manche wurden in andere Gefängnisse verlegt. Man hatte den Eindruck, dass etwas Besonderes, etwas Furchtbares bevorsteht. Es war kurz vor Ende des achtjährigen Krieges gegen den Irak. In dieser Zeit griffen die Mudschaheddin mit Unterstützung der irakischen Armee vom Irak aus den Iran an, in der Hoffnung, das Regime zu stürzen. Ihr Angriff wurde innerhalb von drei Tagen zurückgeschlagen. Im Gegenzug richtete das Regime verstärkt Gefangene hin, die den Volksmudschaheddin angehörten. Die Massenhinrichtungen waren auch eine Abrechnung mit den Linken.

Wie versuchte man das Vorgehen zu legitimieren?

Baradaran: Durch ein Dekret von Ayatollah Khomeini.

Ist bekannt, wie viele Inhaftierte damals hingerichtet wurden?

Baradaran: Mehr als 3.800 Fälle wurden bisher dokumentiert. Etwa 90 Prozent der Opfer gehörten den Mudschaheddin an. Die Familien der Hingerichteten haben die Leichen ihrer Angehörigen nie zu sehen bekommen.

Die Frauenrechtlerin und Aktivistin Monireh Baradaran; Foto: DW
Die Frauenrechtlerin und Aktivistin Monireh Baradaran lebt seit 1991 in Deutschland. Ihre Gefängnismemoiren hat Baradaran der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Buch mit dem Titel "Erwachen aus dem Alptraum" wurde in mehrere Sprachen, auch ins Deutsche, übersetzt.

Wurde bei Frauen und Männern ähnlich vorgegangen?

Baradaran: Bei den linken Frauen wurde das religiöse Gebot "Ertedad" (Apostasie) angewandt. Nach diesem Gebot muss man Frauen, die vom Glauben abfallen, so lange inhaftieren, bis sie Reue zeigen oder sterben. Bei vielen linken Frauen wurde angeordnet, dass sie täglich zu den Gebetszeiten 25 Peitschenhieben bekommen. Das Auspeitschen dauerte so lange wie das Gebet.  Die Frauen der Mudschaheddin wurden hingerichtet, obwohl sie gläubige Musliminnen waren. In dem Trakt, in dem ich einsaß, gab es insgesamt 44 Mudschahed-Frauen, die alle hingerichtet wurden. Es gab in Teheran ein dreiköpfiges Team, die sogenannte "Todeskommission". Die Mudschaheddin fragten sie: "Wie stehst Du zur Islamischen Republik? Wie stehst Du zu Deiner Organisation?" Wenn die Gefangene dann sagte: "Ich bin ein Mudschahed", reichte das völlig aus, um hingerichtet zu werden.

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