Welche Ihrer Mitgefangenen wurden hingerichtet?

Baradaran: Das waren politische Gefangenen, die mehrheitlich seit 1981 inhaftiert und schon längst verurteilt worden waren. Viele von ihnen hatten ihre Haftstrafen abgesessen und hätten eigentlich freigelassen werden müssen. Das waren zumeist Menschen, die ihren politischen Weltanschauungen immer noch treu geblieben waren.

Wann und wie haben Sie von den Hinrichtungen zum ersten Mal erfahren?

Baradaran: Am Anfang des zweiten Sommermonats wurden zum ersten Mal drei Anhängerinnen der Mudschaheddin aus unserem Trakt geholt. Wir hatten alle wochenlang keine Besuchserlaubnis erhalten, was uns beunruhigte. Die Mudschahed-Frauen kamen nicht mehr zurück, und ich hatte ein wirklich beklemmendes Gefühl, denn es war klar, dass sie nicht entlassen worden waren. Doch was mit ihnen geschehen ist, wusste niemand. Erst als wir wieder Besuch bekamen, erfuhren wir von den Hinrichtungen und dem ganzen Ausmaß.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde viel für die Aufklärung der Geschehnisse in jenem Sommer getan. Was haben die Nachforschungen ergeben?

Großayatollah Hussein Ali Montazeri; Quelle: amontazeri.com
Kurz vor Khomeinis Tod hatte Großayatollah Ali Hussein Montazeri es gewagt, die Massenexekutionen des Jahres 1988, bei denen bis zu 4.000 politische Häftlinge hingerichtet worden sein sollen, zu kritisieren. Auf der Aufnahme vom 15. August 1988 ist zu hören, wie Montazeri bei einem Treffen mit Vertretern der Justiz und des Informationsministeriums – darunter der heutige iranische Justizminister Mostafa Pourmohammadi – die Anwesenden für die Massenexekutionen des Jahres 1988 verantwortlich macht: "Ihr seid für das größte Verbrechen der Islamischen Republik Iran verantwortlich und werdet als Bösewichter in die Geschichte eingehen", so der Großayatollah wörtlich.

Baradaran: In dieser Hinsicht verdanken wir viel den sogenannten "Müttern von Khavaran" (den Müttern der politischen Gefangenen, die bei den Massenhinrichtungen getötet wurden). Sie haben im Laufe der Jahre durch ihre Versammlungen auf dem Friedhof Khavaran (wo viele der Hingerichteten in Massengräbern liegen), vor der Justizbehörde in Teheran und durch offene Briefe an die Verantwortlichen auf die Massenhinrichtungen hingewiesen und ihre Stimme sogar ins Ausland getragen. Nach und nach schlossen sich auch andere Frauen an. Sie wollten und wollen immer noch wissen, warum ihre Kinder, Ehemänner oder Geschwister hingerichtet worden sind und wo sie begraben wurden. Offene Fragen, auf die bisher niemand eingegangen ist.

Im Ausland wurden dann verschiedene Aktivitäten gestartet. Unter anderem hat die Borumand-Stiftung den britischen Richter Geoffrey Robertson mit Recherchen und der Erstellung eines juristischen Gutachtens beauftragt. Er hat mit Hinterbliebenen und Zeitzeugen, auch mit mir, Gespräche geführt und 2010 bekannt gegeben, dass die Massenhinrichtungen des Sommers 1988 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bezeichnen seien.

Es gab auch ein sogenanntes Iran-Tribunal, eine Wahrheitskommission...

Baradaran: Ja, bestehend aus mehreren internationalen Richtern, die sich mit dem Thema befasst haben und die Islamische Republik symbolisch angeklagt haben.

Die "Mütter von Khavaran" hatten Vorbilder, die international für Aufsehen gesorgt haben. Die Berühmtesten sind wohl die Mütter der verschwundenen politischen Gefangenen in Argentinien und der Türkei. Warum haben die "Mütter von Khavaran" nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren wie diese?

Baradaran: Das ist eine wichtige Frage, auf die ich keine plausible Antwort weiß. Die Mütter in Argentinien wurden von Medien und Verteidigern der Menschenrechte in allen Kontinenten, sogar vom Papst, unterstützt. Leider haben die "Mütter von Khavaran" nicht die gleiche internationale Unterstützung bekommen. Vielleicht ist das Schwarz-Weiß-Bild, das vom Iran in den Medien gezeichnet wird, ein Faktor dafür. Entweder romantisiert man den Iran oder man zeigt ausschließlich schreckliche Bilder. Dass es Widerstand und Streben nach Gerechtigkeit gibt, wofür diese einige Hundert Mütter stehen, passt nicht so recht in dieses Bild. Außerdem wurde die Verteidigung der Menschenrechte institutionalisiert, etwa in Deutschland. Es ist nicht mehr so wie in den 1970er oder 1980er Jahren, wo Tausende Menschen für Demokratie und Menschenrechte auf die Straßen gingen. Heute unterschreibt man lieber eine Petition im Internet.

Glauben Sie, dass irgendwann Licht ins Dunkel kommt und die Öffentlichkeit mehr über die Verbrechen vor 30 Jahren erfährt?

Baradaran: Bestimmt! Durch die modernen Kommunikationsmittel, besonders durch die sozialen Netzwerke, wissen immer mehr Iraner von diesen grauenvollen Ereignissen. Im Gegensatz zu den 1980er Jahren sind die Massenhinrichtungen vom Sommer 1988 nicht mehr nur Angelegenheit der Familien der Hingerichteten, sondern der ganzen Gesellschaft. Die junge Generation zeigt Interesse an diesen politischen Verbrechen. Und das gibt mir die Hoffnung, ja die Sicherheit, dass es irgendwann in absehbarer Zeit zu einer umfassenden Aufklärung der Geschehnisse kommen wird. Allerdings brauchen wir, das heißt die Aktivisten und die Familien der Hingerichteten, dafür die internationale Solidarität.

Das Interview führte Farhad Payar.

© Iran Journal 2018

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