Diese jungen Verzweifelten sind vielleicht der dritten Plage zum Opfer gefallen: der Zeit. Davon haben besonders die jüngeren Bewohner im Rif reichlich, vor allem in den Städten, viel mehr noch als anderswo in Marokko. Es gibt gleichzeitig aber nur sehr wenig, das sie mit ihrer Zeit anfangen könnten.

Leben als Müßiggang

In einer Stadt wie Al-Hoceima zum Beispiel, die am Mittelmeer fast genau zwischen Ceuta und Melilla liegt, gibt es einfach nichts zu tun: keine Freizeitangebote, keine Kultur, keine Arbeit. Deshalb hängen die Jungen einfach nur herum und rauchen, tagsüber auf Plätzen und an Straßenecken, abends in den Cafés. Hier schlagen sie stundenlang die Zeit tot und trinken Tee. Jedenfalls sieht man hier die männlichen Einheimischen, Frauen sind in öffentlichen Cafés nicht erwünscht und müssen zu Hause bleiben. Junge arbeitslose Leute gibt es in dem Küstenort wie Sand am mehr – wie fast überall in Nordafrika, wo der Altersdurchschnitt bei rund 25 Jahren liegt.

Viele leben von Gelegenheitsjobs, für sieben bis zehn Euro am Tag helfen sie in einer Schneiderei aus oder waschen in einer Küche das Geschirr. Drei bis vier Monate im Jahr sind sie so beschäftigt, den Rest der Zeit auf Arbeitssuche.

Flüchtlinge in der marokkanischen Provinz Nador blicken auf die spanische Exklave Melilla, Foto: picture-alliance/AP
Europa so nah und doch so fern: Viele junge Marokkaner kehren ihrem Land den Rücken, da Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit so gewaltig sind. In der Flucht nach Europa sehen sie oftmals die einzige Chance für einen sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg.

Flucht als letzter Ausweg

Worüber unterhalten sich die Leute, wenn sie so zusammensitzen? Die Gespräche kreisen immer um dasselbe Thema: das Auswandern. Davon träumen hier alle. Sie wollen nach Spanien, Belgien oder Deutschland, ganz egal wohin. Hauptsache Europa, wo alles besser ist. Schon Kinder und Jugendliche sprechen davon, dass sie weg wollen aus Al-Hoceima und malen sich ihre Zukunft an einem anderen Ort der Erde aus. Ihnen bleibt nur die Hoffnung, eines Tages von hier fort zu kommen.

Jedenfalls war das bis Ende des letzten Jahres so. Dann geschah etwas, das neue Hoffnungen weckte und plötzlich begann man sich darüber zu unterhalten, dass man gemeinsam vielleicht doch etwas ändern könnte.

Aus dieser Hoffnung speist sich seit einigen Monaten schon eine große Bewegung. Die Jugend im Rif hat genug von ihrem Leben und der trüben Zukunft. Im November 2016 war es, als einer von ihnen, der Arbeit hatte, unter nie ganz geklärten Umständen zu Tode kam. Mohsin Fikri war Fischhändler und stieß mit der Polizei zusammen. Als die Polizisten seinen illegalen Schwertfischfang beschlagnahmten und in einen Müllwagen warfen, sprang er hinterher. Warum daraufhin die Müllpresse angestellt wurde, die ihm zum Verhängnis wurde, darüber kann nur noch spekuliert werden.

Der Aufruhr aber, der daraufhin losbrach, dürfte die staatliche Ordnungsmacht in seiner Heftigkeit und Hartnäckigkeit überrascht haben. Bis heute können sich die Machthaber in Rabat nicht vorstellen, warum die vielen jungen Menschen in Al-Hoceima nichts besseres zu tun haben, als regelmäßig Massenproteste zu organisieren und ihrem Frust auf der Straße Luft zu machen. Und vielleicht waren auch die jungen Demonstranten zunächst überrascht. Doch was sollten sie anderes tun?

Und hier genau liegt wohl auch das Problem. Die Proteste werden aus diesem Grund nicht aufhören. Und wenn doch, werden sie früher oder später erneut aufflammen, vielleicht an einem anderen Ort in Marokko. Vielleicht auch in Tunesien, Algerien oder Libyen. Die drei Plagen des Rif kennt man in ganz Nordafrika.

Susanne Kaiser

© Qantara.de 2017

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