Marokkos Rif-Region

Drei Plagen

Dass in Marokkos Norden die Proteste der jüngeren Generation bis heute anhalten, kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren wird die strukturschwache Region des Rif wirtschaftlich benachteiligt. Zu viele Dinge laufen hier schief. Eine Analyse von Susanne Kaiser

Im Rifgebirge gibt es drei Plagen: Schattenwirtschaft, Einöde und ein Überschuss an Zeit. Zusammen ergeben sie die fatale Mischung, die gegenwärtig den Norden Marokkos heimsucht.

Die erste Plage erscheint genau genommen zunächst wie ein Segen. Ohne den Schmuggel beispielsweise hätte eine Region wie das Rif vielleicht gar nicht überlebt. Zigaretten, Alkohol, Kleidung oder Elektronik sind die Dinge, die Spanien in Massen hat und die man in Marokko gerne hätte. Das illegale Geschäft ist ein hartes Stück Arbeit, denn um die Waren von der einen auf die andere Seite der Grenze zu schaffen, müssen weite Strecken unter schwerer Last zurückgelegt werden. Doch ohne die anstrengenden Touren könnten sich viele Familien nicht über Wasser halten, Alternativen zum Schwarzhandel gibt es so gut wie keine.

Im Rif wird diese harte Arbeit vor allem von Frauen gemacht. Sie sind es, die sich jeden Tag auf den Weg machen in Richtung der spanischen Grenze, um in den Enklaven Ceuta und Melilla steuerfrei Waren einzukaufen, die sie dann in Marokko weiterverkaufen können. Die Schmugglerinnen müssen Mitten in der Nacht aufbrechen und viele Kilometer gehen, um sich am frühen Morgen an der Grenze rechtzeitig einen Platz in der Schlange zu sichern. Die Konkurrenz ist groß, bis zu 25.000 weitere Schmuggler wollen ebenfalls in die Innenstädte von Ceuta und Melilla.

Den besten Platz in der Schlange sichern

Wenn die Grenze öffnet, beginnt der Kampf: Wer ist am schnellsten bei den Warenhäusern der Stadt, wer ersteht zuerst die begehrten Güter, wer die besten, wer die meisten? Besonders das letzte zählt, denn es gilt, sich so viel wie möglich auf den Rücken zu laden, damit sich die Tour lohnt. Die Pakete sind größer als die Frauen selbst und wiegen zwischen 50 und 90 Kilogramm. Zu Fuß treten sie den Rückweg über die Grenze an, unter der brennenden Sonne muss das Gewicht auf dem Rücken noch viel drückender sein.

Viele kommen an diesem Tag nochmal wieder, manche sogar bis zu sechs Mal, um so viel zu verdienen, dass sie ihre ganze Familie davon ernähren können. Kaum eine Frau arbeitet nur für sich, sagt die Frauenrechtsorganisation Tawaza, die sich mit dem Phänomen beschäftigt. Die allermeisten würden sofort damit aufhören, wenn sie könnten - besonders die Älteren.

Grafik Marokko und Spanien mit den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla; Quelle: DW
Ökonomisches Drehkreuz für Schmuggelware: Es sind vor allem Frauen, die sich jeden Tag auf den Weg machen in Richtung der spanischen Grenze, um in den Enklaven Ceuta und Melilla steuerfrei Waren einzukaufen, die sie dann in Marokko weiterverkaufen können. Die Schmugglerinnen müssen Mitten in der Nacht aufbrechen und viele Kilometer gehen, um sich am frühen Morgen an der Grenze rechtzeitig einen Platz in der Schlange zu sichern. Die Konkurrenz ist groß, bis zu 25.000 weitere Schmuggler drängen ebenfalls in die Innenstädte von Ceuta und Melilla.

Man muss sich vorstellen, was am Grenzübergang los ist, wenn die Händler alle gleichzeitig zurück auf die marokkanische Seite drängen: Menschenmengen schieben sich mal im Laufschritt, mal nur stockend durch die straßenbreite Grenzpassage, auf dem Rücken die riesigen Pakete, Männer wie Frauen unter der Last gebeugt. Alles unter den wachenden Augen von spanischen Grenzbeamten und marokkanischer Polizei. Warum lässt man sie gewähren?

Blühender Schwarzhandel

Weil ganze Städte an der Grenze von dem illegalen Handel leben, auf der einen wie auf der anderen Seite. Für Ceuta etwa, das sonst nur für seinen schlechten Umgang mit Flüchtlingen berühmt ist, ist der Schwarzhandel sogar zur Haupteinnahmequelle geworden, ein Leben ohne ihn schon lange nicht mehr denkbar. Auf der anderen Seite, in Marokko, sind es rund 400.000 Menschen, die indirekt abhängen von der Arbeit der Frauen. Die Schmugglerinnen ernähren so allein fast ein Zehntel der gesamten Bevölkerung Nordmarokkos. In den Bergen des Rif gibt es wenig, womit man stattdessen Handel treiben könnte, denn was hier sonst angebaut wird, ist nicht für den einfachen Weiterverkauf gedacht.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.